Idriss Gabel

Interview

Entwurzelte Kindheit

| Isabella Kohout |
Regisseur Idriss Gabel über seinen ungewöhnlichen Flüchtlings-Dokumentarfilm „Früher mochte ich das Meer“

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Film über das Thema Flucht aus der Sicht von Kindern zu drehen?
Idriss Gabel: Ich habe bemerkt, wie die Medien im Allgemeinen über Flüchtlinge sprechen: Im Wesentlichen werden sie als „Migranten“ bezeichnet, ein Begriff, der sich auf wirtschaftliche und statistische Konzepte und gesellschaftspolitische Diskurse bezieht, die eher gespalten oder  überhaupt ganz verschlossen sind für die Idee, andere aufzunehmen. Warum nicht den Begriff „Flüchtling“ beibehalten? Vielleicht, weil dieser Begriff bereits die Tür zu einem „Status“ öffnet; zu einer moralischen Verpflichtung, Menschen in Not aufzunehmen. Um diese Sichtweise der Medien – der Erwachsenen – zu verlassen, wollte ich mich daher auf Kinder konzentrieren und ihnen eine Stimme geben, die sie sonst nicht haben. All dies ohne Bezugnahme auf die  üblichen schrecklichen Medienbilder, die uns Betrachter als „Voyeure“  ausweisen. Indem ich mich auf die Kinder, ihre Geschichten, ihre Erinnerungen, ihre Emotionen konzentriere und die Kamera im Film auf „Kinderhöhe“ stationiert ist, biete ich den Zuschauern eine humanere, realistischere Zugangsweise. Was könnte universeller sein als die Kindheit? Wir waren alle Kinder, und die Erfahrungen, die im Natoye Rot-Kreuz-Zentrum gesammelt wurden, berühren die Tiefen unserer Emotionen.

„Ich habe während der Reise ein Skelett zerquetscht“: Der Satz, der in kindlicher Schrift am Anfang des Films zu lesen ist, vermittelt dem Zuschauer ein unangenehmes Gefühl. Wie haben Sie als Regisseur es geschafft, Distanz zu den schrecklichen Erfahrungen der Kinder zu bewahren?
Idriss Gabel: Als ich zu drehen begann, wurde mir schnell klar, dass es schwierig sein würde, emotionalen Abstand zu halten. Die Unterstützung der Kinder durch einen Psychologen außerhalb des Roten Kreuzes erwies sich als notwendig und wichtig – die Kinder erlernten, auf bestimmte Art und Weise widerstandsfähig zu werden; so konnten sie sozusagen selber wählen, was sie erlebt haben und wie sie es verarbeiten. Es ist wichtig zu wissen, dass es während der Dreharbeiten keine Interviews gab. Die Kinder beschlossen von alleine, anderen Kindern hier in Europa zu erklären, was sie erlebt haben. Allerdings blieb es trotzdem schwierig für die Filmcrew, komplett distanziert zu den Erzählungen und den Gefühlen der Kinder zu bleiben.

Ich kann mir vorstellen, dass es Kindern schwerfällt, nach all den Erfahrungen, die sie gemacht haben, jemandem Vertrauen zu schenken. War es für Sie schwierig, die Kinder zu erreichen?
Idriss Gabel: Vor den Dreharbeiten verbrachte ich sechs Monate ohne Kamera im Zentrum. Ich habe meine Wochenenden dort verbracht. Ich habe dort geschlafen. Ich habe dort mit den Kindern gespielt. Ich bin richtiggehend in die Atmosphäre und das Leben im Zentrum eingetaucht. Ich nahm mir die Zeit, jedes einzelne der Kinder und ihre Familien kennenzulernen. Ich wurde von allen „brüderlich“ empfangen, zum Tee eingeladen, zum Essen … und ich nahm in ein paar Monaten sieben Kilo zu. Während dieser Zeit habe ich die Kinder nie aktiv gebeten, mir ihre Geschichten zu erzählen. An ihrer Seite zu leben, mit ihnen in einer brüderlichen Beziehung zu stehen, hat es mir ermöglicht, ihr Vertrauen zu gewinnen, dafür bin ich sehr dankbar. Dieses Vertrauen existiert bis heute. Ich erhalte Nachrichten, ich weiß, wer in der Schule erfolgreich war, ich treffe den einen oder anderen von Zeit zu Zeit – das alles mit großer Freude.

„Ich mag das Meer nicht mehr“ ist insofern ein ungewöhnlicher (Original-)Titel, da normalerweise ein Kind sowas nicht sagen würde – nach dem Anschauen des Films versteht man die Aussage aber natürlich. Wussten Sie gleich, dass diese Aussage ihr Filmtitel sein wird?
Idriss Gabel: Nein. Um ehrlich zu sein hatte ich vor den Dreharbeiten eine genaue Vorstellung davon, wie der Film aussehen würde. Ich hatte an folgenden Titel gedacht: „Entwurzelte Kindheit“. Aber zwei Dinge führten mich sehr schnell dazu, diesen Titel in Frage zu stellen. Zuerst eben der von Aïcha geschriebene Satz: „Ich liebe das Meer nicht mehr“. Der Satz schockierte mich regelrecht, ließ mich nicht mehr los und beschäftigt mich nach wie vor. Zweitens wollte ich ja genau deswegen den Film machen, um mir die Geschichten der Kinder anzuhören. Was lag also näher, als einen Titel zu wählen, der ihre eigenen Worte und ihre Realität widerspiegelt? Die Kinder wurden zwar wirklich entwurzelt, aber sie haben im Zentrum schnell ihre Wurzeln zurückgewonnen, indem sie die ganze Vitalität der Kindheit zum Ausdruck brachten und in wenigen Monaten Französisch lernten (das war für Erwachsene, für ihre Eltern, schwieriger). Der Titel „Entwurzelte Kindheit“ spiegelte nur meine eigenen Worte, meine Analysen wider, nicht aber die Gedanken und Erfahrungen der Kinder.

Hatten Sie das Gefühl, dass die Kinder ihre aktuelle Situation und die ihrer Eltern im Zentrum verstanden haben?
Idriss Gabel: Ich würde sagen: ja. Auf eine kindliche Weise. Wir merken im Film schnell, dass das Warten auf ein „Positiv“ oder „Negativ“ die Kinder belastet und destabilisiert.  Sie wollen ihren Eltern helfen, die erhaltenen Dokumente und Gespräche mit ihren Anwälten zu übersetzen, die Antwort auf ihren Asylantrag zu erfahren und manchmal wollen sie gemeinsam mit ihren Eltern ein “Negativ” durchstehen. Obwohl die Kinder ihren Eltern gerne helfen würden, können sie nunmal nicht an der Stelle von ihren Eltern leben, die ihrerseits “gute Integration” beweisen müssen, obwohl sie ständig von Vertreibung „bedroht“ sind! Wie können wir uns mit der Bedingung permanenter Unsicherheit integrieren, wenn wir noch keine Kenntnisse der Kultur oder Sprache des Gastlandes haben? Kinder erkennen das alles nicht klar. Sie hoffen auf das Beste für morgen. Was die Eltern betrifft, so hoffen sie das Beste für ihre Kinder und sind bereit, sich für sie auf Kosten ihrer eigenen Entwicklung oder ihres eigenen Erfolgs zu opfern.

Haben Sie ein Gefühl der Solidarität zwischen den Kindern in Zentrum wahrgenommen?
Idriss Gabel: Ja, natürlich. Was mich im Zentrum besonders beeindruckt hat, ist, dass man das Gefühl hat, in einer großen gemischten Familie zu leben.  Es ist natürlich auch widersprüchlich: Wenn jemand die eigentlich gute Nachricht eines „Positiv“ bekommt, entsteht natürlich eine Art „Riss“ bei den im Zentrum verbliebenen Kindern, ein Wiederaufreißen der Wunde des vorherigen Traumas. Sie wissen, dass sie dieses „Geschwisterkind“ verlieren und wahrscheinlich auch nie mehr wiedersehen werden. Durch ihre Erlebnisse haben die Kinder die Naivität der Kindheit viel zu früh verloren. Eine neue Herausforderung; ein neues Leben beginnt.

Vielleicht sollte betont werden, dass diese Kinder trotz der erfolgreichen Integration nie ihre Erfahrungen mit der Gewalt, die ihnen angetan wurde, vergessen können.
Idriss Gabel: Zum Schluss noch ein paar persönliche Worte: Wenn ich nach einer Filmvorführung das Publikum frage:  „Wer ist aller aus Belgien?“, sind fast alle Hände oben. Wenn ich dann noch frage: „Wer hat ausländische Wurzeln?“, heben sich ebenfalls noch viele Hände. Wir sind alle Migranten. Als Vater sage ich, dass ich, wenn unsere Zukunft durch Krise oder Krieg gefährdet ist, der Erste sein werde, der flieht, um meine eigene Zukunft und Kinder zu schützen. Was könnte in der Menschheit natürlicher sein, was könnte grundlegender sein! Und warum dieser Reflex? In der Tiefe unseres Herzens liegt offensichtlich ein tiefer Glaube: Wir wissen, dass wir Menschen sind, und wir verlassen uns gleichzeitig darauf, dass andere Menschen uns mit Würde aufnehmen und uns helfen. Die Erfahrung mit diesen Flüchtlingskindern von der anderen Seite der Welt wirft für mich einfache und unvermeidliche Fragen auf: Sind sie nicht in erster Linie Menschen? Ist das nicht das Wichtigste, das, woran wir uns immer erinnern müssen?