Alain Resnais räsoniert über Liebe, Vergänglichkeit und Theater.
Theater spielte im Werk von Alain Resnais, Jahrgang 1922, schon immer eine Hauptrolle. Sei es in den reduzierten Schauplätzen seines tragischen Meisterwerks Hiroshima, mon amour (1959) oder den eindrucksvollen Pappmachékulissen des „Was wäre wenn“-Filmdoppels Smoking / No Smoking (1993) nach Alan Ayckbourn: Die Künstlichkeit der Settings und Kulissen war oft ein effektiver Kontrapunkt zum Liebesleid der Protagonistinnen und Protagonisten. Auch im neuen Werk des Altmeisters ist Artifizialität ein grundlegendes Element.
Alles beginnt damit, dass eine Gruppe von Starschauspielern, von Mathieu Amalric über Sabine Azéma (Resnais’ Ehefrau) bis Michel Piccoli, die Nachricht erhält, dass ihr Freund, der Dramatiker Antoine d’Anthac „beim Reinigen seines Gewehrs“ verstorben sei und sie testamentarisch zu einer Zusammenkunft in einer malerischen Villa bitte. Dort teilt er ihnen via Video-
botschaft mit, dass sein Stück „Eurydike“, in dem jeder von ihnen einst eine Rolle verkörperte, von einer jungen Theatergruppe neu einstudiert wurde. Anhand einer Videoaufzeichnung sollen die Trauergäste beurteilen, ob das Stück noch immer etwas taugt. Doch wer ein „echter“ Schauspieler ist (und das ist hier durchaus wörtlich zu nehmen), der sieht nicht nur zu: Bald gibt es einen Dialog zwischen dem Video und den Anwesenden. Basierend auf Anouilhs „Eurydike“ vermischt Resnais die Ebenen: Während die Schauspieler von den Erinnerungen an ihre früheren Rollen übermannt werden, gehen die Schauplätze, die die Melancholie der im Stück verhandelten Liebesgeschichte untermalen, mittels CGI ineinander über: Die Villa wird mal zum Bahnhof, mal zum Hotelzimmer. Der Film versammelt viele der Themen, die Resnais seit langem beschäftigen: die Mühen der Liebe etwa oder die Vermischung unterschiedlicher Kunstformen. Weiters ist Vous n’avez encore rien vu von Wehmut und Fragen nach der Vergänglichkeit geprägt; am Ende mangelt es auch nicht an ironischen Überraschungen. Dass eine Rolle abwechselnd von mehreren Schauspielern verkörpert wird, sorgt durchaus für interessante Effekte, emotionale Resonanz stellt sich allerdings nur manchmal ein. Zwar war Distanz schon immer ein Stilmittel des Regisseurs, doch wird sie hier, anders als bei seinen Meisterwerken, zu selten von Emotionalität oder Humor abgefedert. Als Querschnitt durch das Werk eines Meisters hat der Film dennoch seinen Reiz.
Dem „Filmtheater“ bleibt Resnais jedenfalls weitherhin treu: Im Moment verfilmt er unter dem Titel Aimer, boire et chanter wieder ein Stück von Alan Ayckbourn.
