Einige der schönsten Berlinale-Entdeckungen ließen sich in diesem Jahr jenseits des Wettbewerbs machen. Ein Streifzug durch die Nebenreihen.
Man muss die Berlinale nehmen, wie sie ist: groß, eigenwillig und durchwachsen. Aber egal, wie sehr die Meinungen über die Jury-Entscheidungen im Hinblick auf die Gewinner im Internationen Wettbewerb auch heuer wieder auseinandergehen, waren die vielleicht spannendsten, mutigsten und schönsten Werke wie so oft in den Nebenreihen zu finden, die angesichts des Überangebots an Filmen insgesamt nur viel zu selten ins Blickfeld rücken. So wie Here, der in der Sektion Encounters gezeigt wurde und dort zurecht den Hauptpreis gewann. Und vielleicht gibt es kein treffendes Beispiel, den der flämische Regisseur Bas Devos lädt uns in seinem neuen Film explizit dazu ein, innezuhalten und uns die Zeit zu nehmen, die Dinge (und die Menschen) zu betrachten, die wir normalerweise nicht sehen.
Folglich ist es keine konventionelle Liebesgeschichte, die der Regisseur und Drehbuchautor in Here erzählt. Vielmehr entfaltet sich die zufällige Begegnung zwischen einem rumänischen Bauarbeiter und einer jungen Frau mit chinesischen Wurzeln, die gerade eine Doktorarbeit über Moose schreibt, so zaghaft, flüchtig und unmittelbar, dass man nur staunen kann, wieso es dieser Film nicht in die Auswahl für das Rennen um einen Goldenen Bären geschafft hat. „Ich fühle mich von etwas angezogen“ hat Devos selbst einmal über seine Art des Filmemachens gesagt, „das an der Grenze der Erzählung liegt – dort, wo die Geschichte endet, aber Bild und Ton verweilen. Dieser fast gefährliche Moment, in dem scheinbar nichts passiert, aber der Zuschauer sich mit der Welt verbindet, die der Filmemacher gesehen oder gehört hat. Ich denke, das ist der Moment, in dem sich die interessantesten Fragen stellen.“ Und genau an diesem Punkt setzt auch Here an, ein Film, der mit wenigen Worten auskommt und stattdessen seine fast quadratisch gefilmten, sehr bildhaften, urbanen Tableaus vor uns ausbreitet, als ob sie außerhalb der Zeit schwebten.
Die Macht der Worte steht dagegen im Zentrum von Tina Satters herausragendem Spielfilmdebüt Reality, die darin anhand der vorliegenden Protokolle und Tonaufnahmen von der Verhaftung der Whistleblowerin Reality Lee Winner erzählt, einer 26-jährigen US-Geheimdienstmitarbeiterin und Übersetzerin, die 2017 verhaftet wurde, weil sie ein geheimes Regierungsdokument über die angebliche russische Einmischung in die Präsidentschaftswahlen 2016 an die Medien weitergegeben hatte. Sydney Sweeney gibt im Film, der in der Sektion Panorama seine Weltprämiere feierte, die ungemein subtile und zutiefst einfühlsame Darstellung einer jungen Frau, die den ganzen Film über in ihren eigenen vier Wänden von zwei männlichen FBI-Agenten verhört wird. Kein Wort ist erfunden; die minutiöse Abschrift der Dialoge zwischen den FBI-Beamten und Winner sind öffentlich einsehbar, und Satter, die bereits ein Bühnenstück über den Fall verfasst hat, belegt auch im Film immer wieder die Echtheit der Aussagen, um ja keine Zweifel aufkommen zu lassen. Wir sehen wie Winner vor ihrem Haus von zwei Agenten Garrick (Josh Hamilton) und Taylor (Marchánt Davis) höflich angesprochen wird. Sie haben einen Durchsuchungsbefehl für ihr Haus und ihr Auto und fordern Winner mit einer seltsam spießigen Beharrlichkeit auf, sich quasi „freiwillig“ ihren Befragungen zu unterziehen. Nie werden ihr ihre Rechte vorgelesen oder ihr Recht auf einen Anwalt erwähnt. Die kühlen, oftmals monotonen Wortwechsel stehen im Gegensatz zu dem, was wir von einem amerikanischen Kino gewohnt sind, das sich allzu gerne auf unnötige Effekthascherei und Action verlässt, um das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Dennoch fesselt Reality in seiner eleganten Schlichtheit und formalen Kühnheit viel mehr als jeder Thriller oder jede Dokumentation.
Neben der bemerkenswerten schauspielerischen Leistung von Sweeney bleibt vor allem Leonie Benesch nach dieser Berlinale in Erinnerung, die in Ilker Çataks Das Lehrerzimmer mit einer bemerkenswerten Präsens noch jeden Zipfel der Leinwand ganz für sich einnimmt. Auch Benesch spielt eine junge Frau, eine Lehrerin, die alles dafür tun würde, um ihren Überzeugungen treu zu bleiben, und als einer ihrer Schüler des Diebstahls verdächtigt wird, beschließt sie deshalb kurzerhand, der Sache auf den Grund zu gehen. Wie sie im Verlauf der sich konsequent zuspitzenden Verwicklungen, über die man vorab besser nicht so viel weiß, an den Folgen ihres Handelns zu zerbrechen droht, ist ein nervenaufreibendes Kinoerlebnis, das man so schnell nicht wieder vergisst.
Ähnlich spannend ist es zudem, George Mckay und Nathan Stewart-Jarrett in Femme von Sam H. Freeman und Ng Choon Ping zuzusehen, deren Spiel jedoch einen ganz anderen Sog erzeugt. Stewart-Jarrett ist Jules, der sich als Drag Queen Aphrodite Banks im Londoner Nachtleben einen Namen gemacht hat. Aber als er beim Zigarettenkauf im Supermarkt erst verbal angegriffen und schließlich brutal verprügelt wird, zieht er sich nicht nur aus dem Rampenlicht der Queer-Clubs zurück. Sein ganzes Leben, das er fortan mit Videospielen und sozialen Ausweichmanövern gegenüber seiner Mitbewohner verbringt, kommt zum Stillstand, bis er eines Abends in eine Schwulensauna geht. Dort trifft er auf Preston (Mckay), jenen Typen, der ihn damals grün und blau geschlagen hat, und erkennt seine Chance: Er sinnt auf Rache, ist entschlossen, seinen Angreifer vor der Welt bloßzustellen. Und so beginnt zwischen den beiden Männern eine Affäre, in der jeder von ihnen ein Geheimnis vor dem anderen verbirgt, und sowohl ihre Gefühle füreinander als auch ihre Identitäten sich in einem atemberaubenden Rausch permanent wandeln.
Aber keiner hat die Verstrickungen zwischen Liebe und Lust auf dieser Berlinale eleganter und unterhaltsamer verfilmt als Ira Sachs, der in Passages Franz Rogowski, Adèle Exarchopoulos und Ben Whishaw in einer so komplizierten wie unterhaltsamen Dreiecksgeschichte vereint. Rogowski, der hier anstatt wie in dem Wettbewerbsbeitrag Disco Boy nicht in Söldneruniform, sondern in herrlich schrägen Outfits ins Bild rückt, um dem extravaganten Filmregisseur Tomas, den er verkörpert, Statur und Ausdruck zu verleihen, verliebt sich auf einer Party in Paris Hals über Kopf in Agathe (Exarchopoulos), obwohl er eigentlich Bett und Leben mit Martin (Ben Whishaw) teilt. Eines kommt zu anderen, Beziehungen zerbrechen, andere entstehen, bis sich am Ende die Frage manifestiert, zu welcher Art von Hingabe und Verantwortung Tomas wirklich fähig ist.
Es ist ein großer Auftritt von Rogowski in einem kleinen, feinen Film, dem in Rahmen der Berlinale viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, als er eigentlich verdient. Tatsächlich hätte man sich jeden, der hier angesprochenen Beiträge im Wettbewerb gewünscht. Bleibt zu hoffen, dass es möglichst viele von ihnen im Laufe dieses Kinojahres dennoch in die hiesigen Filmtheater schaffen.
