Stillwater

Stillwater

Im alltäglichen Grabenkrieg

| Jörg Schiffauer |
Tom McCarthys „Stillwater“ nimmt ein strittiges Gerichtsurteil als Ausgangspunkt, um mit kristallklarer Präzision gesellschaftliche Bruchlinien deutlich zu machen.

 

Gleich zu Beginn sieht sich Bill Baker (Matt Damon) einem gewaltigen Ausmaß an Zerstörung gegenüber. Ein Tornado ist über das heimatliche Oklahoma hinweggefegt und die Verwüstungen, denen sich der Ölarbeiter gegenüber sieht, während er sich an den Aufräumarbeiten beteiligt, könnten – wie sich bald herausstellen soll – geradezu sinnbildlich für seine privates Leben stehen. Denn der Auslandsstudienaufenthalt von Bills Tochter Allison (Abigail Breslin) in Marseille mündete in einer veritablen Katastrophe. Allison wurde nämlich für schuldig befunden, ihre französische Mitbewohnerin Lina, mit der sie auch liiert war, als Folge eines Beziehungsstreits getötet zu haben. Obwohl die junge Amerikanerin ihre Schuld, für die es trotz intensiver Ermittlungen nur Indizien gab, stets vehement bestritten hat, verbüßt sie nun seit fünf Jahren ihre Haftstrafe. Bill Baker hat nun wieder einmal genügend Geld zusammengespart, um sich von Stillwater in Oklahoma nach Marseille aufmachen zu können. Doch das Wiedersehen mit seiner Tochter bei einem Besuch im Gefängnis bringt gleich einmal eine überraschende Wendung mit sich. Allison meint, Hinweise über jenen jungen Mannes namens Akim zu haben, den sie am Abend des Mordes an ihrer Freundin in einer Bar getroffen und den sie von Anfang an für den wahren Täter gehalten hat – was von Polizei und Justiz jedoch stets als bloße Schutzbehauptung abgetan wurde. Doch nun soll Bill der Anwältin seiner Tochter die Informationen übermitteln, um so eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen. Doch die Juristin macht aufkeimende Hoffnungen rasch zunichte: Alle Rechtsmittel seien mittlerweile ausgeschöpft, die neuen Hinweise fragwürdig, für ihre Mandantin sei es nun an der Zeit, die Strafe zu akzeptieren.
Das jedoch will Bill Baker, der felsenfest von der Unschuld Allisons überzeugt ist, nicht einfach hinnehmen. Also entschließt sich er sich, im Alleingang den vermeintlichen Mörder aufzuspüren und damit seine Tochter zu entlasten.

Eine Frage der (Un-)schuld
Wer sich auch nur ein wenig für True Crime interessiert, wird angesichts des Plots von Stillwater vermutlich rasch hellhörig werden: Eine amerikanische Studentin in Europa, die nach dem Mord an ihrer Zimmergenossin ins Visier der Ermittler gerät und trotz stetiger Beteuerung ihrer Unschuld (zunächst) schuldig gesprochen wird – die Assoziationen mit der Geschichte von Amanda Knox, die von November 2007 an nach dem gewaltsamen Tod ihrer Kommilitonin Meredith Kercher in einen spektakulären Kriminalfall der letzten Jahre verwickelt war, erscheinen auf den ersten Blick offensichtlich. Und es sollte nicht lange dauern, bis sich Knox nach der Weltpremiere von Stillwater in Cannes Anfang Juli zu Wort meldete, um zu verlautbaren, dass sie sich durch die Art und Weise, wie der Fall in dem Film präsentiert werde, in ein schlechtes Licht gerückt fühle.

Nun kann man durchaus nachvollziehen, dass Amanda Knox höchst sensibel reagiert, musste sie doch nach dem Schuldspruch in erster Instanz mehrere Jahre im Gefängnis verbringen, ehe sie unter Vorbehalt auf freien Fuß gesetzt und schließlich 2015 vom letztinstanzlichen Kassationsgerichtshof endgültig freigesprochen wurde. Doch hier muss man doch  von einem groben Missverständnis sprechen, denn – ohne zu viel vom Verlauf und den Wendungen des Plots vorwegzunehmen – Stillwater nimmt den Mordfall und die rechtliche Aufarbeitung zunächst nur als Ausgangspunkt, um ein vielschichtigeres Szenario aufzubereiten. Dass die Ähnlichkeiten zum Fall Amanda Knox über weite Strecken rudimentär bleiben, liegt keineswegs nur daran, dass sich die Geschehnisse nicht im italienischen Perugia, sondern in Marseille zutragen.

Mittels der südfranzösischen Metropole wird frühzeitig im Verlauf von Stillwater ein Motiv etabliert, dem über den Justiz-Thriller hinaus zentrale Bedeutung zukommt: Bruchlinien sozialer, kultureller, individueller Natur auf allen Ebenen und die damit verbundenen fatalen Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die erste dieser Bruchstellen tut sich bereits auf, als Bill Baker in Marseille ankommt: Das multikulturelle Großstadt-Flair steht naturgemäß in starkem Kontrast zum Leben im titelgebenden Stillwater mit seinem eher beschaulichen Alltag, der von traditionellen Werten im als konservativ geltenden Oklahoma – einer jener Bundesstaaten, die so gern als Amerikas „Heartland“ tituliert werden – geprägt ist. Dabei wird Baker keineswegs als einer jener engstirnigen Hinterwäldler porträtiert, die man mittels selbstgefälliger Ferndiagnose vorschnell in solchen Regionen zu verorten meint, er ist vielmehr ein geradezu typischer Mann aus der Arbeiterklasse – mit bestimmten Wertvorstellungen und Prinzipien, ohne dabei jedoch auch nur irgendwie radikal zu erscheinen. Nichtsdestotrotz löst das hektische Treiben Marseilles – die sprachliche Barriere ist dabei nur eine offenkundige Hürde – fast so etwas wie einen Kulturschock bei Bill Baker aus. Der oft strapazierte Gegensatz zwischen urbanem und ländlichem Raum könnte hier nicht augenscheinlicher zu Tage treten. Seine Bemühungen, selbst zu recherchieren, um neues Licht in den Kriminalfall um seine Tochter zu bringen, erscheinen in dem für ihn völlig fremden Umfeld ein aussichtsloses Unterfangen.

Doch er erhält von gänzlich unerwarteter Seite Hilfe, als er in seinem Hotel zufällig die Bekanntschaft der Schauspielerin Virginie (Camille Cottin) und ihrer kleinen Tochter Maya macht. Als Virginie von Bills Involvierung in die Affäre um Allison Baker, die auch in Frankreich selbst hohe Wellen geschlagen hat, erfährt, bietet sie uneigennützig an, ihn als Dolmetscherin zu unterstützen. Es entwickelt sich eine durchaus ungewöhnliche, wenn auch fragile Allianz zwischen der feinsinnigen Französin und dem eher verschlossenen Amerikaner.

Bruchlinien
Tom McCarthy inszeniert den Handlungsstrang um das erwähnte Tötungsdelikt als detektivischen Thriller klassischen Zuschnitts. Doch Bill Bakers Nachforschungen, die ihn naturgemäß auch in die finsteren Ecken Marseilles verschlagen, samt den dabei generierten Spannungsbögen bilden eine Ebene, hinter der wiederholt jener Subtext hervorlugt, dem nach und nach zentrale Bedeutung zukommt. Denn der angesprochene Kontrast zwischen Marseille und Stillwater, Oklahoma, inklusive der resultierenden kulturellen Divergenzen eröffnet nur eine von vielen Bruchlinien, mit denen man im Verlauf von Stillwater konfrontiert wird. Nicht erst seit Donald Trumps heftig umstrittener Präsidentschaft wird immer öfter auf die zunehmende gesellschaftliche Spaltung und die sich auftuenden ideologischen Gräben verwiesen, die unüberbrückbar erscheinen und einen Diskurs zunehmend verunmöglichen. Welche Sprengkraft die Causa Trump samt allen damit verbundenen Insinuationen hat, wird Bill völlig unerwartet vor Augen geführt. Als Virginie und ihre beste Freundin mittels Sozialer Medien versuchen, eine Spur des besagten mordverdächtigen jungen Mannes zu finden, fragt Virginies Bekannte Bill unvermittelt, ob er denn auch Trump gewählt habe. Was den Amerikaner zunächst einigermaßen indigniert zurück lässt, denn der Tonfall lässt keinen Zweifel aufkommen, dass es im Fall einer Bejahung mit der Hilfe – zumindest von Virginies Freundin – gleich wieder vorbei wäre. Erst Bills Eingeständnis, dass er gar nicht mehr zur Wahl gehen würde, entspannt die Situation.

Stillwater greift jedoch keineswegs eine so offenkundig kontroverse Thematik nur auf, um auf die um sich greifende gesellschaftliche Zerrüttung zu verweisen. Die Gräben brechen entlang von Bill Bakers Odyssee im Verlauf seiner Nachforschungen permanent auf. Dass dabei nicht nur offensichtliche und abgegriffene Gegensätze bedient werden, sondern oft völlig überraschende Allianzen und Divergenzen entstehen, ist nur eine der Stärken von Tom MCarthys durchdachter Inszenierung. Als Bill ein Foto des verdächtigen jungen Manns einem Barbesitzer zeigt, erhält er, dem als Amerikaner aus Oklahoma abgesehen von Virginie in Frankreich wenig Hilfsbereitschaft entgegen gebracht wird, von dem älteren Herrn unerwartete Unterstützung. Der wäre nämlich jederzeit bereit, das Gesicht auf dem Foto als besagten Akim zu identifizieren und ihn mit dem Mord in Verbindung zu bringen. Denn dieser hätte, so die Meinung des französischen Barbesitzers, wie fast alle jungen Männer mit familiären Wurzeln im Maghreb sicher ohnehin etwas auf dem Kerbholz. Seine Identifizierung – ob die erfunden oder „nur“ unsicher wäre, bleibt offen – würde einen Straftäter von den Straßen Marseilles entfernen, Bill und seiner Tochter wäre auch geholfen. Die dolmetschende Virginie ist ob der so offenkundig rassistischen Motivation ihres Landsmanns entsetzt und bricht das Gespräch ab. Doch Bill Baker, der es zumindest nicht ausschließt, das ungeachtet der Beweggründe des Mannes, seine Aussage vielleicht doch stimmt, kann es sich nicht leisten, den einzigen Strohhalm so einfach fallen zu lassen. Es kommt zur Auseinandersetzung mit seiner Unterstützerin, bei der Bill ungewohnt deutlich wird: „You live in some fancy ass world, honey. I’m trying to get my little girl out of jail, that’s all I give a fuck about.“ Virginies knappe Replik „You sound very American right now“ wird Bill mit einem lakonischen „Good, I am“ kontern, und es wird offenkundig, dass sich eben nicht alles mit ein wenig gutem Willen in Wohlgefallen auflösen lässt.

Stillwater verhandelt jedoch gesellschaftliche Trennlinien keineswegs nur anhand politisch brisanter Themen, um auf oft strapazierte Gegensatzpaare – wie etwa urbane und ländliche Milieus – zu verweisen. Die Gräben verlaufen hier quer durch soziale sowie kulturelle Schichten und betreffen höchst unterschiedliche Aspekte des Zusammenlebens. Die Protagonisten von Stillwater scheinen sich in einem Zustand latenter Anspannung zu befinden, beinahe als ob sie permanent mit einem irgendwie aufbrechenden Konflikt rechnen. Und das liegt nicht bloß an der real angespannten Lage, in der sich etwa Familie Baker befindet, war doch das Verhältnis von Vater und Tochter offenbar schon merklich angespannt, bevor Allisons juristischen Probleme die Situation wirklich prekär machte. Dabei tritt die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, auch nur ein Stück weit seine eigene Position – dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um politische, private oder sonstige Belange handelt – in Frage zu stellen, wiederholt zu Tage. Bill wird selbst einmal geradezu trotzig „I don’t change“ in den Raum stellen. Und es verwundert wenig, dass sich das Leben angesichts solch starrer Fronten auf allen Ebenen immer mehr wie eine Art Grabenkrieg anfühlt, der kein Ende findet

Stillwater fungiert jedoch nicht als Lehrstück, Tom McCarthys Inszenierung verzichtet nämlich auf jeden Anflug von ranziger Didaktik. Seine Regiearbeit ist zunächst ein formidables Drama, bei dem die Aufklärung eines Kriminalfalls als stabiles dramaturgisches Gerüst fungiert, um darum herum seinen umfassenderen Subtext geschickt zu etablieren. Dass McCarthy es versteht, klassisch anmutendes Kino kongenial mit gesellschaftspolitischen Fragen zu verknüpfen, hat er mit dem Politthriller Spotlight (2015), der anhand einer wahren Geschichte die Aufdeckung von Missbrauchsfällen innerhalb der Katholischen Kirche Bostons durch ein Team engagierter Journalisten aufgriff, eindrucksvoll unter Beweis gestellt. McCarthy, der selbst auf eine Karriere als Darsteller verweisen kann, hat Stillwater als Schauspieler-Kino klassischen Zuschnitts in Szene gesetzt, das zwischen den scheinbar alles dominierenden Superhelden-Produktionen und dem zunehmenden CGI-Overkill erfrischend anachronistisch anmutend. Dabei wirkt McCarthys Inszenierung, die sich durch einen mit bedächtiger Präzision generierten Spannungsaufbau auszeichnet, auch aufgrund der Tatsache, dass vorwiegend on location gedreht wurde, so stimmig, dass man gerne wieder an die besonderen Qualitäten dieser Art des Filmemachens erinnert wird. Es bedurfte jedoch einer gemeinsamen Anstrengung von Produktionsfirmen wie Participant – die von Jeffrey Skoll 2004 gegründete Firma finanziert vornehmlich Filme, die sich brisanter Themen annehmen – und DreamWorks Pictures des prononcierten Filmliebhabers Steven Spielberg, um eine Produktion wie Stillwater auf Schiene zu bringen.

Ein Kraftakt, der sich augenscheinlich gelohnt hat, erweist Stillwater sich doch als kraftvolles Drama, das, was die Atmosphäre angeht, Assoziationen mit der höchsten Liga – von Hitchcock bis zu Polanskis Frantic – hervorzurufen imstande ist und mittels eines spannenden Plots gesamtgesellschaftliche Problemfelder anzusprechen versteht.

Eine weitere Qualität von Tom McCarthys Regiearbeit ist, dass sie nicht vorgibt, auf die angesprochenen komplexen Fragen simple Antworten geben zu können, sondern Ambivalenzen wie sie eben das Leben mit sich bringt, stehen lässt. Oder wie Bill Baker es griffig an einer Stelle formuliert: „Life is brutal.“