Das Renommierprojekt des deutschen Fernsehens, die zehnteilige Polizei-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ von Autor Rolf Basedow und Regisseur Dominik Graf, ist auf DVD erschienen. Ein begleitendes Interviewbuch vermittelt die Entstehungsgeschichte des sehenswerten, im Milieu der jüdisch-russischen Mafia in Berlin spielenden Filmromans.
Großmutter hat gesagt: Kindchen, unter Wasser siehst du den Mann, den du liebst.“ Dieser Satz aus dem Off steht am Anfang. Gesprochen wird er von der jungen Jelena (Alina Levshin), während wir ihren nackten, schönen Körper durch einen blaugrünen Waldsee tauchen sehen, irgendwo in der Ukraine. „Aber das Einzige, was ich immer sah, war ein deutscher Panzer aus dem Großen Vaterländischen Krieg, aber keinen Mann, der mich von hier fortbringt“, sagt die Stimme des traurigen Kindchens aus dem Off. Schemenhaft ziehen Fratzen von Männern unter der Wasseroberfläche an ihr vorbei, und zuletzt erscheint ihr, Oma sei Dank, dann doch ein knabenhaft aussehendes, viel versprechendes Gesicht – welches sich für die Zuschauer als jenes des Polizisten Marek (Max Riemelt) herausstellt, der in der nächsten Szene mit seinen Kollegen bei der Vollstreckung eines Haftbefehls in einem Berliner Hochhaus zu Gange ist.
Ausgehend von der Titelmusik, einem Männerchor aus Schwermut und Bedrohlichkeit, und ausgehend vom Bild der nackten Frau, die um einen versunkenen Panzer herumtaucht, ausgehend mithin von einem gefährlichen Gefühl der Sehnsucht nach dem Glück verheißenden Leben, entfaltet sich ein verschlungenes, weit verzweigtes Epos, das in jeder Hinsicht den Rahmen dessen sprengt, was im deutschen Fernsehen bislang vertretbar war. Rund 30 wesentliche Charaktere, annähernd 150 Sprechrollen mit Schauspielern aus diversen Ländern, jahrelange Vorbereitung, 115 Drehtage, ein Dutzend aufwändiger Action-Sequenzen, ein Budget von fast zehn Millionen Euro, keine Kinoförderung. WDR-Redakteur Wolf-Dietrich Brücker fasst zusammen: „Ich wünsche es keinem, das noch einmal mitzumachen. Die Entstehungsgeschichte war nicht lustig, ganz und gar nicht lustig, und das lange Zeit nicht.“
Das Wodka-Kartell
Im Zentrum des knapp 500 Minuten langen Filmromans, soweit man von einem Zentrum überhaupt sprechen kann, steht der erwähnte Wassermann Marek Gorsky, ein ernsthafter Berliner Streifenpolizist jüdisch-lettischer Abstammung. Unterstützt von seinem flockig-ehrgeizigen Ossi-Partner Sven Lottner (Ronald Zehrfeld) will er vor allem eines: den Mörder seines Bruders finden. Diesen vermutet Marek im Umfeld seiner Schwester Stella (Marie Bäumer), die mit dem russischen Restaurantbesitzer und Mafioso Mischa (Misel Maticevic) verheiratet ist. Mischas Lokal „Odessa“ wird immer wieder zur Zwischenstation von Mareks Odyssee durch die diversen Arbeits- und Beziehungswelten der russischen Charaktere, die zahlreich mit all ihren individuellen Macken eingeführt werden. Deren reichhaltige Tagesfreizeit wird von Zigarettenschmuggel, steuerfreier Zigarettenfabrikation, Schutzgelderpressung, Frauenhandel und Prostitution unterbrochen. Man hält zeremoniell Familienfeiern und Geschäftstreffen ab, zelebriert überkommene Rituale, dekliniert im Inneren die strengen Codes des Clans durch und demonstriert nach außen, in Machtkämpfen mit der verfeindeten Bande, seine bestimmende Position. Und mit jedem Liter Wodka, der durch die gierigen Hälse fließt, ändert sich die Dynamik der Machtverhältnisse, konturieren sich neue Konstellationen aus.
Auch wenn es ein wenig danach klingen mag: Im Angesicht des Verbrechens ist weder The Godfather in Berlin-Charlottenburg (dazu spielen die Ermittlungsbehörden eine zu wichtige Rolle) noch eine Migrationsstudie über russische Einwanderer (dazu sind die Kerle allesamt zu gut gecastet). Es ist ein Großstadt-Krimi und ein Action-Drama zugleich, in dem auch das Komödiantische nicht zu kurz kommt. Drehbuchautor Rolf Basedow und Regisseur Dominik Graf beobachten Berlin als umkämpfte neue Heimat der Verbrecher aus dem Osten und die großteils unbeholfenen Versuche der Ordnungsmacht, diesen die
Geschäftsgrundlage zu entziehen. Dem Ergebnis ist anzusehen, dass es auf ausführlichen Recherchen im Milieu beruht, dass die Fiktion durch Beschäftigung mit der Realität grundiert ist. „Ich habe versucht, diese Welt einigermaßen zu verstehen“, erzählt Autor Basedow, „die Strukturen, den kriminellen Kodex, wie kriminelle Geschäfte funktionieren. Gangsterfilme zeigen immer Gegenwelten mit eigenen Gesetzen und eigener Moral. Um diese Welt realistisch darzustellen, wollte ich die Wirklichkeit erfahren.“ Die Essenz des Films ist für Basedow „ein kollektives Panoramabild voller Emotionen und Aktionen. In diesem großen Bild erkennt man gleichzeitig alle individuellen Schicksale. Alles ist da: Herzlichkeit, Gewalt, Lachen, Weinen, Trauer, Tanzen, Verrat, Verachtung, Liebe, Aktion, Musik – die ganze Breite der Emotionen.“
Format egal
Seine Premiere erlebte Im Angesicht des Verbrechens voriges Jahr im Internationalen Forum des Jungen Films bei der Berlinale. Die Sondervorführung im Delphi-Kino in zwei Blöcken zu vier Stunden ließ Dominik Grafs lang gehegten „Traum vom Fernsehen als dem besseren Kino“ für zwei Tage Gestalt annehmen. Ein Gutteil des Publikums und der Kritik reagierte wohlwollend bis begeistert. Arte sendete im vergangenen Frühjahr fünf Doppelfolgen, im Herbst war die ARD mit der Ausstrahlung von Einzelfolgen dran. Doch am Ende knickte ARD-Programmdirektor Volker Herres vor der hinter den Erwartungen gebliebenen Quote ein: Die letzten drei Folgen wurden zusammengefasst und bis spät in den Freitagabend hinein ausgestrahlt. Das war der letzte, unrühmliche Akt einer von Anfang an – hauptsächlich wegen des enormen finanziellen Aufwands – durchwachsenen, umstrittenen Produktion, bei der zwischendurch wegen Gerüchten über permanente 18-Stunden-Arbeitstage sogar die Gewerbeaufsicht an den Drehorten auftauchte. Über die Debatten, Ultimaten und die Brüche zwischen Autor, Regisseur, Produzent Marc Conrad (dessen Firma noch während der Dreharbeiten Insolvenz anmelden musste) und den involvierten Sendern gibt ein im Alexander-Verlag erschienenes Begleitbuch zur Serie beredt Auskunft. Der von Johannes Sievert aus langen Gesprächen mit Dominik Graf und Interviews mit am Dreh und an der Produktion Beteiligten zusammengestellte Band versteht sich darüber hinaus und vor allem als Werkstattbericht, der allen Filminteressierten und Branchenbeschäftigten das Handwerk und den Prozess des Filmemachens näher zu bringen versucht – an Hand der konkreten Arbeitsweise von Dominik Graf, sowohl bei Im Angesicht des Verbrechens als auch bei früher von ihm inszenierten Filmen und Serien, beispielsweise Die Katze (1987), Die Sieger (1994), Der Felsen (2002) oder Eine Stadt wird erpresst (2006), vor allem aber und immer wieder „Der Fahnder“ (ab 1984) mit dem legendären Klaus Wennemann.
Schon 2003 hatte Dominik Graf, ebenfalls nach einem Buch von Rolf Basedow, das Rotlicht-Psychogramm Hotte im Paradies gedreht – mit Misel Maticevic in der Titelrolle eines Berliner Klein-Zuhälters, der der russischen Konkurrenz nicht gewachsen ist. In gewisser Weise stellt Hotte den Vorbereitungsfilm für das Mafia-Epos dar, eher aus der Hüfte geschossen (mit Mini-DV), ode,r wie Graf es ausdrückt, „wie ein Postkutschenüberfall inszeniert“. Im Angesicht des Verbrechens vergrößert dann erheblich das Spielfeld und stellt einen sympathischen Polizisten als Identifikationsfigur in den Mittelpunkt. Über diesen und andere Cop-Helden gibt Graf zu Protokoll: „Für mich müssen ihre Bruchstellen als Hauptfiguren tiefer liegen, psychologischer, raffinierter sein als nur in einer Gefährdung durch Habgier, Dope oder Korruption. Deshalb bin ich bei einer Serie wie ‚The Shield‘ recht schnell nach erster Begeisterung auch wieder unzufrieden. Ich finde, die Defekte der Bullenfiguren müssen in ihrem ‚normalen‘, kleinbürgerlichen Charakter liegen, zum Beispiel in Eitelkeit, Selbstverliebtheit, verstecktem Größenwahn, Rachsucht, in verborgener Hartherzigkeit oder in überraschender Liebessehnsucht. Insofern sind die Polizisten in Im Angesicht des Verbrechens natürlich absolut auf meiner Linie, denn Gorsky hat mit seinen Rachegefühlen und einer gewissen inneren Härte (z. B. spürbar in der Liebesbeziehung zu Jelena) genau die Art Schwachpunkte, die ich für eine Hauptfigur interessant finde.“ Dominik Graf, bekennender Hawksianer, Fan von Klaus Lemke und einer der größten Verehrer von Nicolas Roeg, schreibt auch selbst über Film („Schläft ein Lied in allen Dingen“, Alexander Verlag) und ist ein erfahrener Genrefilm-Regisseur, der sein Fach souverän beherrscht und seinen Stil variiert (zu den von ihm heiß geliebten schnellen Zooms kommen hier etwa flotte Etablier-Szenenfolgen zwischen Schauplatzwechseln).
Stalin schleckt auf
Die epische Erzählweise im Mehrteiler macht es Basedow und Graf möglich, sich mit Nebenfiguren und Nebenschauplätzen zu befassen, die nicht die Handlung befeuern, sondern eher wie leuchtende Koloraturen das Milieu auspinseln. Witzig zum Beispiel, wie ein Mafia-Feldwebel seinen Pitbull „Stalin“ in der Nacht aus dem Tierheim befreit und ihn sogleich mit dem Pausenbrot und dem Bier des Wärters füttert. Ein anderes Mal treibt Stalin zwei Beamte auf den Balkon und lässt sie dabei zusehen, wie er Kokainreste in der Wohnung seines Herrn aufschleckt – mit den evidenten Folgen. Köstlich das Mundwerk von LKA-Boss Roeber (Arved Birnbaum), fast schmerzhaft die Schmierigkeit des Geschäftsmanns Lenz (Bernd Stegemann), vergnüglich die Ferngesteuertheit des korrupten Cops Hollmann (Uwe Preuss), porentief der Machismo des Clan-Capos Andrej (Mark Ivanir).
In einer ausführlichen Sequenz lässt sich ein romantisch beseelter, inhaftierter Nachwuchsgangster gegen das Versprechen, auszupacken, mit seiner erst kurz vor der Festnahme eroberten Braut in einem Hotelzimmer von einem orthodoxen Priester vermählen (Titelzitat der Folge: „Nur ehrliche Liebe ist gute Liebe“). Es sind solche hübschen Einschübe, und davon gibt es einige in Im Angesicht des Verbrechens, die das an sich schlicht gewachsene Plotskelett mit reich durchblutetem Gewebe überziehen und es lebendig werden lassen. Ähnliches auf der Soundebene leistet unter anderem der omnipräsente Polizeifunk. Immer, wenn die Polizisten unterwegs sind oder ein Einsatzwagen im Bild ist, nimmt man sublim das Gefasel aus den Geräten wahr, bis plötzlich für das Geschehen relevante Informationen ins Bewusstsein perlen und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Über all diesen Details verlieren Basedow und Graf jedoch nie den Sinn für das große Ganze. Allein die Leistung, das umfängliche Figurenpersonal ständig im Blick zu behalten, mit den unterschiedlichen Milieus, den weit verzweigten Sprachen und Dialekten, mit dem Russisch-Deutsch-Mischmasch (in sorgfältig portionierten Dosen wird Russisch gesprochen und Deutsch untertitelt), lässt sich kaum ausreichend würdigen.
Wenn man überhaupt ein Problem der Serie ausmachen kann, dann handelt es sich um ein Frauenproblem. Graf legt besonderes Gewicht auf die Ehehölle zwischen Stella und Mischa, unter anderem auch, weil Stella die einzige weibliche Hauptrolle über dreißig ist. Doch Marie Bäumer trägt einigermaßen schwer an dieser Last. Denkbar wäre der Versuch gewesen, den Figuren der zwangsprostituierten Frauen (neben Jelena ist das die von Katja Nesytowa gespielte Swetlana) mehr Komplexität einzuräumen – sogar die vergleichbar deftige, aber insgesamt deutlich schwächere belgische Frauenhändler-Serie Matrioshki (2005) bietet facettenreichere weibliche Charaktere, die sich im Verlauf ihres Leidenswegs buchstäblich entpuppen. Die Jelena typenverwandte Heldin wandelt sich im Antwerpener „Club 69“ vom scheuen Objekt des Begehrens zu einem selbstbestimmten Subjekt, ohne sich dafür von einem Mann retten zu lassen.
Austarierte Ökonomie
Vielleicht ist es aber auch zuviel verlangt, von Im Angesicht des Verbrechens nuancierter gezeichnete ukrainische Dorfmädchen zu fordern, deren Großmütter Märchen erzählen: „Kindchen, im Wasser siehst du den Mann, den du liebst.“ Schließlich gibt es reichlich, wovon man angesichts dieser Serie angetan sein kann. Im Begleitbuch findet sich ein Aufsatz des Filmpublizisten Peter Körte, der das kundig verdichtet. Ein Auszug zum Schluss: „Wenn man dann diese zehn Folgen gesehen hat, am Stück, in zwei oder zehn Teilen, dann kann man nur staunen über die wunderbar austarierte Ökonomie des Erzählens, die auf ihre Weise so klug, so listig, so verschachtelt, voller Umwege und zugleich so robust und zielstrebig ist wie die Schattenökonomie der Mafia. Dann nimmt man erst die Schauspieler wahr, die man ja zum Großteil kennt, aber so gut noch nie gesehen hat (…) Ihre Leistung hat auch mit der Fallhöhe der Geschichte zu tun, mit ihren Verästelungen, mit der Zeit, die Graf sich nimmt. Man begreift, dass eine Trauerfeier im Restaurant Odessa sechs, sieben Minuten dauern muss, ohne dass der Plot auch nur einen Millimeter vorangetrieben würde, weil man auf diese Weise so viel mehr über diese Welt erfährt, über Hierarchien, Auftritte, Rituale. Und man spürt, wie dieser narrative Überschuss, diese Konzentration aufs Detail den Film nicht zerfasern lassen, sondern ihn sukzessive bereichern.“
