Im August in Osage County / August: Osage County

Im August In Osage County / August: Osage County

| Marietta Steinhart |

Celebrity Deathmatch: starbesetzte abgründige Familien-Groteske

My wife takes pills, and I drink“, kapituliert Beverly Weston (Sam Shepard), ein der Welt müder Schriftsteller. Im nächsten Moment stolpert besagte, von der Chemotherapie gezeichnete Ehefrau (Meryl Streep) in einer Wolke von Zigarettenqualm ins Zimmer. Sie spuckt Obszönitäten und speit vermeintliche „Wahrheiten“ aus. Es überrascht nicht, dass Beverlys Freitod bald die Familie zurück in die Prärie Oklahomas ruft und in einen Leichenschmaus mündet, der in physischer Gewalt eskaliert. Die Matriarchin triumphiert. Sie hat ihren Mann überlebt, aber geliebt, weshalb ihre drei Töchter sich samt eigenen Problemen in Osage County einfinden, um ihrer pillensüchtigen und an Mundkrebs erkrankten Mutter Violet (die Ironie ist nicht vergebens) zur Seite zu stehen.

Barbaras (Julia Roberts) Mann (ungewohnt unscheinbar: Ewan McGregor) hat eine Affäre mit einer jüngeren Frau, Ivy (Julianne Nicholson) ist heimlich mit ihrem Cousin (Benedict Cumberbatch) liiert, und Karen schleppt ihren neuen Liebhaber an (herrlich: Juliette Lewis und Dermot Mulroney). Im Verlauf der nächsten Tage wird das Nest zum Schauplatz von Affronts und laut (un)ausgesprochenen Lebenslügen. Es ist vor allem Julia Roberts, die – erfrischend unprätentiös – Meryl Streep die Stirn bietet. Margo Martindale als Violets vulgäre Schwester und Chris Cooper als deren devoter Ehemann komplettieren die Besetzung auf sehr erwähnenswerte Weise. Die Mitglieder des Ensembles sind in Höchstform: Sie schreien, sie plärren, sie fluchen und sie prügeln sich. Die Westons verkörpern die Anti-Waltons und die familiäre Welt, ein kränkelndes Ideal. Man kennt es von Tennessee Williams’ „Cat on a Hot Tin Roof“ und Edward Albees „Who’s Afraid of Virginia Woolf?“: theatralische Gemetzel, die an den Fassaden traditioneller Familienstrukturen kratzen.

John Wells verfilmte das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Theaterstück von Tracy Letts, der nach Bug und Killer Joe sein drittes Projekt selbst für die Leinwand adaptierte. So lebt der Film vom stark pointierten Kammerspiel übersteuerter Darsteller, derb-komischem Dialog und Liebe, Lüge, Leidenschaften-Anleihen, was als Schwäche, aber auch als Stärke ausgelegt werden kann. Das Schöne an diesem „Theaterfilm“ ist, dass er zur Intimität und Klaustrophobie des statischen Dramas zurückkehrt.