Die erste deutsche Netflix-Serie „Dark“ verbindet Mystery mit Achtzigerjahre-Nostalgie (ab 1. Dezember). Ein Gespräch mit den Schöpfern Baran bo Odar und Jantje Friese.
Ein Mädchen gibt einem anderen eine Kassette. „Das ist der Hammer, weißt du, worum es bei dem Lied geht? Um einen Mann, der ein Mädchen entführt und sie dann in den Wald schleppt, nur weil sie roten Lippenstift trägt, und am Ende bringt er sie dann um.” Das Lied heißt „Jeanny“, Österreichs einst weltberühmter Popstar Falco nahm darin die Rolle eines Mädchenmörders ein. Die deutsche Netflix-Serie Dark, u.a. mit Oliver Masucci, Jördis Triebel und Louis Hofmann, springt zwischen 2019 und 1986 hin- und her und ist gespickt mit solchen nostalgischen Elementen, Nena und He-Man-Actionfiguren.
Kleinstadtidyllen sind spätestens mit Twin Peaks Anfang der neunziger Jahre aufgeflogen. In der Tradition von Großmeister David Lynch setzt Dark, von Baran bo Odar und Jantje Friese (Who Am I – Kein System ist sicher), auf das Verschwinden eines Kindes, um in das Herz einer Provinzgemeinde vorzudringen. Wie zu Beginn ein Zitat von Albert Einstein andeutet, spielt die Elastizität von Zeit eine wichtige Rolle. Und es gibt ein Atomkraftwerk, das am Rande eines dunklen Waldes lauert.
Der Zeitsprung ins Jahr 1986 gibt den Showrunnern die Möglichkeit, Mystery und Nostalgie zu verbinden – eine inzwischen bekannte Formel, die zuletzt die Duffer-Brüder mit Stranger Things, einer Ode an Steven Spielberg und Stephen King, perfektionierten. Wie Lynch wollte auch Regisseur Baran bo Odar ursprünglich Maler werden. Während die Schöpfer von Dark im Gespräch betonen, dass ihre Serie ein ganz anderes Biest sei, sprechen sie über ihre künstlerischen Einflüsse.
In ihren eigenen Worten, worum geht es in Dark?
Jantje Friese: Es ist eine Serie über eine kleine deutsche Stadt, in der Kinder unter mysteriösen Umständen verschwinden. Im Mittelpunkt stehen vier Familien, die in dieser Stadt leben, Jugendliche, Eltern und Großeltern gleichermaßen. Und sie haben alle irgendwie mit dem Verschwinden der Kinder zu tun. Die Serie funktioniert wie ein Puzzle, also mit jeder Episode bekommt man neue Hinweise. Und diese weisen allesamt auf ein Phänomen hin, das Zeit und Raum biegt.
Wie ist die Serie zustande gekommen?
Baran bo Odar: Wir hatten den Film Who Am I gedreht, der in Deutschland ein Kassenschlager war. Netflix liebte den Film und fragte uns, ob wir eine Serie daraus machen möchten, aber wir sagten, wir möchten uns nicht wiederholen, denn sobald wir eine Welt verlassen, wollen wir sie nicht wieder betreten. Also stellten wir ihnen andere Ideen vor und sie mochten Dark.
Atomkraft ist eine böse Gegenwart in dieser Kleinstadt. Wird das der Kern der Serie sein?
JF: Dark geht zurück auf ein Ereignis des Jahres 1986. Während dieser Zeit sind wir aufgewachsen. Tschernobyl war für jeden in Europa eine große Sache, der saure Regen und das alles.
BO: Und mein Vater arbeitete im Atomkraftwerk.
JF: Wir wollten der Frage nachgehen: Was hat das mit uns gemacht, als wir Kinder waren? Und wie denken wir über Kernenergie? Trotzdem steht Atomkraft nur bedingt im Mittelpunkt der Geschichte.
Familie ist ein Ort, an dem hochdramatische Dinge geschehen können. Wie haben Sie die Dynamik zwischen den Charakteren entwickelt?
JF: Wir sind beide in kleinen Städten aufgewachsen und die Vorstellung, nicht zu wissen, was hinter den Türen unserer Eltern und Nachbarn wirklich passiert, ist etwas, das uns beide immer sehr interessiert hat. Diese Idee von der perfekten Kleinstadt, die friedlich wirkt, aber diesen Unterleib hat, der wirklich dunkel und gruselig ist.
Das hört sich an wie David Lynch. Dark wurde bereits im Vorfeld mit der Erfolgsserie Stranger Things verglichen. Sie erinnert auch ein wenig an die französische Serie Les Revenants. Verstehen Sie diese Vergleiche?
JF: Da es sich bei beiden um Mystery-Serien handelt, ist es wahrscheinlich fair zu sagen, dass es eine Verbindung gibt. Aber unsere Inspirationen gehen viel weiter zurück. Wir sind beide mit Twin Peaks aufgewachsen. Wenn wir Einflüsse betrachten, sind die wahrscheinlich mehr in David Lynchs Arbeit zu finden, wie auch in der von Stephen King.
Dark sieht sehr amerikanisch aus. Herr bo Odar, Sie haben auch in Hollywood gearbeitet. Wo liegen Ihre Einflüsse?
BO: Unsere Einflüsse liegen definitiv in Amerika, vor allem in den siebziger Jahren, in der New-Hollywood-Ära. Aber auch viele südkoreanische Filme haben mich geprägt. Was die tun, und was wir auch gerne machen, ist Genres zu mischen. Diese Filme kombinieren einen Monsterfilm mit einer Komödie, wie The Host von Bong Joon-ho zum Beispiel, den ich für einen brillanten Film halte, oder seinen Film Memories of Murder, den wir wirklich anbeten, eine Mischung aus Krimi und Komödie. Ich würde sagen, dass wir eher von diesen Filmen beeinflusst sind oder Filmen aus den Siebzigern wie All The President’s Men und Taxi Driver. Ich weiß nicht, ob wir „amerikanisch“ aussehen, denn alles, was wir versuchen, ist gute Bilder zu schaffen.
JF: Ich glaube nicht, dass die Amerikaner ein Monopol auf gute Bilder haben. Die kann man auch in Europa finden. Ich verstehe, dass unser Stil nicht typisch für eine deutsche Serie ist, aber wir sind beide sehr visuelle Menschen und sind von koreanischen oder dänischen Dingen ebenso beinflusst wie von amerikanischen Dingen.
Gibt es auch einen Bezug zum deutschen Kanon?
JF: Ich finde es wirklich komisch, immer wieder diese Frage gestellt zu bekommen. Es wurde in Deutschland gedreht. Die beiden Showrunner – also wir beide – sind Deutsche. Es sind nur deutsche Schauspieler. Jeder spricht Deutsch.
BO: Wir haben sogar eine deutsche Kamera benutzt. (Lacht.)
JF: Auch M – eine Stadt sucht einen Mörder ist einer der Filme, die wir wirklich gut finden. Er ist sehr dunkel in seinem Kern. Wir haben das Gefühl, dass es eine wirklich deutsche Serie ist. Nur weil etwas gut aussieht, ist es nicht amerikanisch. Bilder sollten in unseren Augen einfach so aussehen.
Wenn wir von der Ästhetik der Serie sprechen, sie sieht ziemlich finster aus. Was steckt hinter dieser Art der Kinematografie?
BO: Ich wollte immer Maler werden. Ich denke in Bildern und ich denke, ein Bild ist oft stärker als tausend Worte. Das ist unser Ansatz für jedes Projekt, das wir machen. Ich zeichne auch Comics. Gregory Crewdson, ein berühmter New Yorker Fotograf, macht wunderschöne Vorstadt-Aufnahmen in der Totale, und dann ist etwas Unheimliches drin, etwas Geheimnisvolles. Eine Küchenszene zum Beispiel mit einer Familie am Tisch und einer nackten Frau, die in der Tür steht. Ich mag diese Bilder, weil sie Fragen stellen. Und ich mag Fragen lieber als Antworten. Das war auch der Ansatz für Dark. Wir gaben allen Abteilungen die Fotobücher von Crewdson und sagten: „Das ist der Look und das Gefühl, das wir schaffen wollen.“ Ich wollte es noch dunkler machen, aber das ging nicht.
Sonst sieht man ja nichts mehr.
BO: Erinnern Sie sich noch daran als Panic Room von David Fincher rauskam? Es war ein großer Schock für alle, weil niemand etwas sehen konnte. (Lacht.) Ich fand das brillant, wie die ganze Atmosphäre des Films. Ich will etwas sehen und nicht alles sehen. Ich denke, das ist das Tolle an Horror. The Shining ist besser als andere Horrorfilme, weil man nicht alle Antworten bekommt.
JF: Die Dinge, die man nicht sieht, erzählen oftmals eine ganze Menge mehr als die Dinge, die man sieht.
Wie ist der „Look“ des Folterraums entstanden?
BO: Wir mögen Kontraste. Er sollte sehr hell sein, sozusagen höllisch hell. Auch von Park Chan-wooks Old Boy haben wir uns beeinflussen lassen. Es ist vielleicht eine Hommage an sein Zimmer.
Sie haben Twin Peaks erwähnt, eine sehr geheimnisvolle Serie. Wie balancieren Sie die Notwendigkeit, etwas zu erklären und nicht zu erklären? Es kann ja manchmal frustrierend sein, im Dunkeln zu tappen.
BO: In dieser Serie beantworten wir definitiv viele Fragen, aber Schritt für Schritt, das ist ja der Spaß an Mystery. Wir haben Lost geliebt, weil es so viele Fragen aufwarf. Nach sieben Staffeln war es unbefriedigend, aber davor war es brillant.
JF: Sie müssen Ihr eigenes Versuchskaninchen spielen, um das Gleichgewicht zu finden. Wir testen das immer an uns selbst. Zwei Leute, die den Eindruck haben, genügend befriedigende Antworten zu geben, sind ein Anfang. (Lacht.)
Bekommen wir alle Antworten bis zum Ende von Episode 10?
JF: Alle Antworten? Nein. Wir enden mit einem echten Mystery-Cliffhanger.
