Todd Haynes

Interview

I'm Not There – Todd Haynes im Gespräch

| Thomas Abeltshauser |

„Ich will in diesen historischen Moment eintauchen“ Todd Haynes im Gespräch über die Macht der Popmusik, den Nostalgie-Faktor seiner Filme und banale Biografien.

In I’m Not There wird Bob Dylan gleich von sechs verschiedenen Darstellern gespielt. Wie kamen Sie auf die Idee?
Todd Haynes:
Mir ist immer wieder aufgefallen, dass Dylan als ein Mensch wahrgenommen wurde, der sich permanent verändert. Mit diesen Verwandlungen enttäuschte er viele, aber in den sechziger Jahren gab es Leute, die meinten, sie hätten sich mit ihm unterhalten, und als sie ihn zwei Monate später wieder getroffen hätten, sei er ein völlig anderer Mensch gewesen. Die Stimme, der Look, das Auftreten – sein Umfeld war immer wieder verblüfft. Er muss sich ständig beinahe zwanghaft neu erfinden.

Waren alle Darsteller Ihre erste Wahl oder kamen einige erst später dazu?
Für die Rolle, die Heath Ledger gespielt hat, war ursprünglich Colin Farrell geplant. Zu einem bestimmten Zeitpunkt brauchten wir aber feste Zusagen von allen, damit wir die Finanzierung des Films bekommen konnten, was bei Colin Farrell nicht möglich war. Zu der Zeit hatte ich Heath Ledger gerade in Brokeback Mountain gesehen und war von seiner Darstellung völlig überwältigt. Ich hatte gehört, dass er eine zweijährige Pause machen wollte, aber ich habe es drauf ankommen lassen und mich mit ihm in New York verabredet. Es kam heraus, dass er eine Auszeit nehmen wollte, um selbst Filme zu drehen. Er war da sehr schüchtern und redete nicht gerne darüber, aber er machte unfassbar schöne Rockvideos. Und er wollte einen Film über Nick Drake drehen. Aber er liebte Nick Drake so sehr, dass es auf keinen Fall ein normales Biopic werden sollte. Es kam ihm falsch und grausam vor, Drake nachts depressiv in einer Bar zu zeigen oder wie man gewöhnlich das Leben eines Menschen nacherzählt. Er hatte die Idee, Nick Drake als Mädchen zu zeigen, das in einem Zug fährt …

Einen der Dylans spielt Marcus Carl Franklin, ein afroamerikanischer Teenager.
Als Bob Dylan jung war und im Schatten des großen Folksängers Woody Guthrie stand, hat er völlig verrückte Geschichten erfunden, was er schon alles getan und erlebt hätte. Genau wie der Junge im Film – das sind wortwörtliche Zitate von Dylan, die er da spricht. Er war gerade mal 18 Jahre alt und erzählte Leuten in New York von seiner unglaublich erfolgreichen Karriere, und alle waren völlig baff über seinen Grassroots-Akzent und die ganzen Woody-Guthrie-Gesten. Sie wussten, dass er nicht die Wahrheit sagte, aber es war egal, weil er es so fesselnd rüberbrachte. Ich habe überlegt, was passieren würde, wenn der Junge auch noch schwarz ist und trotzdem keiner sagt: „Hey, du kannst gar nicht Woody Guthrie sein!“ Dylan hat sich zwar nicht so genannt, aber er hat sich als sehr erfahrener Musiker mit einer faszinierenden Vergangenheit ausgegeben. Und er kam damit durch, einfach mit der reinen Projektion seines Wunsches, jemand ganz anderes als er selbst zu sein.

Ein anderer Dylan wird von Cate Blanchett verkörpert.
Es war von Anfang an Teil des Konzepts, dass dieser Teil Dylans von einer Frau gespielt werden soll. Der Dylan von 1966, zur Blonde on Blonde-Zeit, ist eine der bekanntesten Phasen. Damals war er eine verrückte, spinnenartige Figur, die absolut seltsam und fremdartig wirkte, was heute vielleicht nicht mehr so klar ist, weil wir es millionenfach gesehen haben. Und er hatte eine eigenartige Androgynität, die nichts Glamouröses hatte wie etwa bei David Bowie. Dafür wollte ich unbedingt eine Frau haben.

Hat sich Dylan selbst in das Projekt eingebracht, mit Informationen, Anregungen oder Kritik?
Nein. Wir erhielten nur ganz am Anfang die Erlaubnis, den Film zu drehen. Ich habe die kompletten Rechte auf Leben und Musik von Bob Dylan. Aber die Zusammenarbeit begann und endete dort.

Wie haben Sie aus dem schier unendlichen Dylan-Archiv die Songs ausgewählt, die im Film vorkommen?
Es war ein schreckliches Vergnügen, aus der Masse der Dylan-Songs die passenden herauszupicken. Ich wollte eine Reihe von tatsächlichen Dylan-Aufnahmen, um durch seine Stimme die einzelnen Geschichten zusammenzuhalten, wie eine Art roter Faden. Aber immer, wenn einer der Darsteller im Film einen Song aufführt, brauchten wir eine neue Coverversion, jemanden, der den Song neu interpretiert. Und dann gab es noch Songs, die ich drin haben wollte, die aber eher als Score oder im Hintergrund funktionierten. Auch da habe ich mir neu arrangierte Versionen anderer Musiker angehört. Am Ende hatten wir sehr viel mehr als nötig. Und die Entscheidung für jeden einzelnen Song hatte dann eher mit den Geschichten und ihrem dramatischen Aufbau zu tun.

Entspricht der fertige Film den Vorstellungen, die sie beim Schreiben hatten?
Er kommt ihm sehr nah, bis auf eine Figur namens Charlie, die wir rausgenommen haben. Ich wollte immer sieben Dylans haben und einer davon war Charlie, der in einer Geschichte auftaucht, die Woody erzählt, ein kurzes Stück, das wie ein Stummfilm inszeniert war mit einer Chaplin-Figur. Aber mir wurde klar, dass ohnehin schon unglaublich viel in dem Film passiert und diese Geschichte nicht unbedingt notwendig ist.

Es ist bereits Ihr dritter Film über Musiker, nach Superstar: The Karen Carpenter Story, in dem nur Barbiepuppen mitspielen, und Velvet Goldmine über David Bowie.
Popmusik hat einfach eine so unglaubliche Macht und erzählt so viel über die Vergangenheit, über unser Leben und unsere Gefühle und ist darin höchstens noch mit dem Kino vergleichbar. Beide sind diese eigenartigen Hybride, die sowohl Träume als auch den Markt bedienen. Sie berühren unser Unterbewusstes und sind zugleich Produkte, die gekauft und konsumiert werden. Sie sagen viel darüber aus, wie wir uns als Gesellschaft sehen und reflektieren Sehnsüchte. Das ganz allgemein. Konkret bei Velvet Goldmine hat mich die Möglichkeit fasziniert, einen Blick auf diesen Moment in der Popkultur zu werfen, der marktgesteuert war, in dem aber plötzlich alle Regeln auf den Kopf gestellt wurden.

Ihr Film ist ganz anders angelegt als herkömmliche Biopics über Musiker, etwa Walk the Line oder Ray, bei denen man immer das Gefühl hat, man sollte besser das Buch lesen.Oder sich einfach die Platten anhören. Leider wagt kaum jemand, die Form des Erzählkinos in Frage zu stellen oder sich wenigstens mal was Neues einfallen zu lassen. Die Form soll möglichst unsichtbar und unauffällig sein und jeder Inhalt in das vorgefertigte Schema passen: eine Box für alles. Damit banalisiert man aber jede Biografie. Jeder Künstler ist einzigartig. Warum sollte die Johnny-Cash-Story auf die exakt gleiche Weise erzählt werden wie die Ray-Charles-Story?

Ist Nostalgie oder eine Art von High Camp der rote Faden durch Ihre Filme?
Vielleicht, am meisten sicherlich bei Velvet Goldmine. Ich mag den Begriff High Camp. Für mich ist es ein sehr komplexer Mix aus Emotionen und Ironie, und vielleicht ist auch ein Stück Nostalgie dabei. Ich will in diesen historischen Moment eintauchen, den ich gerade erkunde und damit etwas über die visuellen und kreativen Sensibilitäten einer Ära lernen. Und hier nutze ich Dylan, um etwas über die sechziger Jahre und deren widersprüchliche Sensibilitäten herauszufinden.

Wenn Sie jemandem, der Bob Dylan nicht kennt, erklären müssten, wie viel in Ihrem Film Fakt und wie viel Fiktion ist …
Genau das ist doch das Tolle an Künstlern wie Dylan und jenen, die sich ständig verändern und weiter entwickeln: Die Grenze zwischen Realem und Erfundenem verschwimmt – und ist im Grunde auch unbedeutend. Das gilt doch für uns alle. Wovon werden wir beeinflusst? Welcher Wesenszug ist eigenständig von uns selbst und was haben wir von woanders? Wir machen Fiktionen zu Realitäten, sobald wir sie in unsere Leben integrieren. Der menschliche Organismus verändert sich dauernd, ist von den Genen genauso beeinflusst wie von den Erfahrungen und Einflüssen, denen er ausgesetzt ist. Wir sind im permanenten Adaptionsmodus.

In einer Szene tollt Dylan mit den vier Beatles wie kleine Jungs über den Rasen. Ist das so passiert?
Bei einem solchen Film dürfen die Beatles als Ikonen dieser Zeit natürlich nicht fehlen. Zumal sie und Dylan eine besondere Beziehung hatten, sie waren total ineinander verknallt. Die Szene, in der sie rumtollen, basiert auf dem ersten Treffen, bei dem Dylan tatsächlich auf die Vier zukam und sagte: „Ich mag diesen Song von euch“, und dann singt er mit dieser Chipmunks-Stimme „I get high, I get high“. Daraufhin meinte Paul ganz britisch: „Actually, it’s ‚I can’t hide.’“.