Am 31. Oktober kommt Kurdwin Ayubs „Mond“ in die Kinos: Ein Film, der kulturelle Grenzen und Identitäten beleuchtet und in Frage stellt. Im Gespräch teilen Ayub und Hauptdarstellerin Florentina Holzinger ihre Erfahrungen und Einblicke in die Entstehung.
Was passiert, wenn eine junge Frau aus Wien in den goldenen Käfig einer arabischen Milliardärs-familie gerät? Kurdwin Ayub liefert in ihrem neuen Film Mond eine Antwort auf diese ungewöhnliche Ausgangslage. Die Geschichte von Sarah, die als Kampfsportlerin nach Jordanien geholt wird, um dort die Töchter einer reichen Familie zu trainieren, stellt nicht nur kulturelle Klischees auf den Kopf, sondern spielt auch gekonnt mit Machtstrukturen und Identitätsfragen. Im Gespräch mit Ayub und Hauptdarstellerin Florentina Holzinger geht es um die Dynamik am Set, unkonventionelle Inszenierungsmethoden und den Kontrast zwischen realer und inszenierter Gewalt. Dabei zeigt sich, wie beide Künstlerinnen mit ihren jeweils originellen Ansätzen völlig unterschiedliche Perspektiven in das Projekt einbringen – und dennoch am gleichen künstlerischen Strang ziehen.
Frau Ayub, in Ihrem Vorgängerfilm „Sonne“ haben Sie den Konflikt zwischen „Orient“ und „Okzident“ als inneren Konflikt der Hauptrolle inszeniert. In „Mond“ treffen diese Welten mit Kampfsportlerin Sarah aus Österreich und den Töchtern aus Jordanien direkt aufeinander. Was fasziniert Sie an dieser Dynamik?
Kurdwin Ayub: In Sonne war die Ausgangssituation die liebe migrantische Familie. Das war mir irgendwann zu brav. Es gibt auch unschöne Facetten dieser Realität. Ich bin in Wien eher wie Nour, Shaima und Fatima in Mond aufgewachsen. Ich wollte ausbrechen, habe rebelliert und war neidisch auf meine „bio“-österreichischen Freundinnen, die machen konnten, was sie wollten. Später habe ich gemerkt, dass sie auch keine echte Freiheit hatten. Jede Figur in Sonne und Mond hat etwas von mir. Ich zeige in meinen Arbeiten die Ähnlichkeiten und Unterschiede dieser vermeintlich zwei Welten. Das ist mein Grundthema, das ich nicht loslassen kann.
Frau Holzinger, wie ist es bei Ihnen? Hat die Rolle von Sarah etwas mit Ihnen zu tun?
Florentina Holzinger: Ich komme nicht professionell aus dem Kampfsport, hatte aber eine intensive Kampfsportphase und traute mir zu, diesen Aspekt glaubhaft zu vermitteln. Der Gedanke, das eigene Land zu verlassen, wie Sarah, fasziniert mich auch. Diese Abenteuerlust kann ich nachvollziehen. Am Ende hätte ich vielleicht nur einen smarteren Fluchtplan gehabt!

Sarah trägt eine tiefe Einsamkeit in sich, bevor sie nach Jordanien reist. War es eine bewusste Entscheidung, diese Einsamkeit mit dem Freiheitsdrang der Mädchen zu kon-trastieren?
K. Ayub: Ja, Sarahs Einsamkeit nach ihrer Karriere wird mit der Sehnsucht nach dem „Käfig“ kontrastiert, in dem sie sich durch ihren Beruf befunden hat. In Jordanien fühlt sie sich im Hotelzimmer wohl und hat kein Interesse an touristischen Aktivitäten. Die Schwestern dagegen wollen aus ihrem familiären Gefängnis ausbrechen und riskieren alles. Ich wollte den Kontrast herausstellen und hinterfragen, wer mehr Kraft zum Kämpfen hat: Sarah als trainierte Kämpferin oder die Schwestern, die sich „nur“ als Kämpferinnen fühlen? Gewalt spielt hier eine große Rolle: Wer ist bereit, Gewalt zu wollen, zu akzeptieren oder zu suchen? Man könnte sagen, es ist ein Kontrast, aber auch eine Ähnlichkeit.
In einer Szene besucht Sarah allein einen Underground-Club. Man sieht schemenhaft, wie sie wild feiert – ein Loslassen. Wie haben Sie das erlebt?
F. Holzinger: Gute Frage! Kurdwin hat Sarah stark an mich angelehnt. Die Einsamkeit ist mir nicht fremd. In der Partyszene kulminiert alles, was ihr passiert ist. Sie hat gelernt, Dinge zu unterdrücken, vielleicht auch durch den Kampfsport, wo man Kontrolle über Gewalt lernt. Mit Alkohol tritt Unterdrücktes an die Oberfläche. Viele Kampfsportlerinnen haben einen ähnlichen Umgang mit Alkohol und Körperlichkeit. In einem männlich dominierten Feld kontrolliert man seine Sexualität und bleibt unnahbar. Durch Alkohol wird das gelockert. Das ist nicht exakt in der Szene so, aber ich denke, dass bei Kampfsportlerinnen oft eine unterdrückte Femininität im Rausch zum Vorschein kommt.
Das ist spannend, weil viel von der persönlichen Geschichte der Charaktere in Mond ausgespart wird. Haben Sie in Bezug auf diese Einsamkeit aus eigenen Erfahrungen geschöpft?
F. Holzinger: Es bot sich an, da wir in Jordanien gedreht haben und ich sowieso in einer fremden Umgebung war. Dieses Gefühl, anonym in einem Hotel zu sein, war realistisch.
Wie viel steckt von Ihnen, Kurdwin Ayub, im Charakter von Sarah?
K. Ayub: Ich kenne Sarahs Gefühl der Einsamkeit und des Fremdseins sehr gut.
F. Holzinger: Dabei ist Sarahs Rolle als Außenstehende zentral. Ob sie Kampfsportlerin oder Häkellehrerin ist, spielt keine Rolle.
Mir kommt vor, dass es in Mond auch um Grenzen geht, die sich unerwartet überlappen. Eine Szene, die mich schockiert hat, war die Situation mit der ältesten Tochter in der Küche.
K. Ayub: Das ist eine Schlüsselszene. Bis dahin weiß man nicht, wem man glauben soll: dem Bruder, der die Mädchen kontrolliert? Oder den Mädchen selbst? Das bleibt auch nach dieser Szene unklar, aber die Dringlichkeit wird sichtbar, und Sarah wird in diese Realität hineingezogen. Man fragt sich als Publikum: Würde man helfen oder nicht? Das macht die Szene stark.
Man hat als Zuseherin ständig das Gefühl, dass man wichtige Informationen der Gesamtsituation nicht kennt. Wie haben Sie das dramaturgisch entschieden?
K. Ayub: Ich wollte es so haben. Mir war wichtig, dass das Publikum Sarah folgt und sich dieselben Fragen stellt wie sie. Auch Sarah sieht nie das ganze Bild. Trotzdem bleibt die Frage, ob sie solidarisch agieren soll. Dieser Zweifel sollte bis zum Ende bestehen. Mich hat dabei die Geschichte von Prinzessin Latifah, der Tochter des Königs von Dubai, inspiriert. Sie ist mit ihrer Capoeira-Lehrerin geflüchtet. Tatsächlich kam aber nicht die Prinzessin heil davon, sondern die Europäerin. Das fand ich interessant und wollte dieses Gefühl in Mond wiedergeben: Wem glaubt man? Was ist wirklich passiert? Sind meine eigenen Vorurteile im Weg?
Eine zentrale Frage ist: Wer kämpft für wen? Wie sind Sie mit dieser Spannung umgegangen, Frau Holzinger?
F. Holzinger: Ich bin da nicht extrem psychologisch herangegangen. Wir haben chronologisch gedreht, sodass sich die Entwicklung natürlich ergab. In der Küchenszene sieht Sarah zum ersten Mal reale Gewalt. Zuvor zweifelt sie, ob die Mädchen sie täuschen, und zieht ihre eigenen Schlüsse. Es wäre langweilig gewesen, wenn alles klar gewesen wäre. Danach folgt die Szene, in der Sarah passiv und hilflos im Hotel ist. Ihr Moralverständnis ist zu diesem Zeitpunkt schon überlastet, sie weiß nicht, was sie tun soll. Diese deprimierte Rolle fiel mir nicht schwer.
K. Ayub: In der Realität würden die meisten genauso reagieren. Deswegen steckt da viel Wahrheit drinnen.
F. Holzinger: Mond hat keinen Hollywood-Plot, wo die Hauptfigur genau weiß, wie sie die Mädchen retten soll. Sarah hat selbst einen Fluchtreflex. Die Konsequenzen ihrer Entscheidungen treiben sie in eine Situation, aus der sie weglaufen will. Sie versucht, ein Hero zu sein, obwohl sie Angst hat. Das ist das Dilemma!
Ist die vorletzte Szene, in der Sarah „S&M“ von Rihanna singt, auch so zu lesen?
K. Ayub: Mir war wichtig, dass Sarahs Freundinnen über Schönheitsoperationen sprechen, um zu zeigen, dass das auch in Österreich ein Thema ist. Als Sarah dann singt, wird die Situation zynisch und absurd. Dass es gerade ein Lied über Sado-Maso ist, macht die Szene ironisch. Sie zeigt, wie ich den Film sehe: Alles ist kaputt, die Welt geht unter, und trotzdem feiern wir. Das tun wir, weil wir hilflos sind. Ups, das klang pessimistisch!
Haben Sie etwas Optimistisches zu der Szene zu sagen, Frau Holzinger?
F. Holzinger: Ich denke, die Szene zeigt den Kontrast zwischen der Romantisierung von Gewalt im Pop und der realen Gewalt – auch durch die Songtexte. Es war eine lustige, aber auch harte Szene für mich, weil Karaoke gar nicht meins ist.
Man hat Sarah auch angemerkt, dass sie beim Versuch, Spaß zu haben, eigentlich leidet.
F. Holzinger: Ja, es ist dieses impulsive „Ja“ sagen und es sofort bereuen.
K. Ayub: Sarah singt auch sehr zynisch, das fand ich gut!
F. Holzinger: Interessant, wie das SM-Thema als Kontrast eingesetzt wird. Es zeigt konsensuelle Gewalt im Gegensatz zur realen Gewalt.
Wie sollen Leute die kulturellen Grenzen betrachten, die Ihr Film aufzeigt, Frau Ayub?
K. Ayub: Diskussion und Provokation sind das Ziel. Deswegen habe ich in Wien einen Kontrast gezeigt: Sarahs österreichische Freundinnen glauben, alle Frauen tragen freiwillig Kopftuch, aber in Jordanien tragen Frauen kaum Kopftuch, und es gibt viel Reichtum. Es ist ein ganz normales Land. Frauen kämpfen aber, wenn es ihnen schlecht geht, egal wo. Ich wollte auch die Dynamik umkehren: In Mond ist Sarah die Arbeitsmigrantin. Klischees gibt es überall, man muss mit ihnen spielen. Das habe ich schon in Sonne gemacht, das ist für mich zentral.
Sind Sie beim Dreh in Jordanien an kulturelle Grenzen gestoßen?
K. Ayub: Jordanien ist liberal für Filmproduktionen. Es gibt eine starke, westlich geprägte Bubble mit Hipsterbars und westlichen Bezirken. Natürlich gibt es konservative Teile, aber die überschneiden sich kaum. Das ist ähnlich wie in Österreich. Als ich die Filmidee hatte, fanden viele Leute es als feministische Idee toll. In anderen arabischen Ländern gibt es Zensur, dort hätte ich nicht drehen können. Mond wollte ich ursprünglich im Nordirak machen, aber aus Sicherheitsgründen ging das nicht. In Jordanien leben viele reiche irakische Familien. Es geht nicht um das Land, sondern um diese spezielle Familie im Film.
Wie haben Sie die jordanischen Schauspielerinnen gefunden?
K. Ayub: Die Schauspielerin von Nour ist libanesisch-jordanisch, lebte vor dem Krieg im Libanon. Die anderen sind palästinensisch-jordanisch. Es war eine Mischung aus Models, Podcasterinnen und Netflix-Stars. Trotzdem war das Casting schwer, da es einige Tabus gibt, etwa Kussszenen. In manchen arabischen Ländern gab es nach Netflix-Serien mit Kussszenen Skandale, wo die Schauspielerinnen Drohungen bekamen. Die Familien sind daher vorsichtig, wo sie ihre Töchter mitspielen lassen. Wir haben Vertrauen aufgebaut, indem wir das Drehbuch vorab gezeigt haben.
Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit den Schauspieler-innen in Jordanien erlebt, Frau Holzinger?
F. Holzinger: Für mich war es extrem. Ich bin es nicht gewohnt, mich zu zensieren. Was Kurdwin geschildert hat, fand ich absurd. Man weiß, es gibt Dinge, die man dort nicht tun darf. Meine Arbeit sollte etwa nicht viel Aufmerksamkeit bekommen – nicht, weil es das Team gestört hätte, sie waren Teil der liberalen Bubble. Aber ich wollte nicht aufgrund irgendwelcher Second-Hand-Informationen unnötige Wellen schlagen.
K. Ayub: Das ist immer das Problem. Aber im Grunde ist es hier auch so.
F. Holzinger: Ja, aber hier weiß man, worauf man sich einlässt und was man bereit ist zu tun. Dort trägt man Verantwortung für andere. Jordanien ist natürlich nicht mit Saudi-Arabien zu vergleichen. Ich war noch nie dort, aber von dem, was ich gehört habe …
K. Ayub: Unsere arabische Premiere ist in Saudi-Arabien! Seit dem neuen König läuft es dort für Frauen besser. Ich werde sehen, wie der Film ankommt. Bisher gab es nur begeisterte Stimmen, sonst hätten sie uns nicht eingeladen.
Sie machen beide Kunst, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Wie haben Sie zusammengefunden? Gab es Momente, in denen sich Ihre Herangehensweisen im Weg standen?
F. Holzinger: Für mich ist es letztlich dasselbe. Ich habe Kurdwin gesagt, dass ich keine Schauspielerin bin, und sie wusste, was ich mitbringe. Für mich war es gut, keine klare Trennung zwischen Schauspiel und meinen anderen Projekten zu haben. Es war eine künstlerische Erfahrung wie viele andere auch. Besonders durch Kurdwin, weil ich ihre Vision teilen, aber auch eine eigene entwickeln durfte. Mond hat mich gleich angesprochen, weil Kurdwin gerne provoziert, aber anders als ich. Sich mit dem Nahen Osten auseinanderzusetzen, ist für sich schon ein Snakepit! Viele Menschen fühlen sich davon angegriffen. Ich habe großen Respekt vor diesen Themen und viel künstlerisches Verständnis.
K. Ayub: Ich fand Flo immer cool. Als ich die Geschichte schrieb, dachte ich sofort an sie. Ein Jahr später haben wir Castings gemacht und Flo als Erste getestet. Sie meinte, sie sei keine Schauspielerin, aber wir haben so lange probiert, bis das Selbstvertrauen da war.
Sie wollten nie Schauspielerin sein. Gibt es rückblickend eine Erkenntnis aus Mond?
F. Holzinger: Es war eine coole Erfahrung, weil es neu war und ich in der Verantwortung einer anderen Person stand. Ich wusste, es wird nicht leicht, weil ich hohe Ansprüche habe. Im Nachhinein war es eine glückliche Fügung, die sich organisch angefühlt hat – weniger wie eine Rolle.
K. Ayub: Man muss sagen, dass meine Inszenierungsmethode nicht darauf basierte, Texte auswendig zu lernen. Jeder hatte Aufgaben, wie sie in der Szene agieren sollten, und wurde so geführt. Das kann irritieren, aber die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler fühlten sich wohl damit.
F. Holzinger: Das hat mir den Freiraum gegeben, den ich brauche. Es hat sich nicht wie Arbeit angefühlt!
Mond ist inhaltlich eine Fortsetzung von Sonne. Haben Sie Ideen, wie Sie die Reihe abschließen möchten?
K. Ayub: Vielleicht wird es ein Universum!
Also geht es endlos weiter?
K. Ayub: Ich weiß es nicht. Ich mache gerade meinen nächsten Film. Es geht um eine amerikanische Journalistin, die 2014, als der IS angreift, in Mossul feststeckt und flüchten muss. Der Film handelt vom Krieg im Alltag und westlichen Menschen, die dort „Krieg spielen“.
Wird das Teil der Reihe sein?
K. Ayub: Ja, der Film wird wahrscheinlich Sterne heißen.
