Das 14. Pacific Meridian Film Festival in Wladiwostok
Wladiwostok – „Beherrsche den Osten“ – was für ein Name! Endpunkt der Transsibirischen Eisenbahn, lange Zeit Kriegshafen der Sowjetunion und für Ausländer „gesperrt“, usw. Davon ist heute nichts mehr zu spüren. Man gibt sich in der sibirischen Großstadt, die nicht nur geografisch, sondern auch wirtschaftlich sehr nahe an China, Korea und Japan gelegen ist, sehr gastlich und freundlich, allen voran das überaus kompetente Team des Pacific Meridian Film Festivals, das nun auch bereits zum 14. Mal stattfand und – siehe Namen – einen klaren Fokus hat: die pazifischen Länder, von Asien bis nach Kanada und Chile, aber, klarerweise, auch Russland selbst. Zwar gibt es auch eine Panorama-Sektion, die sich dem „Weltkino“ (von Toni Erdmann bis La Mort de Louis XIV.) widmet, aber in den drei Wettbewerben dominieren russische und pazifische Filme.
Die Jury für NETPAC (Network for the Promotion of Asian Cinema) bekam elf Filme vorgesetzt, von denen drei gar nicht aus Asien kamen, aber von Wladiwostok aus gesehen sind eben auch die Türkei und Russland asiatisch. Der NETPAC-Preis ging jedenfalls dezidiert nach Asien, auch wenn viele wiederum den Iran nicht für besonders asiatisch halten mögen: Hadi Mohagheghs Immortal ist ein ungewöhnlicher, tief beeindruckender Film über Ayaz, einen alten Mann, der sich nichts sehnlicher wünscht als zu sterben, nachdem er einen Minibus mit nahezu seiner gesamten Familie darin in den Abgrund gefahren und als Einziger überlebt hat. Doch alle seine Versuche, sich das Leben zu nehmen, scheitern oder werden von seinem Enkel Ebrahim vereitelt. Es entspinnt sich ein bizarrer Zweikampf zwischen dem sturen Alten und dem jungen Burschen. Schließlich verfällt Ayaz auch gesundheitlich, und Ebrahim tut alles, um seinem Großvater einen friedlichen Tod in Würde zu ermöglichen. Gefilmt ist das in großartigen Bildern von Kameramann Rozbeh Raiga – egal ob nun Panoramen der kargen Wüstengebirgslandschaft oder ganz intime Momente, in denen eine Ameise in die Nase des alten Mannes krabbelt. Raiga und der erst 29-jährige Regisseur Mohaghegh sind sicherlich filmische Kräfte, die man im Auge behalten sollte. Das ohnehin sehr reichhaltige iranischen Kino hat hier jedenfalls zwei auffällige neue Talente vorzuweisen.
Der Preis des Internationalen Filmkritikerverbandes (FIPRESCI) ging an den chinesischen Film Old Stone (Lao shi) von Johnny Ma, der bereits bei der Berlinale im Forum zu sehen gewesen war. Ma erzählt eine wirklich bewegende und kraftvolle Story um einen Taxifahrer, der bei einem Unfall einen Mopedfahrer anfährt, weil ihn sein eigener Fahrgast gerade irritiert. Er bringt, weil er es eilig hat, den Verletzten selbst ins Krankenhaus – und gerät damit in Teufels Küche, denn die Versicherung hat es gar nicht gern, wenn jemand die Vorschriften (auf die Rettung warten, Protokoll aufnehmen, usw.) umgeht. Sie weigert sich schlicht und einfach zu zahlen. Als der Mopedfahrer auch noch sehr lange im Spital ist, wird die Lage für Shi, den Taxifahrer, äußerst prekär. Das einzige, was man dem Regisseur – Absolvent der Colmbia University Film School – ankreiden kann, ist, dass er ein bisschen gar zu sehr nach Hollywood schielt und dem Film ein übertrieben ausgewalztes „Horror“-Ende verpasst, das so gar nicht zum Rest passt.
Schließlich ging auch der Hauptwettbewerb mit einem chinesischen Sieg zu Ende: Der vom Ausnahme-Auteur Jia Zhangke produzierte und vom jungen Regisseur Zhang Hanyi inszenierte Life After Life (Zhifan ye mao), ebenfalls schon in Berlin zu sehen gewesen, bewegt sich abseits ausgetrampelter Pfade. Angesiedelt in der von Jias Filmen her bekannten Provinz Shanxi, und da auf dem Lande, erzählt Zhang Hanyis Debüt von sozialer Entwurzelung, vom Aufeinanderprall zwischen Tradition und Moderne und von einer Frau, die (tatsächlich oder imaginär, das lässt sich gar nicht so richtig festmachen) von den Toten zurückkehrt, um nach dem Baum zu sehen, der einst im Hof ihres Hauses stand. Mit Liu Shumins The Family (Jia), der allerdings leer ausging, setzte das chinesische Kino ein weiteres Highlight: In stattlichen 282 Minuten erzählt der junge Filmemacher von einer (seiner?) Familie bzw. deren fortschreitende Auflösung: Ein altes Ehepaar besucht nacheinander seine drei erwachsenen Kinder, die über China verstreut sind und sich ziemlich von den Eltern entfremdet haben – ganz zu schweigen von den Enkelkindern, die zwar nicht geografisch, aber weltanschaulich längst ganz woandershin unterwegs sind. Mit einem plötzlich einsetzenden Thriller-Motiv gegen Ende des langen Films beginnt unvermittelt sozusagen eine neue Geschichte, die – so könnte man mutmaßen – in Lius nächstem Film erzählt werden wird. Herausragend an diesem Film, der durchaus auch seine Redundanzen hat, sind seine überaus klassisch kadrierten, sorgfältigen Bilder und seine langen Einstellungen, die Gespräche quasi in Realzeit wiedergeben.
Und last not least: Weil man selbst im wilden Osten des riesigen Russland nicht auf Stars verzichten will, war in Wladiwostok niemand Geringerer als Jacqueline Bisset zu Gast, unvergesslich nicht zuletzt wegen ihrer Darstellungen in Meisterwerken wie The Knack, Bullitt, Casino Royale oder François Truffauts La Nuit américaine. Sie winkte stets freundlich in die Menge und feierte während des Festivals ihren 72. Geburtstag.
