Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber, die Intendanten der Diagonale, im Gespräch über die gute Beziehung zwischen dem Festival und der Stadt Graz, über Streitkultur und über aufregende Begegnungen.
Sie leiten das Festival seit Juni 2015. Was hat sich in diesen knapp sieben Jahren alles getan oder verändert – von der Pandemie einmal abgesehen?
Sebastian Höglinger: Wir hatten einen sehr angenehmen Einstieg, weil wir beide ja fast sieben Jahre lang im Team waren und sehr eng mit unserer Vorgängerin Barbara Pichler zusammengearbeitet hatten. Das war eine Übergabe, wie man sie im Kulturbetrieb ja eher selten findet, mit offenen Karten. Es war also ein dankbarer Start, auch wenn wir für viele natürlich unbeschriebene Blätter waren. Und wir hatten nicht vor, alles umzubauen, es ging eher darum, die Stärken der Diagonale zu betonen. Durch unser Alter war es vielleicht auch einfacher, an eine jüngere Branche anzudocken, wobei ich das nicht „Verjüngung“ der Diagonale nennen will. Im Gegenteil: Wir arbeiten gerade das Archiv durch und sehen mit Freude, wie sehr es über die Jahre gelungen ist, gerade auch Leute, die damals jung waren oder auch in den nuller oder in den neunziger Jahren, langfristig an das Festival zu binden – bei gleichzeitiger Öffnung für die nächsten Generationen. Aber ich meine, auch wenn man den Begriff einer „nationalen Filmschau“ immer wieder hinterfragen muss, ist die Diagonale doch gerade für jüngere Leute, die ihre ersten Filme zeigen, ein Ort, wo sie sich wohlfühlen, wie soll ich sagen …?
… eine geschützte Werkstätte?
SH: (Lacht.) Das traue ich mich so nicht zu formulieren. Nein, ich glaube, das Festival hat sich so eine Art Lässigkeit bewahrt, wie das bei einer „nationalen Filmschau“ nicht selbstverständlich ist. Man muss bedenken, dass der Automatismus, den es früher gab, dass alles, was produziert wird, auch gezeigt wird, schon unter Barbara gefallen ist. Natürlich wird sehr viel gezeigt in der kurzen Zeit von fünf Tagen, aber eine Auswahl ist dringlicher und notwendiger denn je. Der Spagat zwischen Nischen-Filmen und großen Publikumsfilmen ist schwieriger denn je, aber der Experimental-, der Avantgardefilm hat nach wie vor seinen Platz, und das ist ja außerhalb Wiens keine Selbstverständlichkeit. Wir stellen jedenfalls fest – auch wenn Corona da einiges durcheinandergebracht hat –, dass der Publikumszuspruch immer noch steigt. Das, was Christine Dollhofer und Constantin Wulff begonnen haben, die Öffnung vom Branchen- hin zum Publikumsfestival, das hat sich bewährt. 2018 haben wir die 30.000er-Marke geknackt – auch wenn Zahlen freilich wenig über die Qualität einer Veranstaltung aussagen, ist das sehr erfreulich.
Peter Schernhuber: Man darf nicht vergessen, dass sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, obwohl es ja nur sechs Jahre sind, sehr verändert haben. Nur ein Beispiel: Als wir begonnen haben, hat man gerade angefangen, einen Facebook-Kanal zu betreiben, das, was heute ganz selbstverständlich ist, um unser Publikum zu adressieren. Auch, was die Bedingungen betrifft, unter denen wir Filme anschauen, haben wir einen Prozess von ungeheurer Verdichtung und Beschleunigung erlebt. Wir stecken da ja alle mitten drinnen und wissen noch gar nicht, wohin das führen wird. Und selbst wir, die wir noch so einer Idee eines Kinofestivals anhängen, sind dem unterworfen.
Zumindest bei Festivals scheint die Sehnsucht nach dem Kino, nach dem gemeinschaftlichen Erlebnis ungebrochen zu sein …
SH: Ja, bei Festivals herrscht, auch wenn ich das Wort nicht so gerne verwende, Ausnahmezustand. Die Verdichtung, die Kürze des Festivals bringt uns zwar bei der Programmierung immer wieder zur Verzweiflung, aber natürlich ist diese Konzentration auf wenige Tage für eine stimmige Festivaldynamik sehr hilfreich.
PS: Ich glaube, die zwei Pole, die ein Festival beschreiben, Gesellschaft und Geselligkeit, also Filme als Ausdruck der und über die Gesellschaft gemeinsam zu schauen – das ist eine Sehnsucht, die ungebrochen ist. Das ist generationenübergreifend, und egal, ob jüngere oder ältere Filmschaffende: Sie wollen einem Publikum begegnen. Gerade im Nachhall zu Corona wurde uns immer wieder kommuniziert, dass es abseits von Online-Festivals die große Sehnsucht gibt, wieder direktes Feedback zu bekommen. Im normalen Kinobetrieb mag das anders sein, da gibt es massive Veränderungen, aber beim Festival sind die Sehnsüchte, die es 1998 gab, nicht so viel anders als heute.
Wenn Sie jeder nur ein Highlight aus den sechs Jahren nennen dürfte, was wäre das?
SH: Eine meiner liebsten Erinnerungen ist die, als Shirin Neshat 2018 mit ihrem Film Looking for Oum Kulthum zu Gast war und wir mit ihr in die Neue Galerie gegangen sind, wo es eine Ausstellung von Katrina Daschner gab. Die beiden kannten sich nicht, aber es war unglaublich, welche Energie zwischen diesen starken Persönlichkeiten entstand. Sie haben dann gemeinsam quasi die Ausstellung „auseinandergenommen“. So etwas kann ein Festival ermöglichen, aus einer eher zufälligen Begegnung heraus. Und dann gibt es so Momente, am Abend, wenn der Stress so ein bisschen abfällt … Ich erinnere mich an ein Jahr, in dem die „Bar 8020“ wirklich über-besucht war, und die Straße die ganze Nacht voll war. Die Polizei hat das dann ignoriert, weil ohnehin kein Durchkommen mehr war. So etwas erlebt man nicht alle Tage. Solche Momente sorgen bei mir für Gänsehaut, wenn man sieht, wie die Leute nach dem Filmprogramm noch zusammenkommen, egal, ob um zu streiten oder einfach eine gute Zeit zu haben.
PS: Schwierig, nur einen Moment zu beschreiben … Man hat ja im Vorfeld so Ideen, was man machen könnte, wen man gerade interessant findet. Mit Ana Lily Amirpour war das 2017 so, dieser Wunsch, man könnte sie nach Graz einladen. Sebastian hat ihr in Berlin einen Brief zugesteckt, und dann kam die Antwort, sie hätte Interesse. Das war großartig. Oder wenn man Filmemacher wiederentdeckt, die nicht mehr so präsent sind. Mit Peter Ily Huemer war das auch 2017 so, dessen Filme wir davor nur peripher kannten. Man steigert sich in so eine Euphorie hinein, und als er dann nach Graz kam, auch mit einem neuen Film, das war schon toll. Diese Begegnungen von Menschen, die einander zuvor gar nicht kannten, das kann so ein Festival machen. Letztes Jahr war das so mit Barbara Zeman und Ulrike Ottinger: zwei völlig unterschiedliche Generationen und Kontexte, aber zwei Künstlerinnen, die einander sehr viel zu sagen hatten.
SH: Wir versuchen ja auch, mit der Reihe „In Referenz“ immer wieder solche Fäden zu spinnen. Das gelingt mal besser, mal schlechter. Als wir etwa mit Jessica Hausner sprachen und sie sehr viel von Maya Deren erzählte, während wir parallel mit Martina Kudlácek im Gespräch waren … das hat sich dann, auch über Alexander Hammid, sehr schön ins Programm eingefügt und für quasi versteckte, programmatische Klammern gesorgt.
PS: Sieben Jahre sind ja nicht so eine lange Zeit, aber mittlerweile gibt es ja auch einige historische Begegnungen, wo wir sehr froh sind, dass wir dabei waren. Maria Cäsar, die hochbetagte Widerstandskämpferin, noch einmal im Kino reden gehört zu haben, oder Elizabeth T. Spira, die ja in der österreichischen Filmbranche nicht unumstritten war, und auch einer jüngeren Generation zu vermitteln, warum das interessant ist, das fand ich sehr schön. Oder Hanno Pöschl, den ja viele unserer Generation nur als Mechaniker aus Medicopter 117 kennen … zu sehen, dass da viel, viel mehr ist, das ist toll.
Inwiefern ist Graz ein guter Standort für das Festival?
SH: Wir haben, unabhängig von unserem Konzept, wo das ohnehin drinnenstand, sehr viel Energie darauf verwendet, das Festival noch stärker in Graz zu verankern, mit den verschiedenen Partnerorganisationen noch mehr im Austausch zu sein und die kleine Szene, die es auch gibt, noch näher heranzuholen, ohne dass es „Graz-Festspiele“ werden. Ich denke zum Beispiel daran, dass Ludwig Wüst 2019 im Schauspielhaus „Fräulein Julie“ inszeniert hat, das kann ein Filmfestival alleine niemals stemmen, oder daran, dass wir heuer mit Camera Austria und mit Tizza Covi und Rainer Frimmel eine Fotoausstellung machen. Das ist eine Ko-Produktion, und das wäre vielleicht vor ein paar Jahren so nicht denkbar gewesen.
Warum funktioniert es in Graz so gut? Begonnen hat ja alles 1993 in Salzburg, und dort hat es gar nicht geklappt, da blieb die Diagonale ein Fremdkörper.
PS: Ja, interessant. Auch wenn ich keinesfalls an Graz rütteln will, aber dieses Gedankenspiel, wie man das machen könnte, dass so ein Festival auch in Salzburg funktioniert, das ist schon reizvoll. Es gibt halt in Graz nicht nur eine sehr aktive Kunst- und Kulturszene, sondern auch ein gesellschaftliches Umfeld, das das mitträgt und finanziert. Das beginnt bei privaten Personen, die bereit sind, in diesem Bereich zu investieren, aber das ist mehr als Sponsoring, das ist ein ideelles Commitment. Graz hält auch Widersprüche aus. Zum einen gibt es diesen braunen Background, Stichwort „Stadt der Volkserhebung“, den man ja nicht wegdiskutieren kann, auf der anderen Seite ist es eine sehr progressive Stadt. Wir haben für die Steiermark-Schau, die 2021 stattfand und wo die Diagonale ein Gastprogramm hatte, sehr viel im ORF-Archiv recherchiert und die tollsten Bonmots über Graz gefunden, von Wolfgang Bauer zum Beispiel, und überall geht es um diese Widersprüchlichkeit. Das ist kein schlechter Boden für die Diagonale, die ja eigentlich der Widerspruch in Permanenz ist.
SH: Ja, und es ist schwierig, Leuten, die nicht aus dem Filmbereich kommen, zu vermitteln, was da alles Platz haben muss. Da trifft man auf Unverständnis.
PS: Niemals würde es zum Beispiel in der Musik ein solches Festival geben mit allen Stilrichtungen, allen Gattungen. Aber hier soll das funktionieren, und das tut es auch.
SH: Es gibt die Innenstadtkinos und engagierte Kinobetreiberinnen und -betreiber, es gibt ein gewisses Innenstadtflair, das Mediterrane, dazu der Termin, dieses Frühlingsbeginn-Artige, das schätzen auch die internationalen Gäste, und natürlich eine florierende Gastro-Szene, die uns, die wir vorher das Youki-Festival in Wels gemacht hatten, ja überwältigt hat. Die Stadt Wels empfängt einen nicht gerade mit offenen Armen, sagen wir einmal so. Das ist in Graz schon anders. Auch, dass sich die Lokale so engagieren für das Festival und sich freuen, dass viele Menschen kommen, das ist natürlich sehr gut.
PS: Was ich auch bemerkenswert finde, dass es zwischen den einzelnen Kultursparten recht offene Kanäle gibt. Da gibt es nicht nur erstaunliche personelle Überschneidungen, sondern auch eine große Bereitschaft und Offenheit, miteinander zu kommunizieren. Das habe ich in Oberösterreich nie so erlebt.
SH: Das hat vielleicht auch mit der Tradition und Historie des Steirischen Herbsts zu tun, den es ja schon lange gibt – dass die Galerien, die Museen, die Theater, letztlich auch die Kinos, schauen, was die anderen so machen und wie man zusammenarbeiten kann beziehungsweise ein Bewusstsein für die Arbeit der anderen haben. Da entsteht eine Offenheit, die wirklich ungewöhnlich ist – und die in Graz und der Steiermark auch von der Politik gestützt wird.
Was muss man tun, was muss alles aufgeboten werden, um das Jubiläum „würdig“ zu begehen?
PS: Ich glaube, das Wichtigste ist, das man nicht allzu sehr auf die letzten 25 Jahre zurückblickt, sondern dass man sie als die ersten 25 Jahre begreift. Es ist ein Punkt, an dem man Weichen stellen kann, wobei – wie gesagt – man gerade beim Film nicht genau weiß, in welche Richtung es weitergeht. Man muss schauen, was junge Filmschaffende in Zukunft wollen, wie sehr es sie zum Kino zieht, denn die Diagonale versteht sich nun einmal ganz klar als Kinofestival.
SH: Wir scheuen uns, diese 25-Jahre-Karte allzu prominent zu spielen. Es waren zuletzt doch zwei sehr ungewisse Jahre, und es ist auch jetzt noch alles mehr als unklar. Wir hoffen, dass das Publikum in dem Maße zurückkehrt, dass sich das Ganze wieder wie ein pulsierendes Filmfestival anfühlt. Man hat sehr schnell diese Bilder der vollen Kinos aus 2019 im Kopf, wenn man das Programm zusammenstellt, aber ganz selbstverständlich ist das nicht. Vorigen Juni war das wieder ein schöner Start, aber wir müssen schon sehen, dass wir mit 50-Prozent-Sälen gespielt haben, das wirkt dann recht schnell solide. Jetzt versuchen wir natürlich, wieder an die klassische Festivalform heranzukommen.
Kommen wir noch einmal zur Auswahl. Gibt es eine Zahl, wie viele Filme letztlich abgelehnt werden?
PS: Ja, ziemlich genau. Es sind immer so um die 500 Einreichungen, und so rund 100 bis 120 Filme schaffen es dann nicht ins Programm, wobei natürlich die allergrößte Zahl Kurzfilme sind, die da eingereicht werden. Früher gab es diesen Automatismus bei den „Langfilmen mit Kinostart“.
SH: Es ist schwierig. Trotz manch gegenteiliger Beteuerung ist die Diagonale doch ein Festival, wo man gerne laufen möchte, und da müssen wir halt leider oft Menschen enttäuschen. Und egal, ob ein Film läuft oder nicht, das Potenzial, enttäuscht zu werden, ist groß.
Sie meinen, weil es dann „schlechte Termine“ gibt …
PS: Ja, es sind nicht so viele Tage, und es gibt halt eine begrenzte Anzahl von Abend- und Premierenterminen, und natürlich gibt es immer Parallelveranstaltungen. Man versucht, das Bestmögliche zu machen, aber das gelingt freilich nicht immer. Es gibt so viele Formen und Gattungen und natürlich auch Persönlichkeiten hinter jedem Film, da ist das schon ein diplomatischer Kraftakt.
SH: Ich denke nicht, dass jemand, wenn er einen Film beginnt, denkt: „Ich muss unbedingt zur Diagonale damit“, aber wenn es dann nicht klappt, wird das doch eine recht große Sache, weil es eben im eigenen Land ist.
Ab welchem Level an „Prominenz“ könnte man einen Film gar nicht mehr ablehnen?
PS: Das hat gar nichts mit Prominenz zu tun. Es geht auch darum, zu hinterfragen: Welchen Anspruch hat ein Film an sich selbst? Und inwiefern gelingt das oder nicht? Das haben wir uns so zurechtgelegt, um einen kleinen Autor/inn/enfilm überhaupt mit einer großen, international ausgerichteten Ko-Produktion vergleichen zu können. Ich glaube, dass uns niemand vorwerfen kann, dass unser Pendel zu sehr in die eine oder in die andere Richtung ausschlägt. Aber natürlich sind Fehler passiert, das ist klar.
SH: Wir haben aber im Falle einer Ablehnung auch immer das Gespräch gesucht, auch wenn das in manchen Fällen nicht möglich war. Es gab mitunter auch schöne Diskussionen, die daraus entstanden sind und die fruchtbar waren. Ich denke an Caspar Pfaundlers Die Melancholie der Millionäre, da gab es dann sogar ein gemeinsames, öffentliches „Korrektur“-Screening mit Diskussion im Wiener 21er Haus.
PS: Man kann solche Ablehnungsdiskussionen natürlich nie unpersönlich führen, denn für alle Kreativen ist ihr Film eine Herzensangelegenheit, also trifft eine Ablehnung immer einen wunden Punkt, das ist dann auch keine objektivierbare Entscheidung, sondern da geht es immer ums Ganze.
SH: Natürlich wittern manche auch eine Verschwörung, wo keine ist, zum Beispiel, dass „die einen“ bevorzugt würden und gewisse filmische Formen keinen Platz finden, aber ich glaube, nachdem es die Diagonale jetzt schon lange gibt, hat sich das ziemlich normalisiert, auch wenn der Druck manchmal schon sehr stark war.
PS: Ich glaube, wir konnten vermitteln, dass es eben diese Bandbreite oder „Diversität“, wie man heute sagt, gibt, die es zu berücksichtigen gilt. Es gab ja schon Zeiten, als man wollte, dass die Diagonale sich so auf eine bestimmte Seite neigt, hin zum „unabhängigen“ Film oder zum „kommerziellen“ Film, was immer das in Österreich sein soll.
Ich sehe eher das Problem, dass in den letzten Jahren so eine Harmonieseligkeit eingetreten ist, das, was der verstorbene Viennale-Direktor Hans Hurch als „Schulterschluss“ bezeichnet hat. Das hat sicher auch mit Social Media zu tun, wo man sich ständig gegenseitig auf die Schultern klopft. Wie sehen Sie das?
PS: Da kommen mehrere Punkte zusammen. Ich lehne mich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass die österreichische Filmbranche keine ausgeprägte Neigung zur Selbstkritik aufweist, auch, was die Möglichkeit eines wertschätzenden Streits betrifft. Man verwechselt da, glaube ich, Dinge wie Hass im Netz, der natürlich abzulehnen ist, mit einer gesunden Streitkultur, die ja grundsätzlich etwas Gutes ist. Und ich verstehe schon: Im Netz etwas zu kritisieren, das ist vielleicht nicht der richtige Ort und man weiß vor allem nicht, wo das hinführt und wie es endet. Bei einem Gespräch beim Festival ist das anders, da gibt es eine Struktur und Spielregeln, und nach einer Stunde ist es auch wieder vorbei. Aber ich würde diesen Eindruck durchaus teilen. Wir sind halt so gepolt auf Alarmismus, eine falsche Form der Achtsamkeit und „Wokeness“, daher haben wir wohl ein grundsätzliches Problem mit Streit, das halte ich für fatal, und die Diagonale ist da nicht ausgenommen.
Manche Leute finden ja, dass die heutigen Filmdiskussionen etwas zahnlos und weniger pointiert sind. Früher, das können alle bestätigen, die dabei waren, sind wirklich oft die Fetzen geflogen, und da ging es unter die Gürtellinie oder noch tiefer. Wie ist das jetzt?
SH: Unterschiedlich. Grundsätzlich laufen die meisten Diskussionen eher harmonisch ab, aber es gibt genügend Beispiele von Tränen und Tür-Zuschlagen und Davonlaufen, aber ich würde das nicht als den Normalzustand ansehen.
PS: Früher sollen ja z. B. in Wels bei den Filmtagen die Bierflaschen geflogen sein …
… stimmt …
PS: Das ist jetzt auch nicht so gut. Aber wenn es möglich ist – das ist eine utopische Vorstellung – zu streiten, ohne Eitelkeiten und ohne allzu persönlich zu werden, dann halte ich das für erstrebenswert. Trotzdem muss ich auch sagen, ich finde es nicht gut, wenn Fehden über Jahre ausgetragen werden, Menschen nichts mehr miteinander reden und einander Dinge über Kommentare im „Standard“ ausrichten.
Kommen wir zur Filmpolitik. Wie sehr beschäftigt Sie das als Festivalmacher?
PS: Gibt es in Österreich Filmpolitik? …
Es gibt jedenfalls Dauerbrenner, wie zum Beispiel das Thema Steueranreizmodell in der Förderung oder die Genderdebatte.
PS: Klar, das wirkt sich auch auf das Festival aus. Wir haben ja sozusagen die Endprodukte der Filmpolitik bei uns auf der Leinwand, und da gab es schon auch bei der Diagonale die entsprechenden Diskussionen, und da wurde auch heftig gestritten. Ich weiß nicht, ob das zum Vorteil aller war. Ich glaube eher, dass ein Mehr an Filmpolitik wünschenswert wäre. Die großen Fragen, die sich dem Film in der Zukunft stellen, wie produziert wird, auch im internationalen Umfeld, aber auch die Zukunft der Abspielstätten plus die Frage, wie wir mit unserem filmhistorischen Erbe umgehen, das ist alles brennend aktuell, und ich sehe da, ehrlich gesagt, wenig Interesse von Seiten der Politik; von der Branche natürlich schon.
SH: Dazu gibt es ja auch immer wieder Diskussionen bei der Diagonale, wo man leider den Eindruck bekommt, dass der entscheidende Schritt, in einer Debatte wirklich voranzukommen, ausbleibt. Aber es gab schon auch Konfrontationen, wo etwas in Bewegung kam. Und wir versuchen natürlich, das Festival als Plattform dafür anzubieten. Aber verhärtete Positionen, wie es sie zum Teil gibt, wird man auch bei uns nicht ausdiskutieren können.
Früher gab es die „Diagonale-Tournee“ nach dem Festival an verschiedenen Orten in Österreich. Was ist daraus geworden?
SH: Interessant, dass das immer wieder angesprochen wird … Wir sind, auch wegen Corona, doch verstärkt und wieder mehr aus dem Kern-Festival und aus Graz hinausgegangen. Es gab 2020 so um die 30 Termine in der ganzen Steiermark, aber auch in Oberösterreich, in Salzburg, in Niederösterreich usw., die wir auch intensiv betreut haben und wo wir immer dabei waren. Das war sehr bereichernd, aber man hat auch gesehen, was das für Kapazitäten braucht. Es ist ein großer Aufwand. Und die Wirkung ist halt nicht überall dieselbe.
PS: Natürlich kann man digital spielen, wie wir das auch getan haben, auf Flimmit oder im KINO VOD CLUB. Aber das Asset der Diagonale ist halt doch die Unmittelbarkeit. Und wo die Anbindung an eine lokale Szene gelingt, da funktionieren auch solche „Live-Auftritte“, die mit der Idee der Diagonale-Tour vergleichbar sind, sehr gut; zum Beispiel im Salzburger Kunstverein – da sind wir wieder beim Thema Salzburg.
SH: Oder, um einen kleinen Ort zu nennen, das Stieglerhaus in St. Stefan ob Stainz, da waren wir zweimal zu Gast, das waren gute Abende mit nicht wahnsinnig großem, aber sehr engagiertem Publikum.
Sie haben einmal gesagt, Sie wünschen sich für Graz ein Kino, das alle technischen Möglichkeiten bietet und eine Diagonale-Party mitten in der Stadt. Wie sehr sind Sie diesen Zielen nähergekommen?
PS: Da kommen zwei Dinge zusammen in diesem Statement: Das eine ist das filmhistorische Erbe, weil wir bemerkt haben, dass wir gewisse Formate aufgrund der Kino-Digitalisierung nicht mehr abspielen können, und selbst wo man analog spielen kann, hat man keine zwei Maschinen zum Überblenden. Daher haben wir sehr stark dafür plädiert, eine Art Filmmuseum auch außerhalb Wiens zu etablieren, das ist aber eine Rechnung, die man nur mit der Wirtin oder dem Wirt machen kann, also mit den Leuten, die die Kinos betreiben. Und natürlich ist es eine Frage, wie lukrativ das für die ist. Inzwischen gibt es zum Glück viele Lösungen mit historischem Material, das digitalisiert und auf DCPs vorliegt. Der Wunsch, historische Filme präsent zu halten für das Festival, der ist jedenfalls nach wie vor da. Und die zweite Aussage, die kam aus dem Wunsch, den österreichischen Film oder Film überhaupt in eine gesellschaftliche Mitte zu bringen und dazu gehört es auch, historische Filme als Teil des kulturellen Erbes und der Identität dieses Landes zu begreifen und ernst zu nehmen. In Frankreich oder in den USA – dort sowieso – hat Film einen ganz anderen Stellenwert. Das hat sich ja nicht geändert.
Da wäre vielleicht auch der ORF gefordert …
PS: Ganz genau. Wenn man bedenkt, welcher Aufwand betrieben wird – das ist natürlich ein schiefer Vergleich –, wenn Österreich bei Olympia ist, da würde ich mir schon manchmal wünschen, dass es Ähnliches gibt, wenn Österreich im Wettbewerb von Cannes oder Berlin ist.
SH: Ich denke aber, um nochmals an das Vorige anzuknüpfen, dass wir in Graz „in der Mitte“ angekommen sind. Die Vorfreude auf das Festival ist alljährlich spürbar, nicht nur in der Kinoszene, das gilt für die gesamte Kulturszene, die Clubs, die Gastronomie, da sind wir schon sehr breit aufgestellt. Das ist mit unseren zum Teil doch recht sperrigen Inhalten nicht so selbstverständlich. Und das ist schon ein Grund zum Feiern.
Stimmt es, dass 2023 Ihre letzte Diagonale sein wird?
SH: Ja. Nach dem diesjährigen Festival wird die Position neu ausgeschrieben.
PS: Das sind dann acht Jahre, ohnehin die längste Intendanz bis jetzt.
SH: Man merkt, dass man in den ersten Jahren anders agiert, unbefangener, vielleicht auch naiver, und da macht man auch Fehler. Aber das gehört zu dem Job dazu. Man versucht als Intendanz, eine gewisse Handschrift erkennbar werden zu lassen, und weil die Aufgabe ja von Jahr zu Jahr nicht leichter wird, haben wir von Anfang an gesagt, dass wir das für uns nicht als Langzeit-Projekt sehen, sondern dass wir aufhören müssen, solange sich die Festival-Pragmatismen noch nicht allzu sehr verfestigt haben.
