In der Nacht des 12. / Le nuit du 12

Filmstart

In der Nacht des 12.

| Hans Langsteiner |
Nüchterner Polizei-Krimi über toxische Männlichkeit

Frauenmorde, neuerdings unangebracht aseptisch auch Femizide genannt, machen nicht nur hierzulande Schlagzeilen. Frankreich verzeichnet – so informiert ein Schriftinsert zu Filmbeginn – jährlich an die 800 derartige Fälle; zwanzig Prozent von ihnen bleiben unaufgeklärt. Einer davon steht im Mittelpunkt der Handlung.

In der Nacht des 12. Oktober 2016 überfällt ein Unbekannter in der französischen Alpenstadt Grenoble eine junge Frau, die sich gerade auf dem Heimweg von einem Mädelsabend befindet. Um drei Uhr früh lauert er ihr in einem Park auf, übergießt sie mit Benzin und zündet sie an. Die Frau stirbt unter Qualen.

Der junge Kriminalbeamte, der in diesem Mordfall ermittelt, sieht sich bald mit einer ganzen Reihe möglicher Täter konfrontiert. Die Ermordete hatte mehrere Sex-Partner, und sie alle scheinen aus verschiedenen Gründen verdächtig – sei es, weil sie aufeinander eifersüchtig waren oder sei es, weil einer einen Rap-Song geschrieben hat, der die Mord-Methode vorwegzunehmen scheint. Trotz unermüdlicher Bemühungen der Polizei verlaufen die Recherchen im Sand. Erst nach drei Jahren bringt eine Untersuchungsrichterin den Ermittler auf eine Erfolg versprechende neue Spur …

Der französische Regisseur Dominik Moll hat schon in hintergründigen Thrillern wie Harry meint es gut mit dir (2000) oder Die Verschwundene (2019) sein Talent für subtilen Spannungsaufbau bewiesen. Hier stützt er sich auf eine Reportage über den französischen Polizeialltag (Pauline Guénas 18.3: Une Année À La PJ), was seiner Inszenierung sehr zugute kommt. Ein nüchterner, fast dokumentarischer Naturalismus kennzeichnet die Geschichte, die zwischen kargen Polizei-Korridoren und anonymen Wohnblöcken abläuft und auch private Probleme und stressbedingte Reibereien zwischen den ermittelnden Beamten nicht ausspart. Solche Policier-Krimis hat früher Georges Simenon geschrieben und Jean-Pierre Melville verfilmt.

Der Grundtenor des Films ist indes nur allzu heutig. Je länger sich der Fall hinzieht, desto unwichtiger wird seine letztliche Aufklärung. An ihre Stelle tritt die ernüchternde Erkenntnis, dass der Mord an der jungen Frau gesellschaftliche Ursachen hat. „Es stimmt etwas nicht zwischen Männern und Frauen“, heißt es einmal im Dialog, und der Befund umreißt die latent frauenfeindliche Stimmung hinter dem Einzelfall nur allzu treffend. Dass die Geschichte darüber hinaus bis in die kleinsten Rollen präzise besetzt und differenziert gespielt ist, schenkt der soziologischen Studie den Mehrwert eines anspruchsvoll faszinierenden Krimis.