Napoleon (Joaquin Phoenix)
Napoleon (Joaquin Phoenix) © Aidan Monaghan

Napoleon

In Liebe und Krieg

| Jörg Schiffauer |
Ridley Scotts monumentales Napoleon-Porträt

Als Marie Antoinette am 16. Oktober 1793 zum Schafott geführt wird, kocht die Stimmung auf der Hinrichtungsstätte – heute als Place de la Concorde in Paris bekannt – über. Die verhasste Frau des vormaligen Königs Ludwig XVI, der schon mehr als ein Jahr zuvor enthauptet worden war, wird von einer johlenden Menge verhöhnt, beschimpft und auf ihrem Weg zur Guillotine mit Obst und Gemüse beworfen. Wenig später präsentiert der Henker der Menschenmenge das abgeschlagene Haupt der Aristokratin, die Französische Revolution befindet sich mitten in der Phase der Schreckensherrschaft. Nur einer inmitten der Zuschauer bleibt sichtlich gelassen: Ein junger korsischer Artillerieoffizier ist von dem blutigen Geschehen unbeeindruckt.

Der Stratege
Mit diesem Szenario eröffnet Ridley Scott seinen Blick auf Napoleon Bonaparte, jene historische Persönlichkeit, die in mehrfacher Funktion als General, Politiker und Kaiser die Geschichte Frankreichs entscheidend geprägt hat. Womit auch gleich die dramaturgische Generallinie vorweggenommen wird, die sich durch Napoleon zieht. Im Stil eines Stationendramas, das sich vornehmlich auf bedeutende historische Ereignisse konzentriert, zeichnet Scott den Weg Napoleons (Joaquin Phoenix) vom Offizier der Republik bis zum mit absoluter Macht regierenden Kaiser. Ein Weg, der vor allem von den militärischen Erfolgen des vielerorts als genialer Feldherr angesehenen Korsen bestimmt wird. Den Anfang macht jenes Kommando, das ihm unmittelbar nach der Hinrichtung Marie Antoinettes übertragen wird und seine Karriere entscheidend vorantreiben sollte. Die französische Republik sieht sich zu diesem Zeitpunkt nicht nur inneren Turbulenzen gegenüber, auch ein Waffengang mit dem ewigen Rivalen England droht einen negativen Ausgang zu nehmen. Napoleon soll den strategisch wichtigen Hafen von Toulon zurückerobern, eine schwierige Mission, deren Ergebnis mehr als ungewiss ist. Doch mit einer Mischung aus taktischem Geschick, Wagemut und einer Portion Fortune gelingt es Napoleon und seinen Soldaten, die englischen Truppen entscheidend zu schlagen und zur Aufgabe von Toulon zu zwingen. Der Artillerieoffizier Napoleon Bonaparte wird als Anerkennung prompt in den Generalsrang befördert, ein erster und wichtiger Schritt in seinem Aufstieg, der den Korsen nur etwas mehr als zehn Jahre später, als er sich selbst die Kaiserkrone aufsetzt, an die Spitze Frankreichs bringen wird.

Ridley Scott und Drehbuchautor David Scarpa rücken dabei wiederholt große Schlachten als jene Pfeiler, die diesen Weg markieren, ins Zentrum. Geschichtsträchtige Orte wie Austerlitz, Borodino inmitten des Russlandfeldzugs und natürlich Waterloo nehmen dabei breiten Raum ein. Scott setzt diese Sequenzen mit einer visuellen Wucht – und hohem CGI-Aufwand – in Szene, die streckenweise eine geradezu immersive Erfahrung generiert. Mit all seiner technischen und formalen Virtuosität verweist Scotts Inszenierung jedoch auch immer wieder mittels eindringlicher Bilder darauf, dass das Ganze auch – und vor allem – ein Schlachten von unsäglicher Brutalität ist.

Dass militärische Operationen eben nicht nur Planungsspiele sind, bei denen man Truppenbewegungen mittels Handbewegung am Kartentisch orchestriert, hat Ridley Scott ja bereits in Black Hawk Down (2001) deutlich gemacht. Darin gerät das eigentlich als Blitzeinsatz gedachte Eingreifen von Sondereinheiten der US-Streitkräfte in Mogadischu zum Desaster. Die Spezialisten in Sachen Krieg werden von den Milizen der regierenden Warlords in einen nicht enden wollenden Häuserkampf verwickelt, die verwinkelten Straßen und Gassen der Stadt drohen zu einer Todesfalle zu werden. Die angedachte klinische Präzision, mit der der Einsatz vonstatten hätte gehen sollen, mutiert zu einem brutalen Gemetzel. Das Sterben in all seiner Grausamkeit wird in der historischen Betrachtung oft zu einer Fußnote aus blanken Zahlen, doch es ist jene unheilvolle Konstante, auf die Ridley Scott wiederholt verweist, gleich ob die Geschichte im antiken Rom angesiedelt ist (Gladiator, 2000), im Somalia der Gegenwart (Black Hawk Down) oder im Europa zur Zeit der Napoleonischen Kriege.

Mit einer Szene in der Schlacht von Waterloo veranschaulicht Ridley Scott die wenig empathische Feldherrn-Attitüde. Während sich die Heere von Frankreich und England mit Respektabstand gegenüberstehen und auf bessere Wetterbedingungen warten, um aufeinander losgehen zu können, bekommt ein englischer Scharfschütze den vor seinem Zelt stehenden Napoleon ins Visier. Als er seinen Befehlshaber, den Herzog von Wellington um Erlaubnis bittet, das Feuer zu eröffnen, weist dieser das Ansinnen mit einem kurzen Satz entrüstet zurück: „Generale haben Besseres zu tun, als sich gegenseitig abzuschießen.“ Bald darauf zehntausende Soldaten in den Tod zu schicken, bereitet der Generalität auf beiden Seiten jedoch weitaus weniger Probleme.

Joaquin Phoenix spielt den General und Feldherrn Napoleon Bonaparte mit einer bemerkenswerten Zurückhaltung, die sich mehrdeutig auslegen lässt. Bei dieser Unerschütterlichkeit schwingt einerseits ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten als Stratege mit, bei dem Zweifel oder Unruhe keinen Platz haben. Und natürlich wohnt einer solchen Überzeugung von der eigenen Größe auch jene Hybris inne, die derartige Charaktere zu Fall bringt. Auch Napoleon erliegt ja bekanntermaßen mit dem Einmarsch in Russland, der der Grande Armée zum Verhängnis werden sollte, und der Schlacht bei Waterloo der Fehleinschätzung, alle Widrigkeiten allein mit seinem taktischen Geschick auszugleichen. Doch diese demonstrative Gelassenheit, die Joaquin Phoenix Napoleon verleiht, demonstriert auch ein gewisses Maß an Gleichgültigkeit gegenüber den tödlichen Konsequenzen für tausende Soldaten, die seine Befehle nach sich ziehen. Pragmatischer formuliert, ist das der Gestus eines Kriegsherrn, der der militärischen Logik folgt, dass Siege nun einmal mit Opfern erkauft werden müssen.

Der Privatmann
Im Gegensatz zum beinahe stoisch ruhigen Feldherrn zeichnet Ridley Scott in einem weiteren Erzählstrang, der sich mit der privaten Seite Napoleons befasst, ein anderes Bild seines Protagonisten, das widersprüchlicher nicht sein könnte. Im Mittelpunkt steht dabei die stürmische – und das ist noch vorsichtig formuliert – Liebesgeschichte zwischen Napoleon und Joséphine de Beauharnais (Vanessa Kirby). Die Beziehung hat von Anfang an einen derart obsessiven Charakter, dass die Bezeichnung „Amour fou“ nicht weit hergeholt erscheint. Im Gegensatz zum kühl kalkulierenden Offizier erscheint Napoleon hier als höchst emotionaler Charakter, der von seinen Gefühlen geradezu getrieben wirkt und die Ratio außen vor lässt. Von Eifersucht geplagt, lässt er sogar inmitten des Ägypten-Feldzugs sein Kommando links liegen, um Joséphine, mittlerweile seine Ehefrau, mit den Vorwürfen des Fremdgehens zu konfrontieren. Das turbulente Auf und Ab in der Beziehung bildet einen etwas irritierenden Kontrast zum unaufhaltsamen Aufstieg Napoleons, der auch in Fragen der Macht zumeist höchst kontrolliert agiert. Wobei die emotionalen Hochschaubahnfahrten in Scotts Inszenierung zeitweilig geradezu groteske Züge annehmen. In dramaturgischer Hinsicht scheint dies jedoch eine nicht ungefährliche Gratwanderung. Gerade in jüngerer Vergangenheit hat Ridley Scott einen Plot mit potenziell dramatischen Geschehnissen in House of Gucci (2021) mit der Betonung auf die schrille Farce verfilmt und sich dabei böse vergaloppiert. Ein Fehlschlag konzeptioneller Natur, der gerade angesichts Scotts feinem Œuvre, in dem er höchst unterschiedliche Genres und Sujets wie Horror (Alien), Sci-Fi (Blade Runner), Monumentalfilm (Gladiator), Kriegsfilm (Black Hawk Down) oder Gangsterfilm (American Gangster) kongenial zu meistern und dabei stilbildende Regiearbeiten abzuliefern verstand, einigermaßen überrascht. Auch wenn die Verwirrung der Gefühle zwischen Napoleon und Joséphine manchmal ein wenig überbordend erscheint, kommt man durch diese Facette dem Protagonisten nicht wirklich näher. Der Machtmensch Napoleon Bonaparte wird dagegen von Joaquin Phoenix mit einer unprätentiösen, wenig psychologisierenden Darstellung verkörpert, die der Figur nicht jedes Geheimnis mit Gewalt zu entreißen versucht. Was angesichts eines Charakters, der vermeinte, eine dauerhafte Friedensordnung in Europa mittels ausgedehnter Feldzüge zu etablieren, als keine schlechte Strategie erscheint.