ÖFI-Direktor Roland Teichmann im Gespräch über das neue Anreizmodell, das den Filmstandort Österreich und das Fördersystem nachhaltig verbessern soll.
Mit Anfang des Jahres 2023 sollen die österreichische Filmlandschaft und Österreich als Produktionsstandort durch ein neues Anreizmodell systematisch gestärkt werden. Ein von der Bundesregierung Anfang Juli präsentierter Gesetzesentwurf zielt darauf ab, nicht nur Zuschüsse für heimische Projekte zu erhöhen und zu erleichtern, sondern setzt sich vor allem zum Ziel, größere, internationale Produktionen vermehrt ins Land zu locken. Davon, so der bislang einmütige Tenor, wird die ganze Branche profitieren. Direktor Roland Teichmann über dieses Vorhaben, das sich mitten in der Erarbeitung befindet und über die Rolle des Österreichischen Filminstituts in diesem Prozess, aber auch zu allgemeinen Entwicklungen im österreichischen Filmschaffen, Vielfalt als starkes Markenzeichen und das Potenzial von Kino und zur Zukunft des Streamings.
Die Filmbranche freut sich über das angekündigte, gesetzlich verankerte Anreizmodell für den Filmstandort Österreich. Eine der drei Säulen des Modells bringt die Änderung mit sich, dass das ÖFI als ÖFI+ Zuschüsse auf Basis eines Kriterienkatalogs vergibt, die bisherige FISA-Förderungen ersetzen. Wie wird das genau ablaufen?
Roland Teichmann: Grundsätzlich ist es so, dass das bisherige FISA-Modell ausläuft und es ein neues Filmstandortgesetz als Grundlage für FISA+ geben wird. Dort liegt die Zuständigkeit für Serviceproduktionen, VoD-Produktionen und Fernsehproduktionen ab einer gewissen Größenordnung. Für den Kinobereich ist dann das ÖFI mit ÖFI+ zuständig. Im Grunde wird der Prozess laufen wie bisher, auch mit einem kulturellen Eigenschaftstest. Die Legitimation einer staatlichen Förderung liegt ja primär in der Kultur, deswegen braucht jede automatische Förderung wie ÖFI+ oder FISA+ einen kulturellen Eigenschaftstest, um nach objektiven Kriterien festzustellen, dass es sich um ein kulturelles Produkt und nicht um ein reines Wirtschaftsgut handelt. Obwohl Film natürlich wirtschaftliche Implikationen und hohen Finanzbedarf hat und viel an Wertschöpfung auslöst. Der ökonomische Aspekt ist ein ganz wichtiger und entscheidender, rechtlich betrachtet ist der kulturelle der entscheidende.
Für die Branche entsteht dahingehend also kein Unterschied. Wir als ÖFI erarbeiten nun eben die Richtlinien für ÖFI+, diese sollen in die bestehenden Richtlinien implementiert werden, es wird also ein Richtlinienkorpus mit ein paar neuen Paragraphen. Wir warten gespannt darauf, dass das Gesetz in die Begutachtung kommt und wenn wir die genauen Rahmenbedingungen kennen, können wir das Feintuning vornehmen. Bei der Aufsichtsratssitzung im Dezember sollen die Richtlinien dann beschlossen werden, sodass sie am 1. Jänner 2023 in Kraft treten und ÖFI+ läuft. So der Plan.
Der Prozess von ÖFI+ ist mehrschichtig, denn ÖFI+ wird auch eine eigene Marke sein. Wir werden das Ganze sorgfältig aufstellen, schließlich soll ÖFI+ spätestens nach fünf Jahren evaluiert werden. Dann sollten wir möglichst auf Knopfdruck ein schlüssiges Evaluierungsergebnis liefern können: Was hat es gebracht, was war der Effekt? Wir schätzen, dass durch ÖFI+ ein zusätzliches Fördervolumen von bis zu 20 Millionen und mehr pro Jahr in die Branche im Kinobereich fließen wird. Das ist schon eine ziemlich hohe Summe.
Um bei den Zahlen zu bleiben: Minister Kocher sprach ja von 80 Millionen pro Jahr, die aus diesen Mitteln kommen werden …
Wenn ich den Herrn Minister da interpretieren darf: Das ist schon sehr hoch und ich gehe davon aus, dass er das gesamte Volumen von ÖFI+ und FISA+ gemeint hat, also auch für alle Streaming-Service- und TV-Produktionen. Das ist in Summe natürlich schwer einzuschätzen. Wir kamen in unserer Schätzung für den Kinobereich, wie gesagt, auf gute 20 Millionen. Der Bereich FISA+ wird logischerweise höher sein, da geht es um ganz andere Volumina. Wenn eine oder mehrere große Produktionen kommen und das System wie angekündigt insgesamt ungedeckelt und nur pro Projekt mit 5 Millionen pro Film und 7,5 pro Serie gedeckelt ist, dann kann es in Summe schon zu vielen zusätzlichen Millionen jährlich kommen. Man wird sehen. Die internationalen Reaktionen sind jedenfalls extrem positiv. Alle haben die Ohren gespitzt, ich bekomme dauernd Anfragen aus anderen Ländern, wie das jetzt genau hier aussieht. Es wird sich auf jeden Fall rechnen. Wie sich Filmförderung ja volkswirtschaftlich immer rechnet: Jeder geförderte Kinofilm löst unabhängig von den Besuchszahlen und den Erlösen einen Faktor von zumindest 1,5 bis 2,5 aus, bei wirtschaftsorientierten Förderungen liegt der Faktor oft bei 7 oder 8.
Stichwort internationale Produktionen: Hat der Film- und Produktionsstandort Österreich überhaupt die notwendigen Ressourcen, um diesen gerecht zu werden?
Ich glaube schon. Da hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel getan. Klar, große Produktionen sind vagabundierende Projekte, sie gehen dorthin, wo es am günstigsten ist. Aber ich glaube, wir haben nun ein sehr wettbewerbsfähiges Modell. Obendrein wird auch ein Studio gebaut. Mein Informationsstand ist, das nächstes Jahr mit den Bauarbeiten begonnen wird und es 2024 möglich sein wird, es zu nützen. Und es wird sicher „state of the art“ sein. Österreich ist als Produktions-standort an sich attraktiv. Doch wenn der Produktionsanreiz nicht ausreicht, können Leute, Locations und Infrastruktur noch so toll sein. Dieses Argument fällt nun weg. Man muss jetzt in See stechen und schauen, wie das international angenommen wird. Gemessen an dem, was ich so höre, denke ich, dass wir uns nicht beklagen werden.
Problematischer als die Infrastruktur sind die Fachkräfte. Die Frage wird sein, ob es genug ausgebildete und qualifizierte Leute für das Mehr an Produktionen gibt. In letzter Zeit wurde viel Talent aus Österreich abgesaugt und es ist sicher entscheidend, Aus- und Weiterbildungsprogramme zu entwickeln und genügend Leute an die Branche heranzuführen, sodass man das Mehr an Produktionen mit möglichst vielen österreichischen Kreativen und Filmschaffenden besetzen kann.
Stichwort Streaming: Standpunkt des ÖFI war ja letzthin, dass nicht nur im Kino verwertet werden soll, sondern sich Richtung Streaming und VoD geöffnet werden muss, wobei die Balance aber stimmen sollte. Muss ein neues Gesetz nicht vielleicht Kino ein bisschen „bevorzugen“, da Streaming seinen Vorsprung sowieso weiterhin ausbaut?
Da zeichnet sich fürs ÖFI schon ein Stück weit ein Strategiewechsel ab. Bevor es diese Anreizmodelle gegeben hat, gab es diese eigene kleine Welt der Kinofilmförderung. Da war die Strategie zu sagen: Die Verwertungs- und Finanzierungswelt geht über das Kino hinaus. Die Pandemie hat das natürlich verstärkt. Aber ich glaube, dass die Wachstumsraten der Streaminganbieter nicht in den Himmel wachsen werden. Die Konkurrenz untereinander wird immer größer, dazu kommt der Kostenfaktor. Bei all den Teuerungen überlegen sich die Leute, ob sie das zehnte Abo brauchen, wie attraktiv das Angebot wirklich ist. Für mein Gefühl wird da wahnsinnig viel in die Masse produziert und wenig in die Exzellenz. Ob das ein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell ist, wage ich zu bezweifeln. Netflix sitzt bereits auf einem milliardenschweren Schuldenberg und lebt von diesem Wachstum – wenn das mal zu Ende ist, werden die Shareholder nicht erfreut sein. Bei Amazon ist das anders, Prime ist ein Nebenaspekt eines Geschäftsmodells, das sich Amazon immer leisten kann, Disney+ wird es ebenfalls immer geben. Bei Netflix könnte es eng werden. Dann gibt es ja noch Canal Plus und mehr, der Wettbewerb ist riesig und wird den Markt ausdünnen.
Ich glaube nicht, dass Kino tot ist, denn es ist nach wie vor ein sozial attraktiver Ort und der Mensch ein soziales Wesen, das sich gerne etwas gemeinsam ansieht. Das ist ein ganz anderes Seherlebnis als zu Hause. Der Kinomarkt wird schrumpfen und der Gang ins Kino selektiver werden, das schon. Doch die Menschen wollen Unterhaltung, Komödien und Family Entertainment, nach Zielgruppe Genrefilm oder eben High-End-Arthousefilme, die für die große Leinwand gemacht sind. Corsage hat bei uns immerhin 40.000 Besucher, das ist etwa das, was der Markt für österreichischen Arthousefilm hergibt. Und man darf nie vergessen, dass es noch einen Markt außerhalb Österreichs gibt: Corsage etwa lief in Cannes und ist in über 150 Länder verkauft. Man sagt ja, dass nach dem Neujahrskonzert der österreichische Film der größte Kulturexportartikel ist, das ist heute noch gültig. Das darf man nicht unterschätzen.
Das Thema Streaming wird für uns also etwas in den Hintergrund rutschen. Trotzdem hoffen wir, dass die Filme auch nach dem Kino ein Leben im Netz haben. In Österreich kann man dank liberaler Sperrfristen drei oder vier Monate nach dem Kinostart online oder im Pay-TV verwerten. Das ist sehr marktadäquat, denn nach ein paar Monaten ist ein Film im Kino ausgespielt, sein Potenzial aber nicht ausgeschöpft.
Zum Stellenwert von Kino als Kulturgut in Österreich: In Frankreich beispielsweise steht das ja außer Frage, in Österreich hat das länger gedauert. Wo stehen wir da, gesellschaftlich und politisch?
Mit Frankreich können wir nicht mithalten, das werden wir auch nicht mehr aufholen. Meine generelle Einschätzung: Ich glaube, da hat sich in den letzten 15 Jahren viel verbessert, der Stellenwert ist deutlich gestiegen. Doch wir stehen natürlich – und das ist keine Neiddebatte, die finde ich absolut unzulässig – dem Bereich Theater und Oper um einiges nach. Aber das ist auch kein Wettrennen. Wichtig ist, dass die Politik mit solchen Anreizmodellen beweist, dass sie die Bedeutung und das Potenzial des österreichischen Films erkennt. Wir haben auch deutlich mehr Qualität und auch Diversität zu bieten, als viele es überhaupt wahrnehmen. Um noch mal auf den Markt zurückzukommen: Die Schwierigkeit ist auch, dass der amerikanische Film seit jeher so dominant ist, er macht ein Drittel des Angebots und zwei Drittel der Umsätze aus. Mit Hollywood können wir nicht konkurrieren. Auch wenn ich unlängst auf der Premiere eines tollen österreichischen Science-Fiction-Films war, Rubikon, noch dazu ein Erstlingsfilm. Wirklich super und international wettbewerbsfähig, er sieht aus wie von einem Studio produziert.
Und ja ebenfalls schon stark international verkauft. Im Juli gab es bereits einen Kinostart in den USA.
Genau. Daran sieht man auch, dass wir ein Förderportfolio entwickeln. Wir sind kein Auftraggeber, kein Sender, kein Studio, wir haben die Aufgabe, mit Steuergeld größtmögliche Attraktivität und Vielfalt an Projekten zu ermöglichen. Das ist schwierig, weil die qualitative Breite ein Markenzeichen des österreichischen Films und nicht einfach zu bedienen ist. Wir können nur fördern, was kommt, und dann versuchen, eine gesunde Balance herzustellen, zwischen künstlerischer Exzellenz und populärkultureller Qualität. Mit Arthouse wird man die 100.000 Besucher-Marke nicht erreichen, mit Komödie dafür den internationalen Markt nicht. In Cannes hatte ich heuer ein wundervolles kleines Aha-Erlebnis beim Durchblättern des Folders der Austrian Film Commission. Da war alles drin: Von Corsage über Rotzbub, also Animationsfilm, dann Kurdwin Ayub mit Sonne als bester Nachwuchsfilm in Berlin, Clara Stern mit Breaking the Ice, der bei Tribeca in den USA lief und so weiter. Auch im Nachwuchs tut sich extrem viel. Ich habe das ehrliche Gefühl, dass wir in den letzten Jahren ein sehr gutes Portfolio aufgebaut haben. Und mit ÖFI+ wird es noch mehr Möglichkeiten geben, denn die Mittel waren immer sehr knapp. Wenn 30 bis 35 Filme pro Einreichtermin kommen und man nur fünf oder sechs fördern kann, bleibt viel auf der Strecke, was man gerne mitnehmen würde.
Es scheint trotzdem so, dass Genrefilme es tendenziell schwerer haben, gefördert zu werden. Ein Indiz dafür wäre, dass in dem Bereich arbeitende Regisseure wie Andreas Prochaska oder Marvin Krenn mittlerweile verstärkt in Deutschland arbeiten.
Da möchte ich nichts abstreiten, aber relativieren. Denn ich glaube, auch hier gab es in den letzten Jahren deutliche Veränderungen. Die alte Einschätzung, dass hier ja nur Filmkunst gefördert wird, die sich keiner anschaut … diese Zeiten sind vorbei. Der Genrefilm ist in Österreich angekommen und wird auch immer mehr strategischer Teil. Der Prozess braucht eben Zeit. Doch es wird besser, vor circa fünf Jahren hatten wir bei 35 Herstellungseinreichungen vielleicht fünf Genrefilme, heute zehn oder fünfzehn. Es kommt einiges Interessantes. Für Rubikon freut es mich besonders, weil immer so getan wird, als sei Science-Fiction aus Österreich ja unmöglich – wie man sieht, es ist möglich. Da ist wirklich etwas Tolles gelungen. Solche Leuchtturmprojekte braucht es ja immer, dann ziehen viele nach.
Als Erfolgsbeispiel funktioniert „Rubikon“ auf jeden Fall, aber auch als eines für die Schwierigkeiten in der Herstellung. Umso mehr Hoffnung machen Studio-Bau und Anreizmodell.
Ja. Wobei Filmproduktion natürlich immer ein hartes Brot ist. Man weiß ja auch, worauf man sich einlässt: Es geht um wahnsinnig viel Geld und man muss wahnsinnig viele Leute überzeugen. Bis zum Ziel braucht es viele Kompromisse und Umwege. Das liegt letzten Endes auch in der Natur des geförderten Films. Aber die Unabhängigkeit und Vielfalt wird so erst ermöglicht.
Und auch Missstände in Filmproduktionen sind ein Aspekt davon. Wie bewerten Sie aktuelle Bemühungen, dagegen vorzugehen und welche Rolle spielt das ÖFI dabei?
Wir haben als Förderer eine große Verantwortung und versuchen, diese genau wahrzunehmen. Denn in der Filmkultur gibt es auch viel Unkultur, das muss man klar so sagen. Da ist nicht immer alles rosig und perfekt. Der Filmförderung kommt darin eine aktive Rolle zu, denn auch in der Freiheit der Kunst ist nicht alles erlaubt – es gibt ganz klare Grenzen, gesetzliche sowieso, das muss man gar nicht diskutieren. Jeder Arbeitgeber hat Fürsorgepflichten und dafür zu sorgen, dass das Set ein sicherer Arbeitsplatz für alle ist und ein kreatives, positives Klima herrscht. Über den gesetzlichen Rahmen hinaus hat das ÖFI vor einem Jahr als klares Signal einen Code of Ethics veröffentlicht: Dafür, dass ein Set ein geschützter Arbeitsplatz sein muss, an dem sich alle wohlfühlen können. Das kann man nicht nur verlangen, das muss man verlangen.
