Die Viennale 2020: ein kompakter Überblick.
Für die Kulturbranche insgesamt war COVID-19 ohne Zweifel verheerend. Neben Theatern zählten dabei die Kinos zu den besonders stark betroffenen Institutionen. Dass Filmfestivals nun wieder stattfinden können, tut der Cineastenseele definitiv gut. Vorsichtsmaßnahmen müssen allerdings weiterhin eingehalten werden, und somit werden auch die Kinosäle während der Viennale nur (Pi mal Daumen) halb gefüllt sein. Doch sind die Kinos dann wirklich halb leer? Oder nimmt der Umstand, dass man Kinos momentan nicht ganz füllen darf, auch etwas vom Druck, jedes Jahr mit neuen Rekordbesucherzahlen bilanzieren zu müssen? Ist dies die Gelegenheit, ein Programm zu fahren, das noch weniger kommerziell ist als sonst (so dies überhaupt eine wünschenswerte Option ist)? Ist halb leer somit identisch mit halb voll? Wer weiß, vielleicht sollte man in dieser Situation nicht zwanghaft noch positiven Elementen suchen.
Die Programmleitung der Viennale nahm Corona jedenfalls als Anlass für den Überbau „Distanz versus Nähe“ – möglicherweise entstammt die Idee dazu ja direkt Intimate Distances von Phillip Varnell, einem schönen kleinen Film, der Castingdirektorin Martha Wollner auf der Suche nach einem Schauspieler durch die Straßen New Yorks folgt. Die Menschen, die Wollner anspricht, reagieren dabei unterschiedlich: manche herzlich, manche distanziert. Währenddessen erzählt auf der Tonspur jener Kriminelle, auf dessen Tat der geplante Film basiert, aus seinem Leben. Überwachungskamera-Ästhetik und ein faktisch-fiktives Spiel mit öffentlichem Raum ergeben dabei eine Stimmungslage, die dem Titel zweifellos gerecht wird und in Zeiten von Corona wohl einen besonderen Nachhall im Zuseher finden wird.
Abstrakt und konkret zugleich ist Oleg Sentsovs Nomery: Der Name des Regisseurs gelangte in den letzten Jahren nicht nur in Arthouse-Kreisen zu Bekanntheit, denn der Ukrainer war einer der bekanntesten politischen Gefangenen in Russland. Für seine Freilassung, die 2019 nach fünf Jahren erfolgte, setzten sich zahlreiche Intellektuelle und Vereinigungen – hierzulande etwa die Akademie des Österreichischen Films – ein. In Nomery verrichten zehn Figuren, über deren Background man nichts erfährt und die Nummern statt Namen tragen, in einem Gesetzbuch vorgeschriebene Rituale. Das Setting vereint Sportarchitektur mit Totalitarismus, ein übermächtiger Führer übt, unterstützt von gnadenlosen Richtern, die totale Kontrolle aus. Die dennoch aufkommende Unruhe und den Sturz des Systems feiert Sentsov (der Film basiert auf Sentsovs eigenem, 2011 entstandenem Theaterstück) allerdings nicht kritiklos, was man ihm angesichts seiner persönlichen Geschichte anrechnen muss: Die Revolution, so könnte man die dramaturgischen Entwicklungen des Films interpretieren, frisst ihre Kinder. Nomery ist dabei auch ein Dokument von kreativem Widerstand, denn Sentsov beauftragte Freunde noch während der Haft mit der Produktion und schmuggelte Regieanweisungen aus dem Gefängnis.
Ein Kritikerliebling der Berlinale 2020 war Kelly Reichardts First Cow. Die Handlung klingt dabei zunächst wie die einer Komödie, doch deckt Reichardt sowohl ernste als auch humorvolle Töne ab: Im Oregon des frühen 20. Jahrhunderts verdienen ein amerikanischer Koch und ein chinesischer Immigrant mit Ölgebäck gutes Geld. Die Hauptzutat, frische Milch, zapfen sie dabei illegal von einer Kuh, die dem Bürgermeister, einem geschniegelten Protz, gehört. Was sich entspinnt, ist einerseits die Geschichte einer Freundschaft im Oregon Territory, andererseits so etwas wie eine Erkundung der Wurzeln des American Dream. Und der ist ja bekanntlich nicht frei von Tragik. „History isn‘t here yet, but it‘s coming. Maybe this time we can take it on our own terms“, lautet wohl einer der Schlüsselsätze des Films. First Cow kommt im Format 4:3 daher, was Reichardts Ansatz, sich stärker auf die Figuren als auf die eindrucksvolle Landschaft Oregons zu konzentrieren, unterstreicht. Mehr zum Film können Sie in einer der kommenden „ray“-Ausgaben lesen.
Was wäre die Viennale ohne Schwarzweißfilme aus Frankreich? Gut, dass es einen aktuellen Film von Philippe Garrel gibt. Im Zentrum von Garrels bereits 27. Regiearbeit Le sel des larmes steht ein junger Kunsttischler, der nach Paris geht, um sich an einer Kunsthochschule zu bewerben. Abgelenkt wird er dabei von drei Frauen, mit denen er Verhältnisse unterschiedlicher Intensität eingeht. Wie schon in Garrels letzten Filmen spielt auch ein Vater-Sohn-Verhältnis eine Hauptrolle. Tragik, Komik, Zwischenmenschliches und eine komplexe Hauptfigur: Frankophile können mit dem Erwerb einer Kinokarte wohl nur wenig falsch machen.
Charismatiker, Ganoven, Pioniere
Zehn Jahre ist es her, seit Christoph Schlingensief, der vielleicht letzte effektive Provokateur des deutschen Kulturlebens, an Lungenkrebs starb. Der Dokumentarfilm Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien von Bettina Böhler arbeitet Leben und Werk auf, thematisiert das schwierige Verhältnis Schlingensiefs (der sich selbst übrigens in der Hauptsache als Filmemacher begriff) zu Deutschland. Ein durchaus informativer Film, der besonders dann wirkt, wenn Schlingensief selbst zu Wort kommt.
Auch eine Viennale-„Monografie“ ist Schlingensief gewidmet: In „Say Goodbye to the Story: Passagen durch das filmische Werk von Christoph Schlingensief“ werden rund um Schlingensiefs 60. Geburtstag am 24. Oktober Kindheitsfilme, Skizzen und Kurzfilme gezeigt. Anlass zu Spekulationen jedenfalls, ob Schlingensief in der heutigen digitalen Welt mit ihrer Aufmerksamkeitszersplitterung noch so verstören könnte wie damals.
Charismatiker stehen auch in Aufzeichnungen aus der Unterwelt, dem neuen Film von Rainer Frimmel und Tizza Covi, im Mittelpunkt: Ihre schwarzweiße Oral History lässt Kurt Girk und Alois Schmutzer, die in den sechziger Jahren wegen diverser Aktivitäten im Wiener Gaunermilieu zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, aus ihrem Leben erzählen. Die Protagonisten, die allerlei Rituale in zwielichtigen Kreisen schildern und auch die heftigen Zustände im Gefängnis jener Zeit nicht auslassen, werden dabei in statisch-stimmungsvollen Bildern im Wirtshaussetting eingefangen. Mit Berichten aus dem ORF-Archiv ergänzt wird der Film zu einer informativen, mal humorigen, mal melancholischen Aufarbeitung der – heutzutage in dieser Form nicht mehr existenten – abgründigen Seite der Bundeshauptstadt.
Auch der neue Film des international renommierten österreichischen Filmemachers Hubert Sauper ist zu sehen. In Epicentro widmet er sich am Beispiel Kubas u. a. den Themen (Post-)Kolonialisms und Film als Propagandawerkzeug. Im Wesentlichen ist der Film aber wohl ein Dokument des Übergangs – anhand der Kinder Havannas macht Sauper sich Gedanken über das Ende des alten Castro-Systems und das, was da noch kommen mag. Die Zukunft des lange von den USA verteufelten Staates ist ungewiss, doch auch inmitten dieser Ungewissheit – und großen Armut – finden sich Schönheit und Optimismus. Mancher Betrachter hätte sich vielleicht mehr Stringenz gewünscht, doch versteht es Sauper auch, mit Momentaufnahmen eine Geschichte zu erzählen. Epicentro ist somit das vielleicht schönste „mood piece“ unter den diesjährigen Viennale-Essayfilmen.
Und noch mehr Filmschaffende aus Österreich stehen auf dem Programm: In der Reihe Kinematografien liegt ein Schwerpunkt auf „Austrian Auteurs“ aus den siebziger Jahren, dem letzten Jahrzehnt vor der Einführung der Filmförderung. 15 Programme bieten Gelegenheit zur (Wieder-)Begegnung mit Werken wie Herbert Holbas Manifestfilm Die ersten Tage (1971), Mansur Madavis Die glücklichen Minuten des Georg Hauser (1974), einer in Grautönen gehaltene Vorwegnahme von Hanekes „emotionaler Vergletscherung“, oder Jesus von Ottakring, Wilhelm Pellerts originellem Blick in die österreichische Seele (1976). Ein Programm, in dem nicht nur einmal mit dem Kleinbürgertum abgerechnet wird. Was den internationalen Dokumentarfilm betrifft, darf man sich beispielsweise auf City Hall freuen, ein weiteres Institutionenporträt des großen Frederick Wiseman. Diesmal hat er sich der Stadtregierung seiner Geburtsstadt Bostons angenommen, doch wer das umfangreiche Werk des Altmeisters kennt, weiß, dass dieser die unmittelbaren Institutionen, die er porträtiert, zu transzendieren versteht und soziologische, kulturelle und politische Aspekte sichtbar zu machen in der Lage ist. Angesichts der inneren Spannungen, die die USA zur Zeit in Atem halten, lässt sich von der 272 Minuten langen Doku wohl ebenso ein Amerikabild wie das Porträt einer Welt im politischen Aufruhr erwarten.
Wie stets werden im Rahmen der Viennale vier Preise vergeben: Der Wiener Filmpreis (jeweils an einen Spiel- und einen Dokumentarfilm des Kinojahres), der FIPRESCI-Preis der Internationalen Filmkritik, der Preis der Leserinnen/Leser-Jury des Medienpartners „Der Standard“ und der Erste Bank MehrWERT-Filmpreis des langjährigen Hauptsponsors. Der Preis ermöglicht einen zweimonatigen Aufenthalt in New York, verbunden mit einer Werkpräsentation in den legendären Anthology Film Archives.
