Klug differenzierende Romanverfilmung über das Ende der DDR
Mit ihrer literarischen Vorlage springt diese Verfilmung reichlich radikal um: Wo Eugen Ruges vor sechs Jahren erschienene 400-Seiten-Saga die Geschichte einer DDR-Familie über ein halbes Jahrhundert und vier Generationen ausbreitet, beschränkt sich der Film, abgesehen von zwei rahmenden Sequenzen, praktisch auf einen einzigen Abend im (Ost-)Berlin des Jahres 1989.
An dem feiert der greise DDR-Funktionär Wilhelm Powileit seinen 90. Geburtstag. Familienmitglieder kommen zu Besuch, das Politbüro schickt eine Delegation, Reden werden gehalten, Blumen kommen unbeachtet in die Vase. Mitten in die gar nicht so idyllische Idylle platzt eine alarmierende Nachricht: Alexander, der Enkel des Patriarchen, hat sich in den Westen abgesetzt. Dass er später in Mexiko krebskrank sein Dasein fristen wird, erzählt nur Ruges Roman, im Film kommt die Episode nicht mehr vor. Und doch, und dies ist die gute Nachricht, fehlt der Verfilmung nichts.
Sie rettet und verdichtet, dank des klugen Drehbuchs von Wolfgang Kohlhaase, was den Kern des Buches ausmacht: die differenzierte Schilderung einer Gesellschaft am Abgrund. In der weit verzweigten Familie, die hier zum Feiern zusammentrifft, spiegelt sich nicht nur die soziale Struktur des versunkenen Anderen Deutschland wider, auch der Ton der Umbruchszeit ist präzise getroffen. Erst kracht ein Tisch zusammen, dann ein ganzes Regime.
Der sonst mehr für fein ziselierte Fernseharbeiten bekannte Regisseur Matti Geschonneck balanciert seine Inszenierung behutsam zwischen sanfter Ironie und politischer Analyse aus. Natürlich hatten die DDR-Riten mit ihren „Abschnittsbevollmächtigten“ und ihrem „Molkerei-Kombinat Wiesengrund“ ihre komischen Seiten, doch macht der Film auch deutlich, dass dieses Deutschland für eine kriegsgeschädigte Generation bei aller Tristesse auch eine tröstende Heimat sein konnte.
Geschonnecks Inszenierung weist Qualitäten auf, die man (nur) auf den ersten Blick für altmodisch halten könnte: detailliert authentische Dekors, sorgfältig ausgeleuchtete Breitwandbilder, ein Montagerhythmus, der sich Zeit für Ruhepausen nimmt. Und vor allen eine bis ins kleinste stimmige Besetzung, aus der Bruno Ganz mit einer intensiven Charakterstudie zwischen brummeliger Demenz und schneidender Kälte noch einmal herausragt. Man muss schon bis zum Oscar-prämierten Leben der Anderen zurückgehen, um einen ähnlich brillanten deutschen Film zum Thema DDR zu finden.
