Margaret Salmon und Karrabing Film Collective in der Wiener Secession.
In dem Raum hat wohl kürzlich eine Gender-Reveal-Party stattgefunden. Ein dreifaches „BOY“ aus schwebenden Luftballons am Fenster in einer der ersten Sequenzen des Films lassen keinen Zweifel aufkommen, mit welchem biologischen Geschlecht das Kind der Hochschwangeren in einer der ersten Sequenzen des Filmens zur Welt kommen wird. Bald darauf werden wir an einem eher spezifischen Umgang von Mutter und Vater mit einem Säugling teilhaben, bevor die Kamera nach Außen schwenkt, um im Erdgeschoss im Oxfam-Laden vor dem Bücherregal zu verharren. Ein junger Mann, leichter Bartwuchs, schwarz lackierte Fingernägel, nimmt einen der Bände. Es ist Germain Greers durchaus kontrovers diskutierter Klassiker „The beautiful boy“ (2003) und der Blick fällt auf das Cover mit einem Foto von Björn Andrésen, der als 15-Jähriger bei den Dreharbeiten zu Luchino Viscontis Tod in Venedig in seiner Rolle als Tadzio vom englischen Fotografen David Bailey verewigt wurde. Es wird nicht die einzige Referenz in dem knapp halbstündigen Schwarz-Weiß-Film von Margaret Salmon bleiben. Boy, Ende 2021 in Glasgow gedreht, ist der erste Part einer zweiteiligen Reihe von Filmen Salmons, die sich mit Männlichkeit im Allgemeinen, in diesem Fall mit der körperlichen und psychischen Entwicklung von Jungen in Großbritannien beschäftigt.
Nachgerade lapidar fügen sich diese feinsinnigen Momentaufnahmen heranwachsender Knaben zu einer Coming-of-Age-Dokumentation mit zahlreichen Anspielungen und Referenzen. Der Junge, der am liebsten „Lumberjane“ liest, den Comic der LGBT-Kids (mittlerweile auch genderneutral „Lumberjumbie“), ein anderer mit langen Haaren und geblümten Hosen auf einem Klettergerüst, das Boxtraining gemeinsam mit Mädchen – all das geschieht mit einer selbstverständlichen Unbefangenheit und kulminiert in einer Szene im Freien, bei der man die jungen Protagonisten dabei beobachtet, wie sie aus Papier und Klebstoff Sechsecke mit andersfarbigen Rückseiten falten, die sich spielerisch wenden lassen. Der Übergang zu einer der Kindheit entwachsenen Realität funktioniert eben über derlei feinmotorische Fertigkeiten. Waren da eben noch zwei verschiedenfarbige Seiten mit der Option, sie zu wenden, wird nun helle und dunkle Wolle von einer Transgenderperson ganz buchstäblich gemeinsam verstrickt. Später wird weiter am Computer an einer wissenschaftlichen Arbeit über Gender, Sex und Sexualität am Beispiel von Virginia Woolfs „Orlando“ und Andrea Lawlors „Paul takes the form of a mortal girl“, gearbeitet, beides Bibeln der queeren Literatur. Und dann und wann wird dann noch an einer Teetasse mit der Abbildung eines grimmigen Hais genippt, der, wie es der Aufdruck verrät, Transphobe zum Frühstück verspeist. Wird nicht Paul, der genderfluide Held bei Lawlor bei seinen Streifzügen mit einem Hai verglichen?
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Salmon beobachtet die Personen vor der Kamera mit einer ruhigen Präzision, ohne dabei langatmig oder gar voyeuristisch zu werden, sie stellt Referenzen her, die nicht aufdringlich oder belehrend wirken und schafft damit Filme, die man sich gerne mehrmals ansieht, um immer wieder neue Details zu entdecken. In der von Annette Südbeck kuratierten Ausstellung „Monument“ im Untergeschoss der Secession präsentiert Margret Salmon nun mit „Study for a Film About Monuments“ erstmals ihre Überlegungen zum zweiten Teil der Reihe. Auch diesmal geht es um Männlichkeit, doch stehen diesmal Erfahrung und Selbstreflexion im Zusammenhang mit Statuen von männlichen Helden in West-Schottland im Zentrum.
Im Gegensatz zu den individuellen Einblicken in Lebenswelten in Salmons Arbeit geht es im graphischen Kabinett des Obergeschosses mit „They pretending not to see us…“ um die Weitergabe kollektiver Erfahrung an nachfolgende Generationen. Kuratorisch begleitet von Bettina Spörr zeigt hier das Karrabing Film Collective seinen neuesten Film Macassan and Berragut, Let the Ancestors Decide. Seit 2008 versteht sich das indigene, rund 50-köpfige und Generationen übergreifende Kollektiv auf Film- und Kunstproduktionen, die sich mit kolonialer Gewalt, Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt befassen. Gedreht wird mit Handkameras und Mobiltelefonen und auch sonst verzichtet das australische Kollektiv, dessen Name in der Sprache der Emmiyengal „Ebbe“ bedeutet, auf herkömmliche, auktoriale oder hierarchische Produktions- wie Distributionsmethoden und formuliert seine Anliegen gerne und vornehmlich selbst: „Die Gruppe ist bestrebt, die Lebensweise ihrer Eltern und Großeltern in ihre heutigen Kämpfe zu integrieren, um so die Ausbildung ihre Kinder zu gewährleisten, wirtschaftlich nachhaltige kulturelle und ökologische Unternehmen zu schaffen und ihre Heimatzentren zu unterstützen“, schreibt das Kollektiv in der Ankündigung der Ausstellung über die Arbeit. In der begleitenden Publikation* wird über den neuen Film erörtert: „Er basiert auf der Idee, dass es bereits vor der Ankunft der Europäer*innen einen regen Kontakt zwischen unseren indigenen Vorfahr*innen und seefahrenden Makassaren gab. Der Film thematisiert, welche andere geschichtliche Entwicklung möglich gewesen wäre, wenn die Europäer*innen nie von unserem Land Besitz ergriffen und die australische Urbevölkerung weiterhin mit den südsulawesischen Makassaren Nahrung, Erzählungen und andere Dinge getauscht hätten. Wir glauben, die Geschichte hätte einen wunderbaren Verlauf genommen. Unglücklicherweise kamen die Europäer*innen und sie kommen weiterhin, eine Katastrophe nach der anderen. Schon der bloße Gedanke daran lässt einem die Haare zu Berge stehen.“
Von Außen betrachtet ist die Arbeit von Karrabing, wie der Anthropologe Massimiliano Mollona es in seinem Katalogessay nennt, als „Art Kulturpflege“ zu verstehen, die mit der Gegenwart der Ahnen operiert. Diese liefern stets Hinweise, legen Fährten und bieten so den Nachkommenden Orientierungshilfe. Mit den Worten des Kollektives: „Es geht uns um unser Land, um uns und um alles, was hier mit uns gegen Ausbeutung und Unterdrückung kämpft. Dieser Kampf ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“
