In Deutschland aufgerollt, in Cannes entzündet: Quentin Tarantinos filmverliebte NS-Groteske „Inglourious Basterds“.
Wer das Kino liebt, muss es nicht gleich selber machen. Und doch kommen einige der aufregendsten Filme aus dem Hobbykeller. Viele Regisseure begannen ihre Karrieren, indem sie dem kindlichen Trieb zur Aneignung folgten und ihre eigenen Versionen vom großen Kino herstellten. Irgendwann aber wurden auch ein Truffaut und ein Spielberg erwachsen und verloren ihre Vorlagen aus den Augen. Ihre Filme erinnerten bald immer weniger, schließlich kaum noch an konkrete Vorbilder.
Quentin Tarantino ist unter diesen Liebhaber-Regisseuren die Ausnahme. Würde er sich von seinen Idolen lossagen, erschiene ihm dies wie ein übler Verrat, nicht nur am eigenen Glauben, sondern am kollektiven Gedächtnis des Genrekinos. Das ist seine Unschuld, sein Glück und unser Spaß. Bei der Pressekonferenz in Cannes um eine Einordnung von Inglourious Basterds gebeten, verwandelte sich der Regisseur bereitwillig in jenen aufgekratzten Videothekar, als der er schon lange vor seiner eigentlichen Karriere die Filmwelt von Los Angeles beglückt haben muss: „Eine jüdische Rachephantasie? Das träfe kaum zu hundert Prozent zu. Das wäre nicht die Abteilung im Videoladen, wo ich den Film einstellen würde. Manche fragen, ob es eine jüdische Wunscherfüllungs-Phantasie wäre: Auch dazu gibt es einige Aspekte, aber mehr noch als alles andere ist es so, dass meine Figuren den Verlauf des Krieges entscheiden. Nun, das ist nicht passiert, weil meine Figuren nicht existieren. Aber hätten sie existiert, wäre es möglich.“ Soll heißen: Der Film gehört ins Kriegsfilmregal, in eine Ecke mit Richard Lesters Komödie How I Won the War oder Spielbergs legendärem Misserfolg, der Pearl-Harbour-Farce 1941. Regie-Kollege Eli Roth, der in Tarantinos Film ein Mitglied jener jüdisch-amerikanischen Soldaten-Truppe spielt, jenen „Basterds“, die im besetzten Frankreich auf Nazi-Jagd geht, hat noch eine andere Einordnung parat: „Als Jude ist es für mich wie koscherer Porno. Es ist etwas, wovon ich schon als Kind geträumt habe: Wenn ich den Kerl zu Tode prügle, fühle ich mich, als hätte ich Sex.“
Kolportage-Kino par excellence
„Ich werde nicht die Schreibweise des Filmtitels erklären“, sagt Tarantino, der sonst keine Antwort schuldig bleibt. „Wenn man sich einen solchen Kunstgriff erlaubt, darf man doch nicht die Pisse wieder herausnehmen, dann wäre es nichts mehr wert.“ Inglourious Basterds beginnt mit einem Schrifttitel: „Es war einmal im Nazi-besetzten Frankreich.“ Dazu spielt ein Streicher-Pop-Orchester der Sechziger Jahre The Green Leaves of Summer, das Thema aus dem Western The Alamo. Die Leinwand öffnet sich über französischem Farmland, doch die Aufnahme erinnert eher an einen Italo-Western. Es ist der erste Auftritt des heimlichen Hauptdarstellers in diesem Film: Christoph Waltz, im Kino nahezu unbekannter, österreichischer Fernseh- und Theaterstar, ging am Ende des Festivals als „Bester Darsteller“ nach Hause. Er spielt Obersturmbannführer Hans Landa, doch lieber ist ihm sein Spitzname: der Judenjäger. In gewähltem Französisch hält der Nazi dem Bauern, den er verdächtigt, Juden zu verstecken, eine Ansprache in scheinheiliger Höflichkeit. Dann bittet er seinen „Gastgeber“ um die Freundlichkeit, in Englisch weiter zu reden. Natürlich, denkt der Zuschauer, mehr Untertitel wird Tarantino den Amerikanern wohl nicht zumuten wollen, aber weit gefehlt. Ganze Sequenzen, manchmal mehr als zehn Minuten, laufen in Deutsch ab (überwacht von Dialog-Regisseur Tom Tykwer). Vollkommen verwegen ist eine Szene, in der Wehrmachtsangehörige lange über die Nationalität des in den Staaten gänzlich unbekannten Apachen-Häuptlings Winnetou debattieren. Man kann sich kaum vorstellen, dass die 148-minütige Premierenfassung auch so in die Kinos kommt – immerhin haben die produzierenden Weinstein-Brüder seinerzeit in einer wahrhaftigen Samurai-Geste schon Tarantinos Kill Bill in zwei Teile geschnitten.
Für den sadistischen Nazi-Schergen gibt es einen perfiden Grund, ins Englische zu wechseln: Er möchte die Juden, die er unter den Dielen des Bauernhauses erspäht hat, nicht vorwarnen. Einer jungen Frau aber (gespielt vom französischen Jungstar Mélanie Laurent) erlaubt er aus perversem Sportsgeist die Flucht, und bald findet der Film sie wieder: In Paris hat sie unter falschem Namen ein Kino eröffnet, wo sich ein deutscher Besatzungssoldat (Daniel Brühl) nach einer Vorstellung des Bergfilms Die weisse Hölle vom Piz Palü einseitig in sie verliebt. Und wieder ist man in einer absurd-märchenhaften Filmrealität, die Tarantino Gelegenheit gibt, über Filmgeschichte zu dozieren. Warum sie den Namen des Deutschen G.W. Pabst auf der Schautafel platziere, will der junge Nazi wissen und erhält als Antwort den Grundsatz der landestypischen Cinephilie: „Weil wir in Frankreich die Regisseure ehren.“
Doch die grandiose Kolportage führt Geschichts-Fiktion und Filmgeschichte noch näher zusammen: Der in seiner Heimat gefeierte Kriegsheld hat seine Rolle für Goebbels in einem Propaganda-Film verkörpert, von Gast-Regisseur Eli Roth stilecht als Film im Film inszeniert: „Der Stolz der Nation“. Und als die Brühl-Figur den Propagandaminister überzeugt, die mit der höchsten Nazi-Riege besetzte Premiere ins kleine Pariser Kino zu verlegen, scheint endlich die Stunde der Widerstandskämpfer zu schlagen: die Stunde der Inglourious Basterds, einer Elitetruppe jüdischer US-Soldaten unter Führung eines auf Errol Flynn getrimmten Brad Pitt.
Subventions-Irrsinn
Immer schillernder wird Tarantinos Popart-bunte Mixtur aus Pulp- und Comicwelten. Filmhistorisch gibt es nur wenige vermeidbare Unstimmigkeiten wie das Lob eines Deutschen für die in ihrer Heimat längst verfemte Marlene Dietrich. Doch die NS-Filmgeschichte ist nicht einmal die einzige Referenzebene dieser großartig montierten Collage. „Ich bin gar kein amerikanischer Regisseur“, sagte Tarantino in Cannes. „Ich mache Filme für den Planeten Erde.“
Die jüngeren Tarantino-Filme hatten aus dem Erbe von Blaxploitation (Jackie Brown), Eastern (Kill Bill) und der B-Film-Schule Roger Cormans (Death Proof) geschöpft und dieses dann über einem in Unwissenheit nachgewachsenen Publikum ausgeschüttet. Nun geht die Reise ein Videothekenregal weiter in den riesigen Korpus europäischer Unterhaltungsfilme der Sechziger und Siebziger Jahre. Der Titel Inglourious Basterds zum Beispiel stammt, leicht verfremdet, aus dem Werk des Italieners Enzo G. Castellari. Aus Deutschland sind Alfred Vohrer oder Harald Reinl unverkennbare Vorbilder. Tarantinos Liebe zu diesem verkannten deutschen Unterhaltungsfilm ist grenzenlos. Dass dieser ironischerweise genau in jener Zeit ausstarb, als sich die Filmförderung durchsetzte, hinderte ihn nicht, deutsche Finanzhilfen anzunehmen. Insgesamt wurde Inglourious Basterds mit 6,8 Millionen Euro von der deutschen Bundesregierung bezuschusst und erhielt seine erste Vorab-Kritik vom Bund der Steuerzahler: „Der Subventionsirrsinn treibt immer neue Blüten.“ So wie Tarantinos Filmkunst. Der Regisseur bedankte sich, indem er nahezu die gesamte deutsche Darstellerprominenz vor die Kamera holte. Und im Fall des hinreißend-charismatischen, funkelnd-dämonischen Schurken Christoph Waltz wurde gar ein Weltstar geboren.
In Cannes erzählte Tarantino jedem, der es hören wollte, dass erst die Begegnung mit Waltz beim Casting seinen Film ermöglicht habe. Und der chronisch unterforderte Fernsehstar bedankte sich bei der Preisverleihung mit den Worten, Tarantino habe ihm seinen Beruf zurückgegeben.
