„Skins“

Innovative TV-Serien

Skins – For those who think young

| Angelika Unterholzner |

„Skins“ schaut unter die Haut britischer Teens und nimmt das Erwachsenwerden ernst – in seiner ganzen dramatischen Komplexität.

Der Tag von Tony (Nicholas Hoult) beginnt mit dem Mark erschütternden Gebrüll seines Vaters, auf das der abgebrühte Teenager so lässig reagiert, dass dem Vater das Gebrüll im Hals stecken bleibt. Tony fährt ungerührt mit der Planung einer dringenden Angelegenheit fort: Sein bester Freund Sid muss endlich entjungfert werden. Zu eben diesem Dienst soll On/Off-Freundin Michelle die psychisch labile Cassie überreden. Aber nicht nur die Mädchen sollen ihren Beitrag zu Sids Entjungferung leisten, Unterstützung wird auch vom muslimischen Freund Anwar eingefordert. Tony: „You dippy twat. Sid’s flying solo down the tunnel of love and he needs support.“ Derlei Umschreibungen für den Geschlechtsakt sind die Ausnahme, in der Regel wird dieser unverblümt als „Bumsen“, „Ficken“ oder „Vögeln“ bezeichnet. Wie in vielen anderen britischen Jugendserien nehmen sich die Kids auch in „Skins“ kein Blatt vor den Mund.

In der Promotion des erfolgreich auf eine jugendliche Zielgruppe ausgerichteten Senders E4 wird „Skins“ als Drogen-, Sex- und Partyserie dargestellt. Obwohl der Begriff „skins“ im Englischen für Zigarettenpapier (hierzulande „papers“) verwendet wird, sagt Serienschöpfer Bryan Elsley, dass der Ausdruck keinen bewussten Bezug zu Drogen herstellen soll. Der Titel spiele hauptsächlich darauf an, wie schwer es sei, in der Haut eines Teenagers zu stecken. Die zwischenmenschlichen Dramen der Teens aus Bristol, die sich unter der schrillen Oberfläche im intensiven Spannungsfeld von Sexualität, Macht und Borderline-Störungen abspielen, gehen jedenfalls auch Erwachsenen unter die Haut.

Pretty boys and girls, nerds and outcasts

„Skins“ ist ein Reigen, in dem sich unglücklich verliebte Jugendliche schwindlig drehen: Cassie (Hannah Murray) liebt Sid, Sid (Mike Bailey) liebt Michelle, Michelle (April Pearson) liebt Tony. Wenn Sid der Erfahrung der ersten Liebe selbst im Wege steht, indem er sich auf ein Mädchen fixiert, das er nicht haben kann, so gilt für Tony das Gegenteil: Der will sich eben nicht auf ein Mädchen fixieren. Freundin Michelle will das nicht wahrhaben, bis sie mit anhören muss, wie Tony sogar dem schwulen Maxxie Sex anbietet. Tony verteidigt sich gegen die darauf folgenden Vorwürfe einer Mitschülerin wenig schuldbewusst so: „We were bored, and now we are not bored and she will feel so good, when she gets me back.“

In „Skins“ geht es aber auch darum, was in einem Lebensabschnitt, in dem die Weichen für das Erwachsenenleben gestellt werden, so alles schief gehen kann. Verpasste Chancen sind in „Skins“ nicht Partys, auf die man nicht eingeladen wird – denn so etwas existiert in der (Skins-)Wirklichkeit nicht –, sondern weitaus einschneidendere Ereignisse, die nicht selten mit dem Versagen von Erwachsenen zu tun haben.

Die Figuren, die dem manipulativen wie promiskuitiven Tony am nächsten stehen, sind vielleicht nicht so interessant wie ihr Idol, in ihrer Anpassungwilligkeit dafür umso authentischer. So profitiert Tony davon, dass seine pflegeleichte Freundin sich von ihrer siebenfach verheirateten Mutter einiges abgeschaut hat, was das Handling von unentschlossenen Männern angeht. Die so kluge wie labile Cassie wiederum passt mit ihren Essstörungen so gar nicht in das flamboyante Familienleben, das die Künstlereltern mit dem jüngsten Nachwuchs führen, und so wird die Behandlung der Älteren in diverse Wohlfühl-Kliniken ausgelagert. Die Detailgenauigkeit der Charaktere findet in den Settings ihre Fortsetzung: Cassie bewegt sich in weichgezeichneten Parklandschaften, Sid ist häufig von Unordnung umgeben und wo Party-Maniac Chris (Joseph Dempsie) ist, ist Chaos. Die Ausstattung zeichnet detailgenau die feinen Milieu-Unterschiede der Jugendlichen nach, und die räumliche Auflösung der Szenen erlaubt Rückschlüsse auf deren Familienbeziehungen: Die Eltern halten sich zumeist unten auf, Jal (Larissa Wilson) muss sogar in den Keller gehen, wenn sie mit ihrem Vater, dem Musikproduzenten, sprechen will.

Die wahren Verrückten: die Eltern

Serienautor Bryan Elsley gebar die Idee zu „Skins“ angeblich, weil sein 20-jähriger Sohn Jamie Brittain so etwas im Fernsehen bis dahin vermisst habe. Dem 22-Jährigen wurde mit „Skins“ aber nicht nur ein Programmwunsch erfüllt, er bekam damit auch eine Spielwiese für seine schreiberischen Ambitionen. Dass „Skins“ vom jüngsten Autoren-Team geschrieben werde, das es im Fernsehen je gegeben habe, gehört in Folge dann auch zur Promotionstrategie der Serienmacher.

Inzwischen haben Vater Elsley und Sohn Brittain eine US-Version für MTV geschrieben. Der künftige Bezahlsender will die Serie 2011 herausbringen und setzt dabei auf das bewährte Konzept, „echte“ Jugendliche bei der Entwicklung einzubinden. Die Einbindung der Fans war auch schon für den Erfolg des britischen Originals mitverantwortlich. Mit den Fans sei von Anfang an über Fansites und Foren Kontakt gehalten worden, beschreibt Brittain, damit den Jugendlichen das Gefühl gegeben werde, dass es ihre Show sei.

Während man für die Rollen der Teenager – mit Ausnahme von Tony-Darsteller Hoult – Laiendarsteller auswählte, werden die Grown Ups zum Großteil von bekannten britischen Komikern dargestellt. Abgesehen davon, dass die Verbindung von jugendlicher Street Credibility und etablierten Comedians ein interessantes Erfolgskonzept ist, spiegelt sich darin auch etwas wieder, was die Serie anstrebt: „Erwachsen werden“ soll in seiner dramatischen Komplexität ernst genommen werden. Aus der Perspektive der Jugendlichen sind die Erwachsenen die Verrückten. Folgerichtig werden deren diverse Zwanghaftigkeiten lebhaft ausgestellt. Aber nicht nur Ärzte und Eltern sind überfordert, auch die Lehrer erweisen sich für die Lösung der Probleme der Jugendlichen als unbrauchbar. Nachdem Sid von seinem Vater zum kompletten Versager erklärt worden ist, flüchtet sich Lehrer Tom in Binsenweisheiten: „In life, there are lots of ups and downs, it’s like a bird … flying … Find your wings.“

Party-crashing craze

Die Hilflosigkeit der Erwachsenen wird am deutlichsten, wenn sie einfach verschwinden. Chris findet eines Tages ein Kuvert mit Geld und der lapidaren Nachricht „be gone a few days“ auf dem Fensterbrett. Erst später wird er schockiert feststellen, dass alle Kästen leer geräumt sind und die Mutter wohl nicht so schnell wieder kommen wird. Mit dem Geld schmeißt er erstmal eine furiose Party. Nach der Party ist das Geld weg und das Haus nicht mehr bewohnbar. Auch Michelles Mutter findet Essensreste an ihren Wänden, als sie aus den Flitterwochen zurückkommt. Dieses eskapistische Feiern hat in der irischen und englischen Wirklichkeit Nachahmer gefunden und ist als Party-Crashing Craze in die Medien eingegangen. Aber nicht nur für die „Skins Party“ ist die Serie bekannt, sondern auch für die Eigenheit, dass der umfangreiche Cast alle zwei Jahre ausgewechselt wird. Im August 2010 hat E4 die Darsteller der „Dritten Generation“ (Staffel 5 und 6) vorgestellt. Dass „Skins“ seine Fans halten konnte, obwohl es Tony & Co. längst nicht mehr gibt, erklärt Autor Elsley damit, dass die Storylines der Serie am Publikum dran bleiben würden. In einem Gespräch mit „The Independent“ meinte Elsley, dass „Skins“ nicht jedes Problem ausdiskutiere und löse, dass aber versucht werde, die Probleme der Jugendlichen visuell aufzugreifen. Mit „Skins“ nimmt sich damit eine weitere Serie jener Probleme an, von denen sich Eltern und Lehrer zunehmend überfordert fühlen. Das spricht Elsley vielleicht auch an, wenn er sagt: „We’re about letting our audience feel they are not alone.“