Schiffbruch mit Stubentiger: Der neue Film von Joel und Ethan Coen erfreut die Sinne und wärmt das Herz.
„Die Sache mit der Katze“ könnte dieser Film auch heißen. Die Katze ist rotbraun getigert und büxt gern aus. Ihren Namen erfährt Llewyn erst gegen Ende, es wird einer von mehreren augenöffnenden Momenten in dieser Woche seines Lebens, in der er zur Abwechslung alles richtig machen wollte.
New York, Greenwich Village, Winter 1961. Das American Folk Revival ist in vollem Gang, für eigenwillige Singer-Songwriter wie Llewyn (Oscar Isaac) ist das „Gaslight Café“ – nomen est omen – der Nabel der Welt. Nur: Die Konkurrenz ist groß, der Trend zur Gruppenbildung kommt auf, und Llewyn kann sich nicht einmal einen Wintermantel leisten, geschweige denn Miete zahlen. Außerdem hat er den Blues, nachdem sein bester Freund und Duett-Partner sich das Leben genommen hat. Sein erstes Solo-Album „Inside Llewyn Davis“ verkauft sich nicht. Spießige Leute wie seine Schwester Joy sehen sein vollbärtiges Gesicht an wie sie heute ein tätowiertes ansehen würden. Im Turnus schläft Llewyn bei seinen verheirateten Musikerfreunden Jim und Jean (Justin Timberlake, der einzige Berufsmusiker des Ensembles, und Carey Mulligan, in Drive die Frau Oscar Isaacs) oder bei einem älteren, geselligen Pärchen namens Gorfein, das ein Plakat der Wiener Festwochen 1959 in seiner geräumigen Wohnung an der Upper West Side hängen hat. Denen gehört die Katze.
Inside Llewyn Davis basiert lose auf dem Buch „The Mayor of MacDougal Street“, einer Sammlung von Interviews mit Dave Van Ronk, dem ungekrönten König der Beatnik-Szene, bevor Bob Dylan daherkam. Die bräunlich gelben Farben New Yorks, die live beim Dreh eingespielten Nummern (zum mustergültigen Soundtrack des Films siehe Tipp auf S. 118) und das dokumentarisch angehauchte Setting geben den akkuraten Rahmen für eine letztlich universelle Geschichte: ein Mann auf einer Odyssee zu sich selbst.
Das Scheitern war schon bislang eine feste Größe im Repertoire der Coens, doch dieses Mal fehlt der Zynismus. Insofern ist Inside Llewyn Davis eben kein „echter Coen“ – der köstliche Kurzauftritt von John Goodman als Grantler mit Verdauungsstörung täuscht. Es ist nicht nur ein witziger, es ist ein wunderschöner, warmherziger, wahrhaftiger Film. Und das von jenen Brüdern, die, nur zum Beispiel, mit dem Gangsterstück Miller’s Crossing (1990) einen Meilenstein des postmodernen Genre-Rückspiegel-Kinos hingelegt und die Stilisierungsschraube noch mit No Country for Old Men (2007) fast bis zum Anschlag gedreht haben. Schauen Sie inside Llewyn Davis und staunen Sie!
„Katzen sind eine echte Qual!“
Interview mit Ethan und Joel Coen zu „Inside Llewyn Davis“
Katzenvideos sind der absolute Spitzenreiter auf YouTube – haben Sie sich davon für Ihren Film inspirieren lassen?
Joel Coen: Absolut, der Auftritt dieser Katze wird uns einen Blockbuster bescheren! (Lacht.)
Ethan Coen: Katzen sind eine echte Qual! Jeder Dreh mit einem Tier dauert ewig und ist frustrierend. Aber man macht es eben, weil die Leute diese Videos von süßen Katzen so sehr lieben. Menschen haben ein unglaubliches Verhältnis zu Katzen.
Und die ernste Antwort?
Ethan Coen: Die Hauptfigur unterhält zu Menschen ganz komplizierte Beziehungen. Im Unterschied dazu verbindet ihn mit dieser Katze eine sehr einfache Beziehung – sie ist sozusagen das tierische Gegengewicht zur menschlichen Kompliziertheit.
Joel Coen: Man denkt sich das beim Schreiben alles so hübsch aus, doch dann wird man beim Drehen mit der harten Realität konfrontiert. Eine Katze vor der Kamera ist alles andere als ein Vergnügen.
Wie groß ist der Katzenjammer für die Coens?
Ethan Coen: Nie wieder Katzen für die Coens!
Joel Coen: Das sagt sich leicht. Wir hatten in einem frühen Film bereits mit Katzen gedreht und damals schon unsere einschlägigen Erfahrungen damit gemacht. Aber offensichtlich haben wir unsere Lektion einfach nicht gelernt und es hier wider besseres Wissen wieder getan. „Nie wieder Katzen“ würde ich also nicht versprechen, aber mit Sicherheit nicht mehr in absehbarer Zeit.
Immerhin hört die Katze auf denselben Namen wie damals George Clooney in „O Brother Where Art Thou!“.
Ethan Coen: Stimmt, beide heißen „Ulysses“. Wir haben beim Namen der Katze jedoch weniger an Clooney als an James Joyce gedacht. Tatsächlich kann man beide als Avatare derselben Sache sehen.
Wie entwickeln Sie Ihre Stoffe? Wie sieht der Arbeitsprozess der Coen-Brüder aus?
Ethan Coen: Das lässt sich schwer erklären. Eigentlich kann man noch nicht einmal von einem Prozess sprechen. Wir reden über Dinge, spielen mit Ideen herum oder unterhalten uns über ein Buch oder einen Film. Aus dieser sehr freien Form der Konversation entsteht irgendwann die Idee zu einem Film.
Joel Coen: Wenn Sie uns dabei heimlich beobachten würden, kämen Sie niemals auf die Idee, dass hier ein Film entsteht. Wir sitzen einfach herum. Reden manchmal etwas. Und legen viele Schlafpausen ein.
Welche Rolle spielt Bob Dylan für diese Geschichte des erfolglosen, aber talentierten Musikers?
Joel Coen: Dylan steht offensichtlich als Schatten über dieser Geschichte. Aber wir wollten keinesfalls einen Film über Bob Dylan machen. Wir finden die unbekannten Kapitel der Folkgeschichte viel faszinierender und exotischer. Wobei man unseren Titelhelden allerdings auch nicht mit dem Folkmusiker Dave Van Ronk gleichsetzen sollte. Wir interessieren uns nicht für Biografien, sondern mehr für erfundene Figuren.
Ihr Titelheld Llewyn erweist sich als kompromissloser Künstler, der seine Ideale nicht aufgibt – wie wichtig ist Ihnen dieser Aspekt?
Ethan Coen: Das sehe ich gar nicht so. In seiner eigenen, übertriebeben Vorstellung von sich selbst erlebt Llewyn sich als sehr integeren Musiker, auf gewisse Weise mag er das auch sein. Gleichwohl ist er bereit, nach Chicago zu reisen, dort vorzuspielen und vor einem wichtigen Produzenten auf dem Boden zu kriechen …
Joel Coen: Aber dann zieht er irgendwann doch die rote Linie!
Ethan Coen: Stimmt. Irgendwann muss jeder einmal seine rote Linie ziehen. Allerdings wird man dabei höchst selten einen Heiligen finden. Auch für Llewyn sehen die Dinge ja etwas komplizierter aus.
Wann hatten die Coens zum letzen Mal das Gefühl, ihre Künstlerhaut zu Markte zu tragen?
Joel Coen: Wir versuchen schon seit Studentenzeiten uns zu verkaufen.
Ethan Coen: Aber keiner will kaufen, das ist das Problem. Es verhält sich wie bei diesem Typen im Film: Man verkauft sich so weit, wie man selbst damit noch leben kann. Und so weit, wie es die Welt verlangt. Irgendwo dazwischen muss man seine Linie ziehen – wo genau das ist, das weiß ich auch nicht. Man zieht seine Linie, wo man seine Linie eben zieht.
Sie haben sich seit über zwanzig Jahren Ihre künstlerische Handschrift bewahrt – wie gelingt das?
Ethan Coen: Die Welt hat uns mehr künstlerischen Freiraum gegeben als sie es mit diesem Typen im Film tut. Insofern können wir uns glücklich schätzen.
Joel Coen: Man darf den Faktor Glück niemals unterschätzen. Jeder weiß, dass es Leute gibt, die unglaublich gut in ihrem Bereich sind, aber dennoch keinen Erfolg haben. Warum ist das so? Diese Frage wollen wir mit diesem Film aufwerfen – ohne dass wir Antworten darauf hätten. Wir fanden das eine spannende Geschichte: Sie handelt von einem Versager. Aber einem Versager, der ziemlich gut ist. Doch allem Talent zum Trotz wird unser Llewyn niemals ein Bob Dylan sein.
Gibt es in all Ihren Filmen die absolut perfekte Coen-Szene für Sie?
Ethan Coen: Nein, das lässt sich gar nicht sagen, weil wir unsere Filme niemals rückblickend bewerten. Wenn ein Film abgedreht ist, ist er abgeschlossen. Wir beschäftigen uns nicht mehr damit, weil wir ohnehin nichts mehr verändern könnten.
Joel Coen: Ich wüsste auch keine Lieblingsszene. Wenn man gezwungenermaßen einmal seine alten Filme anschaut, entdeckt man nur all die Fehler, die man gemacht hat. Jene Szene, die anders besser gewesen wäre, oder jener Schnitt, der effektiver gewirkt hätte. Man sieht die kleinen Schwächen und eventuell auch die größeren.
Sie sind in so vielen Genres sattelfest. Wäre ein Film aus dem pornografischen Bereich à la Lars von Trier keine Herausforderung für Sie?
Joel Coen: Wir können mit Lars von Trier nicht mithalten. Wir sind langweilig im Vergleich zu Lars.
Ethan Coen: Lars von Trier ist uns zu weit voraus. Und er ist fast überall.
Welche Filme schauen Sie selbst gern an?
Ethan Coen: Wir haben vor kurzem einige Filme von Douglas Sirk gesehen, die waren alle sehr interessant. Kitschig, aber in der richtigen Form und Dosis.
Joel Coen: Sirk ist faszinierender Kitsch!
