Spike Lee im Gespräch mit Leslie O’Brien
Was gab für Sie den Ausschlag, Inside Man zu machen?
Ich fand das Drehbuch wirklich gut. Ich weiß, das klingt reichlich abgedroschen, aber es stimmt einfach. Auch jeder der Schauspieler wird bestätigen, dass das Buch einfach sehr gut ist, mit einem so gutem Skript fällt es auch leichter, so talentierte Leute wie Denzel Washington, Jodie Foster, Clive Owen, Christopher Plummer oder Willem Dafoe zu gewinnen.
Warum haben Sie diesmal mit einem der großen Studios zusammengearbeitet?
Es war nicht immer einfach, ein ordentliches Budget für meine Filme aufzustellen. Ich war froh, einmal genug Geld zu haben, denn damit konnte ich Schauspieler vom Kaliber Denzel Washingtons bezahlen, wie es ihnen zusteht. Ich würde jemanden wie Denzel niemals fragen, ob er gratis für mich arbeitet.
Aber mussten Sie dafür nicht auch Kompromisse eingehen?
Nicht bei diesem Film, ich konnte den Film genau so machen, wie ich wollte.
Haben Sie das Drehbuch verändert, um es Spike-Lee-tauglich zu machen?
Ich habe einige Änderungen vorgeschlagen, die wir dann aber gemeinsam umgesetzt haben. Russell und ich haben einfach versucht, das Beste aus dem Stoff herauszuarbeiten.
Wie denken Sie darüber, dass europäische Regierungen Kunstwerke, die sich noch immer in deren Besitz befanden, obwohl sie von den Nationalsozialisten gestohlen wurden, nun restituieren müssen?
Das finde ich absolut in Ordnung. Das Metropolitan Museum in New York wird als nächstes drankommen, dann werden Italien und Frankreich folgen. Das Metropolitan besitzt eine Menge ägyptischer Kunstschätze. Man kann nicht einfach ein Land überfallen und dessen Kunstwerke stehlen! Schon in meiner Jugend habe ich Filme wie The Train und Is Paris Burning? sehr geschätzt. Beide Filme handeln von Frankreichs großartigen Kunstwerken und vom Versuch der Nazis, diese zu stehlen. Aber Burt Lancaster hat das verhindert. Ich denke, dass eine Menge solcher Kunstschätze auf der ganzen Welt irgendwo herumhängen, deren Besitzverhältnisse noch geklärt werden müssen. Das ist ein zentrales Element, das Russell Gewirtz in das Drehbuch von Inside Man einbrachte.
Der Film thematisiert auch die Verbrechen des Holocaust, spricht die Tatsache an, dass etliche Täter jahrzehntelang für ihre Verbrechen unbehelligt blieben.
Es war mir sehr wichtig, dass Russell Gewirtz in seinem Skript ein ganz großes Dilemma angesprochen hat. Manche Menschen, die in der Vergangenheit schwere Schuld auf sich geladen haben, versuchen dann jeden Tag ihres Lebens, ihre Seele rein zu waschen. Aber das funktioniert so nicht. Es interessiert mich herzlich wenig, wie viel Geld jemand für wohltätige Zwecke spendet, damit kann man sich nicht einfach reinwaschen.
Ungeachtet seines politischen Inhalts ist der Film auch ungemein spannend. Wieso haben Sie sich gerade für einen Film über einen Bankraub entschieden?
Ich habe vorher noch keinen Genrefilm gemacht. Ich mag Filme mit gut geplanten großen Raubüberfällen. Es war eine interessante Herausforderung, ein derartiges Mainstream-Thema anzupacken, dabei aber auch brisante Themen anzuschneiden.
Inside Man handelt auch von den verschiedenen Bevölkerungsgruppen New Yorks. In ihren früheren Filmen haben Sie diesen Themenkomplex öfter und deutlicher angesprochen.
Als ich Do The Right Thing und Jungle Fever gedreht habe, war die Stimmung in New York bezüglich ethnischer Themen angespannter. Die Zeiten haben sich doch verändert, aber auch Inside Man unterscheidet sich von meinen früheren Filmen.
Was wird Ihr nächstes Projekt sein?
Ich arbeite an When the Levees Broke, einem Dokumentarfilm für HBO über den Hurrikan „Katrina“, der am 29. August, dem Jahrestag der Katastrophe, ausgestrahlt wird.
Ist Rassismus dabei ein Thema?
Es geht dabei in erster Linie um die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Schichten. Als die Dämme brachen, wurden ja auch Gemeinden überflutet, die hauptsächlich von Weißen bewohnt wurden, das Wasser hat sich nicht um die Hautfarbe geschert. Doch wenn man die Bilder von CNN betrachtet, hätte man den Eindruck bekommen können, nur die schwarzen Einwohner von New Orleans seien betroffen gewesen.
Sie haben Außenministerin Condoleeza Rice heftig kritisiert.
Ich fand es ziemlich verstörend, dass die Außenministerin nichts Besseres zu tun hatte, als die Madison Avenue hinabzuspazieren und sich teure Schuhe zu kaufen, während viele Menschen sich gerade noch auf die Dächer ihrer Häuser retten konnten. Und als jemand sie darauf ansprechen wollte, wurde er von ihren Sicherheitsleuten einfach weggezerrt. Überhaupt hat die Regierung Bush alle Warnungen vor dem Hurrikan, und davon gab es jede Menge, schlichtweg ignoriert und viel zu wenig getan, um die Menschen zu schützen. Als ich Fahrenheit 9/11 sah, war ich überzeugt, dass Bush nicht wieder gewählt werden würde. Ich habe mich geirrt, aber diese Dokumentation wird meine persönliche Antwort darauf sein.
Übersetzung: Jörg Schiffauer
