Interview – Keep It Up, Steve!

„Keep It Up, Steve!“

| Roman Scheiber |

Schauspieler und Regisseur Steve Buscemi hat mit dem Remake des pfiffigen Kammerspiels „Interview“ seine vierte Regiearbeit realisiert. Wahrgenommen wird der Darling der Independent-Szene immer noch vorzugsweise als nerdiger Nebendarsteller.

Jim neigt zur Austrocknung. Deshalb versucht er, sich nicht aufzuregen, und deshalb bewegt er sich für gewöhnlich nicht besonders schnell, denn beides beschleunigt den Flüssigkeitsverlust seines Körpers. Doch am Ende von Lonesome Jim, da rennt der Titelheld mit zwei Reisetaschen in den Händen einem Auto hinterher. Gerade noch wollte er in einen Bus einsteigen, der ihn von dort, wohin er unlängst erst zurückgegangen ist, wieder wegbringen sollte. Es ist eine doppelte Überwindung für Jim (Casey Affleck): Zum ersten Mal tritt er nicht, wie üblich, die Flucht vor Problemen an. Und zum ersten Mal bekennt er sich zu den Menschen, die er liebt. Zu seiner engelsgleichen One-Night-Stand-Bekanntschaft (Liv Tyler) und zu ihrem Sohn, zu seiner eigenen dysfunktionalen Familie und nicht zuletzt zu den Schneckenhausbewohnern der muffigen Kleinstadt im mittleren Westen, seiner Herkunft.

Das klingt natürlich kitschig. In Konfektionsromanzen Marke Hollywood sind derlei Szenen denn auch oft mit orchestral überquellender Marmelade verschmiert, das Paar läuft einander in die Arme, der finale Kuss markiert den Höhepunkt. In Lonesome Jim klimpert das hübsche, bluesige Musikthema, das schon den ganzen Film eingefärbt hat, einfach so weiter, während Jim ins Auto zu seiner Liebsten steigt, verschnauft und mit ihr einen langen Blick tauscht. Viel mehr als ein Ende ist damit ein Anfang erzählt, man spürt die Probleme, die auf Jim zukommen werden. Schließlich hat man diese, in bedächtigem Erzählrhythmus, gerade vor Augen geführt bekommen. Man hat diesen pessimistischen Typen, der so gern Schriftsteller geworden wäre, langsam verstehen gelernt, und ihn früher oder später trotz seiner Fehler und Neurosen für sympathisch befunden. Man weiß, Küsse von seinem Engel wird er noch viele bekommen, aber in diesem Moment braucht er zuerst einmal eine Flasche Wasser. Damit er nicht austrocknet.

Natural Born Losers

Lonesome Jim (2005) ist Steve Buscemis in hiesigen Lichtspielhäusern nicht gezeigte, immerhin auf DVD erhältliche dritte Regiearbeit. 1996 entstand sein an die eigene Biografie und an Robert Altman angelehntes Slacker-Porträt Trees Lounge, mit ihm selbst in der Hauptrolle als alkoholsüchtigem Eismann und Chloe Sevigny als Lolita. Vier Jahre später drehte er Animal Factory, ein hartes Gefängnisdrama mit Willem Dafoe und Edward Furlong. Schon mit den Titeln ist einiges über das Personal angedeutet, mit dem diese Filme bevölkert sind. Sie hängen in Bars herum oder hinter Gittern, haben viel Zeit tot zu schlagen und streiten heftig. Sie sind gemeinsam einsam, und sie scheinen, bei aller Verschiedenheit, allesamt aus demselben Zoo zu kommen: der im Kino wohlbekannten, dort jedoch im Vergleich zur Welt draußen immer noch unterrepräsentierten Zwangsgemeinschaft der Natural Born Losers. Stets ein wenig zu übermütig oder andererseits zu apathisch, selten ganz ausgenüchtert, in entscheidenden Momenten zu unbedacht, haben sie meist nicht genug Geld in der Tasche, geraten mehr oder weniger massiv mit dem Gesetz in Konflikt und werden von Schwierigkeiten angezogen wie Fliegen von Fäkalien. Sie schwindeln sich irgendwie durch, betrügen sich und andere. Es sind Figuren, die mehr mit einem selbst zu tun haben könnten, als man sich das vielleicht eingestehen möchte. Was sie glamouröseren Charakteren allerdings voraushaben, ist eine kaum zu überbietende Fürsorge untereinander, jedenfalls sehr oft, wenn es darauf ankommt.

Steve Buscemi hat eine ganze Reihe von Verliererfiguren selbst gespielt. Verhältnismäßig wenige davon waren bloße Schablonen von Losern, aber weil Buscemi – nicht zuletzt aufgrund seiner originellen Physiognomie – lange Zeit geradezu abonniert darauf war, Neurotiker und Nerds zu geben, hat sich sein Repertoire diesbezüglich annähernd erschöpft. Einem breiten Publikum ist der mittlerweile 50-jährige spätestens seit seiner Darstellung des Carl Showalter in Fargo (1996) nachhaltig bekannt, unbeschadet der Tatsache, dass von dem kriminell viel keppelnden Ganoven am Ende nur das Bild einer Blutfontäne im Schnee bleibt. Dauergast beim Sundance Film Festival und dezidierter Darling des US-Independent-Kinos war Buscemi damals längst: 1996 stand er auch für Robert Altmans Kansas City vor der Kamera, ein Jahr zuvor spielte er in Tom DiCillos Meta-Filmfarce Living in Oblivion einen Low-Budget-Regisseur, 1992 war er Mr. Pink in Quentin Tarantinos Leinwand-Debüt Reservoir Dogs.

Buscemi, ursprünglich ausgebildeter Fire Fighter, fügte seiner in unseren Breiten bis Mitte der Neunziger Jahre weitgehend unbeachteten Filmografie eine Nebenrolle nach der anderen als Außenseiter und/oder Verrückter hinzu und wirkte zum Beispiel in einem halben Dutzend Filme mit, die den Namen seiner Geburtsstadt New York im Titel tragen. Wenn er sich nicht gerade in der Clique von Jim Jarmusch (als dessen Kameramann DiCillo angefangen hatte) herumtrieb, klapperte Buscemi so ziemlich alle Independent-Stars Nordamerikas von Abel Ferrara bis Gus van Sant nach Arbeit ab. Fargo war sein vierter Auftritt in Filmen der Gebrüder Coen, dem zwei Jahre später mit The Big Lebowski ein weiterer, vergleichsweise wortarmer folgen sollte: als ziemlich zurückgebliebener Bowling-Kumpel Donny an der Seite des „Dude“ Jeff Bridges und des polternden Polen John Goodman. Sterben und also verlieren muss Buscemis Figur auch in dieser Erfolgskomödie der Coens, doch immerhin unblutig, und ein Teil seiner Asche darf im Gesicht von Goodman und Bridges weiterleben.

Almost Blind Date

Seine plötzliche Popularität nutzte Buscemi, indem er ungerührt von verärgerten Indie-Fan-Kommentaren peinliche Blockbuster-Rollen annahm – vom klischeehaften Kinderschänder in Conair und dem Spacecowboy mit Zahnfäule in Armageddon zum Haustechniker im Scarlett-Johansson-Vehikel The Island. Doch er bemühte sich auch, als Regisseur an Projekte heranzugehen. Mehr als drei Jahre braucht er im Schnitt für einen Film, was natürlich nicht an mangelndem Engagement oder Ideenarmut, sondern trotz bescheidener Produktionsbudgets am üblichen pekuniären Problem liege, so Buscemi: „Es ist nun einmal schwierig, Financiers für kleine, unspektakuläre Stoffe und ehrliche Geschichten zu finden, die nicht auf ein großes Publikum abzielen. Da braucht man ein gewisses Durchhaltevermögen.“

Als man Buscemi fragte, ob er einen Film des Niederländers Theo van Gogh re-inszenieren wolle, ließ er sich nicht lange bitten. Van Gogh, Filmemacher, Publizist und Enfant Terrible der niederländischen Kulturszene, war im November 2004 von einem islamischen Extremisten ermordet worden, der sich durch seinen islamkritischen Kurzfilm Submission (Drehbuch: Ayaan Hirsi Ali) und dessen Darstellung von Koranversen auf dem nackten Körper einer Frau provoziert gefühlt hatte. Die Tat erregte Empörung und heizte die weltweit schwelende Debatte vom Kampf der Kulturen weiter an. Bald darauf beschloss ein Team von ehemaligen Kollaborateuren van Goghs, drei seiner Filme von Schauspieler-Regisseuren (als solchen hatte van Gogh sich selbst gesehen) nachdrehen zu lassen. Stanley Tucci und John Turturro heuerten für Blind Date (1996) und van Goghs letzten Film 06/05 (2004) an, Buscemi übernahm das aus dem Jahr 2003 stammende Zwei-Personen-Drama Interview.

Der Stoff ist im Grunde ein theatralischer. Es handelt sich um ein Psychokammerspiel zwischen einer Seifenopern-Darstellerin und einem Auslandskorrespondenten: Pierre Peders, ehemals Kriegsberichterstatter, soll zur Strafe für berufliche Verfehlungen das hübsche, populäre und vermeintlich unbedarfte TV-Starlet Katya interviewen. Von der ersten lustlosen Begegnung der beiden in einem Promi-Lokal (Peders trägt sein Desinteresse offen zur Schau, Katya widmet sich demonstrativ ihrem Chiwawa-bellenden Handy) verlagert sich das Geschehen durch einen kleinen Unfall in das nahe gelegene Loft der Schauspielerin, wo es sich unter Beigabe diverser Rauschmittel – und in einigen durchaus emotionalen Twists – zum sehenswerten, sexuell gespannten und sehr persönlich gemeinten Duell der Geschlechter und Lebenshaltungen auflädt, das man in diesem Zusammenhang gern Katz-und-Maus-Spiel nennt. Wer letztlich die Katze und wer die Maus ist, bleibt hier bis zum Ende offen. Schauspielerisch hält Sienna Miller den alten Profi Steve Buscemi jedenfalls einigermaßen in Schach (im ebenso sehenswerten No-Budget-Original matchen sich Katja Schuurmann, übrigens im eigenen Loft der damaligen Soap-Diva, und Pierre Bokma).

Wer einmal Stars interviewt hat, weiß, in welch sterilen Mustern so eine Begegnung meist abläuft. Mehr als für Celebrity-Kult, Quotenpop & Co. jedoch interessiert sich Interview ohnehin dafür, hinter den Masken von zwei Menschen nach Abgründen zu suchen. Verdeckte psychische Narben nahezu ausschließlich durch Dialoge ans Licht zu bringen, schlagfertiges Gerangel unter Fremden als einziger Antriebsmotor von Enthüllungen: Das ist filmisch nicht leicht zu arrangieren und verführt zum Einsatz überflüssiger Gimmicks. Zum Glück kommt die eingeschränkte Dynamik des Drehbuchs dennoch ohne gekünstelte Manöver aus, ganz im Gegensatz zu einem anderen aktuellen Katz-und-Maus-Spiel: Die auf einem latent frauenfeindlichen Bühnenstück von Harold Pinter basierende Männer-Psycho-Mottenkiste Sleuth mit Michael Caine stellt sich, wiewohl von Shakespeare-Aficionado Kenneth Branagh in eine mit Hightech-Gadgets aufgebrezelte Villa verlegt, als hoffnungslos verstaubt und leer heraus – abgesehen von intellektuellen Worthülsen und einem maskierten Springteufel namens Jude Law, den man am liebsten sofort wieder in die Schachtel zurückstecken möchte.

Ein schlechtes Drehbuch kann selbst ein Grandseigneur wie Caine nicht retten, ein gutes (für das Remake von Buscemi und David Schechter homöopathisch überarbeitet) lässt sich von einer überraschend gewitzten Actrice wie Sienna Miller sogar noch feiner ziselieren. Was die Kameraarbeit betrifft, scheint der gleichzeitige Einsatz von drei Digicams der Effizienz der Akteure von Interview jedenfalls dienlich gewesen zu sein. Im Übrigen hätten es halb so viele Turnübungen der gelenkigen Hauptdarstellerin wohl auch getan, und außer den Cameo-Sekundenauftritt von Katja Schuurmann am Schluss könnte man sich plumpe Verweise auf die Van-Gogh-Vorlage auch schenken.

Real Ghost World

Eine von Steve Buscemis herausragenden Leistungen als Schauspieler ist sein Schallplattenfreak Seymour in Terry Zwigoffs unvergleichlich charmanter Comic-Adaption Ghost World (2001, Comic-Vorlage und Oscar-nominiertes Drehbuch: Daniel Clowes) an der Seite der jugendlichen Enid (als personifiziertes Style-Crime: Thora Birch) und ihrer Freundin Rebecca (die damals 16-jährige Scarlett Johansson spielt hier die Spießige). Die Rolle des Seymour interpretiert Buscemi auf der Höhe seiner Kunst: So schrullig und liebenswürdig zugleich war kaum ein Außenseiter je dargestellt. Auch dem kindischen Säufer aus Trees Lounge (1996), für den er selbst das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat, vermag Buscemi gerade soviel tollpatschige Individualität zu verleihen wie nötig, um das labile System zwischen der Würde der Figur und dem wachsenden Bedürfnis des Publikums nach deren Demontage in Balance zu halten.

Seine Bekanntschaft mit Leuten wie Altman, Jarmusch oder Zwigoff, seine Erfahrungen im Dunstkreis all der Unabhängigen und Eigenbrötler haben ohne Zweifel Buscemis eigene Haltung als Filmemacher beeinflusst. Von Altman hat er das Credo, nie allein auf den Erfolg zu schielen und sich selbst und seinem Team treu zu bleiben. Buscemi: „Es muss dir egal sein, ob dein Film genug Geld verdient, hat Altman zu mir gesagt. Erfolg ja, aber nur mit eigenen Mitteln. Und dann hat er sich korrigiert: Mit unseren eigenen Mitteln. Damit hatte er nicht nur seine, sondern auch die Mittel der Schauspieler gemeint. Das war eines der ersten Male, dass ich mich als Crewmitglied für respektiert erachtet habe.“

Buscemis Regie-Entscheidungen mögen nicht so hintersinnig sein wie Altman-Episoden, nicht so cool wie Jarmusch-Joints und nicht von einer ironischen Qualität wie Zwigoff-Comicstrip-Szenen. Und doch haben sie ihre Vorzüge: Sie sind von einem Hang zum Naturalismus und Humanismus getragen. Sie beziehen Schauspieler, ganz im Geist von John Cassavetes’, in die kreative Arbeit mit ein. Vor allem aber zeugen sie von einer Liebe zu den Charakteren, die auch vielen Vorbildern Buscemis nicht fremd ist. Und was seine eigene Handschrift betrifft, so hängt die Weiterentwicklung einer solchen nicht zuletzt von tapferen Financiers ab, die den notorischen Spätstarter und sympathischen Teamplayer einfach weiter Filme machen lassen. In dieser Hinsicht sieht es nicht schlecht aus: So viele Projekte wie in diesem Sommer hatte Steve Buscemi noch nie in der Pipeline.