„Into the Wild“ ist die von Regisseur Sean Penn lautmalerisch erzählte Geschichte eines jungen Mannes, der mit romantischen Idealen in die Welt hinausging, um das wahre Leben zu suchen, und dabei den Tod fand.
Was ich wünschte, war Bewegung und nicht ein ruhiges Dahinfließen des Lebens. Es verlangte mich nach Aufregungen und Gefahren, nach Selbstaufopferung um eines Gefühls willen. In mir war ein Überschuss von Kraft, der in unserem stillen Leben keinen Raum zur Bestätigung fand.
Leo Tolstoi, Familienglück
Am 10. September 1992 meldete die Anchorage Daily News auf ihrer Titelseite den Tod eines Backpack Travelers. Die Leiche war 25 Meilen westlich von Healy an der Grenze des Denali Nationalparks gefunden worden, in einem ausrangierten Bus in der Nähe des Teklanika River. Um den genauen Todeszeitpunkt zu bestimmen, war die Verwesung zu weit fortgeschritten. Die sterblichen Überreste des Mannes wogen zum Zeitpunkt der Autopsie 33 Kilo. Man ging davon aus, dass er verhungert war.
Neben einem kleinkalibrigen Gewehr waren bei dem Toten Taschenbücher von Tolstoi, Thoreau und Jack London sowie ein Handbuch über essbare Pflanzen sichergestellt worden, dessen zwei letzte Seiten dichtgedrängt mit tagebuchartigen Einträgen vollgekritzelt waren. Die Identität des einsamen Trampers konnten die Alaska State Troopers erst eine Woche, viele landesweite Nachrichten und 150 falsche Anrufe später ermitteln: Es handelte sich um den 24-jährigen Christopher Johnson McCandless aus Annandale, Virginia, einem reichen Vorort von Washington, D.C.
Im Januar 1993 erschien in der Fachzeitschrift Outside ein Text über Chris McCandless’ Geschichte, der eine Flut kontroverser Leserbriefe nach sich zog. Man erfuhr, dass McCandless ein intelligenter Knabe mit vielen Talenten gewesen war, ein begnadeter Sportler und Langstreckenläufer, dass er im Sommer 1990 mit Auszeichnung das College in Atlanta abgeschlossen und gute Aussichten auf einen Platz an der Harvard Law School hatte, jedoch sein gesamtes Studiengeld einer Hungerhilfsorganisation spendete und, ohne sich von seiner Familie zu verabschieden, unter dem Namen „Alexander Supertramp“ einen Trip quer durch Nordamerika antrat.
Verfasst wurde der Artikel von dem Bergsteiger, Reporter, Wissenschaftsjournalisten und späteren Bestsellerautor und Naturschützer Jon Krakauer. Weil Krakauer „beunruhigende entfernte Parallelen“ zwischen dem Leben des jungen Mannes und seinem eigenen entdeckte, wollte er den Fall nach dem Erscheinen seiner Story nicht zu den Akten legen und recherchierte der verschlungenen Wanderschaft McCandless’, die zu dessen Tod in der Taiga Alaskas führte, „mit einer Neugierde, die fast an Besessenheit grenzte“ nach. Into The Wild / In die Wildnis heißt das 1996 veröffentlichte Ergebnis dieser peniblen wie detailreichen Rekonstruktion. Kurzbiografien weiterer Grenzgänger, die dem Ruf der alaskanischen Wildnis folgten oder ihrer eigenen Unrast zu entfliehen versuchten, fügt der Autor ebenso hinzu wie die Schilderung persönlicher Jugenderfahrungen. „Ein Großteil meiner Motivation, das Buch zu schreiben, bestand darin, mich mit Chris zu identifizieren und ihn dadurch zu verstehen“, sagt Krakauer. „Aber ich gebe nicht vor, ihn völlig nachvollziehen zu können. Er war egozentrisch, er war störrisch, er war ungestüm. Aber er hatte auch ein reines Herz. Und das Wunderbare an ihm war, dass er keine Kompromisse einging. Er hatte extrem hohe Ideale und ein Gefühl für moralische Aufrichtigkeit. Er glaubte, dass der Sinn des Lebens nicht darin bestand, den einfachen Weg zu wählen.“
Into the Wild arbeitet letztlich auch die banalen Fehler heraus, die McCandless das Leben kosteten. Vor allem aber skizziert das Buch, ohne den Mythos der Wildnis zu verherrlichen, eine Suche nach innerer Wahrheit, die der Sehnsucht nach totaler Unabhängigkeit von einer überzüchteten Zivilisation entsprungen war. Zwei Jahre lang hielt sich der Titel in der Bestsellerliste der New York Times. Unterdessen kämpfte Krakauer selbst mit moralischen Wirrnissen: Ausgerechnet sein umstrittener Erlebnisbericht über eine missglückte Mount-Everest-Expedition, bei der mehrere Mitglieder zu Tode kamen (wenig später unter dem Titel Into Thin Air / In eisige Höhen gedruckt und vielfach übersetzt), machte ihn weltbekannt.
Noch niemand ward von seinem Genius in die Irre geführt. Mag das Ergebnis auch körperliche Schwäche sein, so kann doch niemand sagen, dass die Folgen zu bedauern seien, denn dieses Leben war höheren Grundsätzen gemäß. Wenn uns Tag und Nacht so erscheinen, dass wir sie mit Freude begrüßen, wenn das Leben einen Duft ausströmt wie Blumen und würzige Kräuter, wenn es spannkräftiger, sternenreicher und mehr unsterblich wird – dann ist dies unser Erfolg.
Henry David Thoreau, Walden. Ein Leben in den Wäldern
Jon Krakauer ging es mit seinem Buch darum, das Rätsel um den Tod Chris McCandless’ zu erhellen. Sean Penn scheint es in seiner vierten abendfüllenden Regiearbeit eher darum zu gehen, den Geist dieser außergewöhnlichen Unternehmung lebendig zu halten. Wohl hält sich Into the Wild über weite Strecken an Krakauers Recherchen, orientiert sich an Aussagen von McCandless’ Angehörigen und zeichnet Begegnungen nach, die im Lauf der Reise eine Rolle spielten. Doch darüber hinaus streicht Penns Inszenierung deutlicher als Krakauers Buch ihre Sympathie für den einsamen, von Emile Hirsch dargestellten Helden hervor.
Into the Wild ist in fünf Kapitel unterteilt. Anstatt Stationen der Reise zu markieren, symbolisieren sie die Abschnitte des zweiten Lebens von Chris McCandless, nachdem dieser sein Auto zurückgelassen, sein restliches Bargeld verbrannt und gleichsam von vorn angefangen hat. Den Rahmen der Erzählung bilden jene 113 Tage, die er am Ende seiner Odyssee in purer Isolation in Alaska verbrachte. Eine zweite narrative Ebene wird in ausgedehnten Rückblenden seiner Reise eingezogen, und behält nebenbei die besorgte Familie im Blick. Flashbacks auf McCandless’ Jugend zeigen streitende Eltern (William Hurt, Marcia Gay Harden), ein Vater-Sohn-Konflikt schält sich allmählich heraus. Dass Chris’ Schwester Carine (Jena Malone) der Part der Erzählerin zugewiesen wird, ist ein hübscher Kunstgriff: Als Stimme einer wiewohl verständnisvollen Außensicht steht sie zugleich für das Wertvollste, das der Ausreißer zurücklassen musste.
Into the Wild rollt – wie Penns Regiedebüt Indian Runner (1991), das auf einem Bruce-Springsteen-Song basiert – einen ingeniösen Soundteppich auf, vor dem sich in eigentümlicher Atmosphäre ein Leporello der Weiten Nordamerikas entfalten kann, von Georgia an die Küste Kaliforniens, von einem Grenzfluss in Mexiko bis Fairbanks (überwiegend an Originalschauplätzen gedreht). Kaum weniger als sein Held selbst, interessieren Penn die Menschen, die zu McCandless’ zivilisatorischen Berührungspunkten wurden. Bei einigen evozierte der streng kapitalismuskritische, mit der Sturheit eines Berggeißbocks ausgestattete Knabe gar Elterngefühle: Späthippies (Catherine Keener, Brian Dierker), ein delinquenter Farmer (Vince Vaughn), ein verwitweter Kriegsveteran (Hal Holbrook). Mit diesen beiläufigen Porträts randständiger Amerikaner richtet die Inszenierung den Blick immer wieder auf jene, die nur abseits großstädtischer Trampelpfade sichtbar sind.
Zehn Jahre bemühte Penn sich um die Rechte, seit der Lektüre von Krakauers Buch lief, wie er sagt, in seinem Kopf ein Film ab. Nach Monaten im Schneideraum (und wohldosiertem Einbau von Jump Cuts, Slow Motions, Split Screens, Freeze Frames und anderen Kunststückchen in das primär mit Handkamera aufgenommene Material) gibt Penn zu Protokoll: „Am Ende war der Film ziemlich exakt das, was ich in meinem Kopf zehn Jahre zuvor gesehen hatte.“
Vielleicht ist es schließlich doch die schlechte Angewohnheit schöpferischer Menschen, mit pathologisch anmutender Energie geistiges Neuland zu betreten. Die Erkenntnisse, zu denen sie dabei gelangen, sind oft bemerkenswert. Allerdings verhelfen sie nur jenen zu einer dauerhaften Existenz, denen es gelingt, sie in nennenswerte Kunst oder Gedankenwelten zu übertragen.
Theodore Roszak, In Search of the Miraculous
Welcher Film im Kopf des Betrachters abläuft, hängt von persönlichen Projektionen ab. Wer ist diese Person, die hier in einem motorlosen Bus am Stampede Trail nördlich der Alaska Range allein ihr Leben organisiert? Ein sonderlicher Aussteiger? Ein erhabener Pilger? Ein einseitig belesener Easy Walker? Ein geistiger Verwandter jener frühmittelalterlichen irischen Mönche, die abgeschieden auf der Atlantikinsel Papós leben wollten und auf allzu stürmischen Überfahrten in Scharen ihr Leben ließen? Oder gar ein verhinderter Gesellschaftskritiker, der „Karriere“ als eine „entwürdigende Erfindung des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete, aber mangels gegenkultureller Impulse in der Ära Bush senior die Revolution nur spirituell, im Solipsismus vollziehen konnte?
Man sieht ihn Kleinwild jagen, Beeren sammeln, Reis kochen (der einzige Proviant, den er sich gönnte). Man sieht ihn Fehler machen: Einen erlegten Elch versucht er mittels Räuchern zu konservieren, wie ein Hobbyjäger in South Dakota es ihm erklärt hat. Es wäre ein Leichtes gewesen, sich darüber zu informieren, dass in der Taiga rohes Wildfleisch besser in dünne Scheiben geschnitten und luftgetrocknet wird. Anschaulich wird auch, warum McCandless es nicht rechtzeitig nach Healy zurück schaffte – er hatte den stark steigenden Wasserstand des Teklanika River unterschätzt. Jon Krakauer: „Einige seiner Kritiker meinen, dass er schlecht vorbereitet war, zu unbekümmert, geradezu tollkühn. Sie fragten, warum er weder Axt noch Funkgerät bei sich hatte, als er nach Alaska ging. Aber Chris’ Vorstellung vom Abenteuer sah keine Absicherung vor.“ Dass die Welt längst vermessen, die weißen Flecken von den Landkarten längst verschwunden waren, ignorierte McCandless mutwillig. Eine schlichte Geländekarte und das allgemeine Pfadfinderhandbuch hätten ihm wohl das Leben gerettet. Darauf zu verzichten, war, glaubt man Krakauer, dennoch weder Leichtsinn noch Todessehnsucht.
Was Chris McCandless in diesen vier Monaten des Jahres 1992 erfahren hat, kann auch, wer Emile Hirsch lesen, kontemplieren, Selbstgespräche führen, zufrieden sein, abmagern und am Ende bloß noch leiden sieht, nur in Ansätzen begreifen. Wie ihm die Dinge in einem phänomenologischen Sinn unmittelbar erschienen; welche Einstellung er zu den Ereignissen hatte; ob er die unberührte Natur tatsächlich als einzige Wahrheit seines bisherigen Lebens auffasste; ob er dabei die Grenzen des Sagbaren transzendieren konnte: All das erschließt sich nicht im Kino – schon gar nicht, wenn einem unterdessen die fabelhaften Folksongs von Pearl Jam Frontman Eddie Vedder in die Gehörgänge kriechen.
Into the Wild maßt sich nicht an, eine archaische persönliche Erfahrung in ein allgemein nachvollziehbares Filmerlebnis zu übersetzen. Vielmehr versucht der Film, eine diffuse innere Gemengelage aus antiautoritärem Reflex, Unbehagen an der Zivilisation und entschlossenem Abenteuersinn mit zwischen Lust und Angst, zwischen Melancholie und Heiterheit flottierender Stimmung aufzuladen. Es hat Charme, dieses Sturm-und-Drang-Faszinosum, das von Krakauers Buch durch die Köpfe Sean Penns und seiner Mitstreiter auf die Leinwand fand. Was kann man vom Kino mehr erwarten: Die Reise eines Entdeckers, dem die Welt offen steht, der sich aber lieber in die Eremitage verzieht und in seinem „Magic Bus“ eine Art Road Movie im Stillstand durchlebt.
