Fernsehserien: Based on Serials. Ein Dossier

Invitation to Love

| Roman Scheiber |
Anlässlich der Wiederaufnahme einer Kultserie, deren Wirkmacht bis heute spürbar ist: „Twin peaks“, revisited.

Diese Musik! Man hört die ersten zwei Takte und hat sie gleich wieder im Ohr. Dazu hebt sich eine Galerie schöner, dunkler, seltsamer, horrender Bilder ins Bewusstsein, denen man noch Jahrzehnte danach kaum widerstehen kann. Dabei war im Anfang der melodramatischen Musik von Twin Peaks nur ein Bild. „Stell dir vor, wir sind allein im dunklen Wald, ein sanfter Wind bläst, wir sehen den Mond, eine Eule heult“, sagte David Lynch zu Angelo Badalamenti, neben ihm am Keyboard im Büro des Komponisten in Manhattan sitzend, ein Kassettenrekorder lief, und Badalamenti drückte einen tiefen Akkord in die Tasten. Lynch, sinngemäß: „Wunderbar, Angelo, jetzt dieselben Töne, nur langsamer … Noch langsamer … Nun stell dir vor, ein einsames, trauriges Mädchen kommt aus der Dunkelheit auf dich zu“ – Badalamenti schraubte die Melodie hoch und löste sie in ekstatischer Höhe auf – „Fantastisch … Jetzt stell dir vor, das Mädchen entfernt sich wieder … Langsam fällst du in den dunklen Wald zurück …“ Badalamenti wollte die Idee weiterentwickeln, doch Lynch sagte nur: „Ändere keine einzige Note! Ich sehe Twin Peaks.“

In einem so simplen wie genialen Kurzschluss zweier Kreativer war, angeblich innerhalb weniger Minuten, „Laura Palmer‘s Theme“ entstanden – so etwas wie das tonale Grundgerüst einer Serie, die lange in den Köpfen von Fernseh- und Filmemachern wie Lars von Trier (siehe DVD-Tipp auf S. XY), J.J. Abrams, Vince Gilligan und vielen anderen nachwirken sollte. Die Musik, mittels Syntheziser atmosphärisch aufgeladen, stieß das Tor auf zu einer Welt, die man im Fernsehen nie zuvor gesehen hatte. Und wer sich einmal hineinziehen ließ, konnte nicht anders, als Woche für Woche dahin zurückzukehren. Da war zunächst einmal der Mord an Laura Palmer, der örtlichen Schönheitskönigin und Geheimnisträgerin, den man unbedingt aufgeklärt wissen wollte. Da gab es den sympathischen Sheriff Truman und dessen kauzige Kollegen, bis zur Karikatur entstellte Kleinstadtbewohner aller Wollpullover-Couleurs und jugendliche „Rebels without a cause“, hinter deren Seifenopernsprech man sofort kryptokriminelle Abgründe zu vermuten geneigt war. Und dann gab es Frauen in dieser von Nadelhochwäldern umflorten Gemeinde ganz im Nordwesten der USA, wie sie einem (jungen heterosexuellen Mann) noch nicht einmal im Traum, geschweige denn in der Bildröhre erschienen waren. Hinzu kam der schrullig höfliche FBI-Agent Cooper, der einer „Diane“ Notizen in sein Diktiergerät sprach und am Ende (der in Europa gezeigten Version) des Pilotfilms ein weiteres Tor öffnete, in sein eigenes Unbewusstes nämlich. Plötzlich befand man sich mit dem jetzt 25 Jahre älteren Ermittler, einem erratisch verzerrt klingenden Kleinwüchsigen und dem Geist von Laura Palmer in einem cooljazzig beschallten, offenbar zwischen vorwärts und rückwärts feststeckenden Raum mit roten Vorhängen und schwarzweiß gezacktem Boden – und traute seinen Augen und Ohren nicht mehr.

Nicht zuletzt durch die magische Anziehungskraft ihres „Red Room“ brach Twin Peaks (1990–1991) radikal mit Sehgewohnheiten. Später häufig als Mutter des zeitgenössischen Serienfernsehens bezeichnet, erweiterte ihre stupende Mischung aus Krimi, Horror, Mystery und Groschenliebesroman die narrativen Möglichkeiten des Mediums. Ihre selbstreflexive (wenn man so will, postmoderne) Darstellung kleinbürgerlicher Ängste und Alpträume war dazu angetan, den Hippocampus im Gehirn des Zusehers zur Bildung neuer Neuronen anzuspornen, freilich ohne dass man sich dessen bewusst wurde. Twin Peaks beeinflusste spätere Serien wie Picket Fences (1992–1996) oder The X-Files (1993–2001, wiederbelebt 2016), wirkte im „Forensic Fandom“ von Lost (2004–2010) nach und schien u.a. in der Gespaltenheit der Hauptfigur, der Gestaltung mancher Nebenfiguren oder der Detailfreude von Breaking Bad (2008–2013) durch. „Meet the Elite“, forderte die kleine Lucy Moran, die Empfangsdame im Polizeirevier, in einem Promo-Spot das Publikum auf, abends Twin Peaks einzuschalten. Es war eine Zeit, in der man pünktlich vor dem Fernsehgerät sitzen musste, um – eingestimmt von den Titelklängen, den zu schärfenden Zacken der Sägewerksmaschine und den mit Douglas-Tannen bespiegelten, bewusstseinsstromartigen Wasserfallsequenzen des Vorspanns – Special Agent Dale Cooper in seiner primär traumgestützten Ermittlungsarbeit folgen zu dürfen. Aber welchen Reizen, außer den erwähnten weiblichen, war man da eigentlich erlegen?

He saw that it was a dead female, indeed wrapped in plastic

Twin Peaks ist ein tragikomisches, düsteres Mysterienspiel, verankert im Noir etwa eines Otto Preminger, von dessen Laura (1944) Lynch nicht nur den Namen, sondern auch die Idee einer abwesenden Zentralfigur entlehnte, um die sich alles andere dreht. Darüber hinaus versuchte sich die Serie als totale Fusion scheinbarer Gegensätze. Hier wurde – bei leckerem Kirschkuchen und fantastisch gutem Kaffee – verbunden, was in der Ansicht der meisten fernsehenden Menschen bis dahin schlecht zusammenging: das Humorvolle mit dem Gruseligen, das Reale mit dem Surrealen, das Geistvolle mit dem Geistlosen, die Schönheit mit dem Horror, das Nüchterne mit dem Exzess und natürlich das Traumhafte mit dem Alptraum. Man sollte das Erhabene im Trivialen finden, die Kunst hinter dem Vorhang des Kitsches gelüftet sehen. Man sollte die verrückte Frau mit dem Holzscheit ernst zu nehmen beginnen, immerhin ist den Altersringen ihres Scheits die Vergangenheit, die uns oftmals nicht bewusst ist, eingeschrieben. Lauter Zwillinge gibt es hier, wie die titelgebenden Gipfel: nicht nur die Phantome und Doppelgänger der Serie von Leland Palmer, Bob, Mike, Mikes linkem Arm und dem einarmigen Schuhverkäufer bis zu den Zwillingen in der von Lucy geliebten Teen-Soap „Invitation to Love“, oder auch der Zwerg und der Riese in Coopers Träumen, sondern am Ende – in Coopers Gehirn – sogar das Gute und das Böse selbst. Niemand war je davor gefeit, dass die dämonischen Eulen des Ahorn-Waldes auch von einem selbst Besitz ergreifen.

Man muss sich vor Augen halten, was David Lynch und Mark Frost gemacht hatten, bevor sie sich zusammentaten und nach einigen unrealisierbaren Kinoprojekten Twin Peaks erfanden. Lynch hatte mit seinem perversen Blick hinter die Provinzfassade, mit den hässlichen kleinen Käfern unter dem blühenden Gras in Blue Velvet (1986) einen beachtlichen Kinoerfolg gefeiert. Frost hatte als Schreiber und Story-Editor maßgebend an der innovativen Polizeiserie Hill Street Blues (1981–1987) mitgewirkt. Vor allem wegen Blue Velvet und wegen wiederkehrender Elemente in weiteren Filmen Lynchs, zumal im unerreichten Mulholland Dr. (2001) – auch ursprünglich ein Serienprojekt –, wurde Twin Peaks irgendwann nur noch mit Lynch, kaum aber mehr mit Frost assoziiert. Die breite Wirkmacht der Serie erklärt sich indes nur aus dem Zusammenspiel ihrer Zwillingsschöpfer auf Zeit: Ohne die heillos verzettelte, zähflüssig mäandernde Polizeiarbeit wäre man den Abgründen dieser faszinierenden Figuren nie so nahe gekommen. Twin Peaks war auch ein Experiment in Sachen Sehergeduld.

Jeder Twin Peaks-Affine hat zumindest gehört von den privaten Themenpartys und Fan-Conventions, die den popkulturellen Einfluss der Serie dokumentierten. Plötzlich gingen auch Leute in Lynch-Kinofilme, die zuvor Eraserhead (1977) für eine Radiergummi- oder Blue Velvet für eine Modemarke gehalten hätten – doch der Hype um die Serie selbst verpuffte zwei Episoden nach Beginn der zweiten Season, denn Lynch und Frost waren vom schwächelnden ABC-Studio gezwungen worden, den Mörder von Laura Palmer preiszugeben statt das Mysterium in Endlosschleife zu belassen. Der Twin Peaks Dreamliner bekam nun Schlagseite ins Nerdig-Absonderliche, die Handlung franste mehr und mehr ins Groteske aus. Der Ausstrahlungstermin wurde vom Sender hin- und hergeschoben, das Publikumsinteresse sank rapide und sowohl Lynch (mit Wild at Heart) als auch Frost (mit Storyville) widmeten sich lieber eigenen Kinoprojekten als sich eingehend um die restlichen zwanzig Episoden zu kümmern. Der Energie zehrende Produktionsrhythmus des Fernsehens tat ein Übriges. Erst in den furiosen zwei finalen Folgen blitzt das Ingeniöse der Serie noch einmal auf, wenn im Rahmen des zwanzigsten Miss Twin Peaks Schönheitswettbewerbs die Gewinnerin – Coopers Love Interest – entführt wird, und wir den Spezialagenten in einem fiesen Cliffhanger nicht mehr wiedererkennen. Zu einer dritten Season kam es freilich nicht mehr; zu wenige hatten noch zugesehen.

„Cooper, you remind me today of a small Mexican chihuahua!“

Nicht zuletzt um enttäuschte Serienabbrecher zu versöhnen, entwickelte Lynch ohne Frost, dafür mit Ko-Autor Robert Engels den Kinofilm Twin Peaks: Fire Walk with Me (1992). Erzählt wird zunächst in einer Vor-Vorgeschichte von den Ermittlungen im Mordfall Teresa Banks, nach einer halben Stunde erst setzt der Hauptteil ein, der sich mit der letzten Woche im Leben von Laura Palmer beschäftigt. Das von Lynchs Tochter Jennifer, damals Anfang zwanzig, ursprünglich als Hintergrund für die Schauspielerin Sheryl Lee geschriebene „Secret diary of Laura Palmer“ war da bereits zwei Jahre auf dem Buchmarkt – und der Film nur ein weiteres Beispiel für die crossmediale Durchdringung des Stoffes. Trotz eines coolen zusätzlichen Agenten (personifiziert von Rockstar Chris Isaak, dessen „Wicked Game“ zuvor für Wild at Heart instrumentiert worden war) und einiger sagenhafter Sequenzen wurde der Film nach der Premiere beim Festival in Cannes ausgebuht und von der US-Kritik böse zerzaust. Sogar Cooper-Darsteller Kyle MacLachlan fand ihn im Vergleich zur Serie zu wenig subtil, „too much in the face“.

2014 veröffentlichte Lynch unter dem Titel The Missing Pieces eine 90-minütige Sammlung damals nicht verwendeter und erweiterter Szenen (erschienen im Rahmen der Blu-ray-Komplett-Edition „Twin Peaks: The Entire Mystery“ mit haufenweise Archiv- und neuem Bonusmaterial), welche Fire Walk with Me in einem neuen Licht erscheinen lassen: Einige ziemlich lustige Szenen, darunter ein sensationelles Palmer-Familienabendessen, weggefallene Auftritte des erweiterten Stammpersonals und ein paar „mood pieces“ legen den Schluss nahe, dass mit der starken Kürzung des Films seine geplante emotionale Taktung verloren ging. Samt der fehlenden Stücke hätte man sich die insgesamt rund dreieinhalb Stunden Material von Fire Walk with Me übrigens auch gut als Rückblenden in der Serie ab Episode zehn vorstellen können, jedoch: siehe oben.

Nun kehrt Twin Peaks also auf die Bildschirme zurück. Die ersten Trailer der lang erwarteten dritten Season, im Unterschied zu den ersten beiden gänzlich von David Lynch inszeniert, lassen sich nicht schlecht an. Schon vergangenen Herbst ist ein Buch des wieder an Bord befindlichen Ko-Showrunners Mark Frost erschienen: „The Secret History of Twin Peaks“ holt weit aus in der Historie des unglücksschwangeren Orts, um den eingefleischten Fans von damals die Wartezeit zu verkürzen. In der von Showtime Networks produzierten Neuauflage lockt ein Wiedersehen mit Kyle MacLachlan, Sheryl Lee, Ray Wise, Grace Zabriskie, Mädchen Amick, Sherilyn Fenn, Dana Ashbrook, Everett McGill, Kimmy Robertson und Russ Tamblyn, plus etliche weitere Gastauftritte des Originalcasts inklusive David Duchovny und David Lynch höchstpersönlich als Coopers schwerhöriger Vorgesetzter Gordon Cole (so heißt eine Nebenfigur in Lynchs Liebling Sunset Boulevard von Billy Wilder). Neu hinzugestoßen, ohne Gewähr eines langen Serienlebens: Monica Bellucci, Jim Belushi, Amanda Seyfried, Naomi Watts, Laura Dern, Tim Roth, Robert Forster, Michael Cera, Ashley Judd, Harry Dean Stanton, Tom Sizemore, Jennifer Jason Leigh oder Nine-Inch-Nails-Gründer Trent Reznor, um nur ein paar klingende Namen zu nennen.

Nicht in der Besetzungsliste finden sich z.B. Lara Flynn Boyle, die auch beim Kinofilm nicht mehr dabei war und heute auf Fotos kaum wiederzuerkennen ist, oder der kleinwüchsige „Man from another Place“ Michael J. Anderson. Aber der hatte ja damals schon im mittlerweile oft parodierten Doppeltverkehrtsprech gesagt: „When you see me again, it won‘t be me“. Lauras Geist dagegen hatte es dermaleinst beim Kaffeetrinken im Red Room ihrem geneigten Agenten Cooper angekündigt: „I‘ll see you again in 25 years.“ Ein klein wenig länger hat es gedauert, doch ab dem 21. Mai 2017 kann man – auf dem Bezahlsender Sky, etwa zeitgleich zur Cannes-Premiere der ersten zwei Episoden des „in 18 Teile gestückelten Spielfilms“ (David Lynch) – erneut eintauchen in diesen mit genuinen Gesetzen verzaubernden Kosmos, der Fernsehgeschichte geschrieben hat und womöglich weiter schreiben wird. Für die Musik zeichnet wieder Angelo Badalamenti verantwortlich.