It‘s all in the box

It‘s all in the box

| Roman Scheiber |

Weihnachtsgeschenk für Viennale-Affine und andere Cinephile: die fünf herausragenden Filme der V‘50-Jubiläums-Edition. Eine uneingeschränkte Empfehlung.

50 Projekte und Sonderveranstaltungen hat sich die Viennale in ihrem Jubeljahr 2012 gegönnt. Unter diesen ist das Projekt no. 42 ein lang gehegter Wunsch des Direktors Hans Hurch und gleichzeitig eines, das jede und jeder Viennale-Affine sich ins Regal stellen oder guten Gewissens verschenken kann: Die sechsteilige, in Kooperation mit dem „Falter“ entstandene Jubiläums-DVD-Edition. Filme aus Frankreich, Portugal und den Vereinigten Staaten, zwischen 2003 und 2010 entstanden, Werke, die sich an unterschiedlichen Stellen im großen Spektrum des nicht vorrangig kommerziell orientierten Kinos zwischen Spielfilm, Essay- und Dokumentarfilm hervorgetan haben.

Die ausgewählten Filme haben es in Österreich nicht in die Regeldistribution geschafft, dabei ist jeder eine kleine Kostbarkeit für sich. Die schon vielfach gefeierte Familienchronik Capturing the Friedmans (Andrew Jarecki, USA 2003) etwa nähert sich einer durchschnittlichen amerikanischen Familie um einen engagierten Lehrer und durchaus liebevollen Vater dreier Söhne, der 1987 plötzlich unter den Verdacht der Kinderpornografie gerät. Im bürgerlich gepflegten Heimatort der Friedmans auf Long Island bricht daraufhin nichts weniger als Hysterie aus, die schließlich durch die kollektiv betriebene Zerstörung der Familie beendet wird. Beispielhaft in seinem Duktus fernab jeder Verurteilung, setzt der Film eine ganze Reihe privater Super-8-Videos der Familie und Interviews mit Beteiligten zu einem groben Puzzle zusammen, dessen Fertigstellung im Detail dem Publikum vorbehalten bleibt. Der andere schockierende Dokumentarfilm der Edition ist El Sicario, Room 164 (Gianfranco Rosi, USA/F 2010), ein geradezu unfassbares Dokument von Mord und Folter in Mexiko. Wer erfahren möchte, zu welchen Gräueltaten Menschen fähig sind, sollte sich dieser Zeugenschaft und Selbstdarstellung eines Auftragskillers in Diensten eines Drogenkartells unterziehen.

Neben dem äußerst sympathischen Half Nelson (Ryan Fleck, Anna Boden, USA 2006), der einen jungen Lehrer zwischen gesellschaftsveränderndem Gestus und privater Drogensucht zeigt (der damals noch weitgehend unbekannte Ryan Gosling ist hier symbolisch im titelgebenden Wrestling-Würgegriff), vermag ein lebensfroher Spielfilm aus Frankreich zu beglücken. Le Roi de l’évasion (Der König der Fluchten, Alain Guiraudie, F 2009) ist radikale Komödie, schwule Groteske und Provinzposse in einem: Freibriefskino par exzellence, wobei eine im Wald vorzufindende „Bumswurzel“ das Vergnügen zur Ekstase steigert. Mehr ist vom Kino tatsächlich nicht einmal im Traum zu haben.

Und mehr wahres Leben ist vom Kino nicht in einem Spielfilm zu haben: Aquele querido mês de Agosto (Unser geliebter Monat August, Miguel Gomes, Portugal/F 2008) ist mit seinen 144 Minuten nicht nur der längste, sondern auch der musikalischste und herzerwärmendste Film der Edition. Das semidokumentarische, essayistische Porträt einer Kleinstadt im „Herzen Portugals“ und ihrer Bewohner, ein Film im Film, ein Vater, der sich von seiner geliebten Tochter nicht trennen kann, Menschen, die ohne Geld glücklich werden, eine Musikkapelle nach der anderen – und ehe man sich‘s versieht, ist man zum Freund volkstümlichen Liedguts geworden.

Für Perlentaucher, die im Kino nach dem Leben, nach der Liebe und nach der Wahrheit suchen: Mit den fünf fabelhaften Geschichten dieser Edition allein kann man sich einen Begriff von der Vielfalt des zeitgenössischen Kinos machen, die im Regelbetrieb längst nicht mehr abgedeckt wird. Und als hochkarätigen Bonus in der schlichten Kartonbox gibt es die Trailer-DVD der Viennale mit allen Jahresminiaturen seit 1995.