Mit der Preisvergabe endete das ambitionierte 19. NETPAC Asian Film Festival im indonesischen Jogjakarta.
Wer wissen will, wie wahre Filmbegeisterung aussieht, der kann sich beim Jogjakarta NETPAC Asian Film Festival ein Bild davon machen. Eine schiere Unzahl von vor allem jugendlichen Besucherinnen und Besuchern stürmte zwischen 30. November und 7. Dezember die 19. Ausgabe des Festivals im Empire XXI-Kinocenter mit seinen wunderbaren, mit höchstem technischen Standard augestatteten fünf Sälen. Besonders bei der Eröffnung drohte aufgrund der Menschenmassen und des strömenden Regens der organisatorische Kollaps, der aber dann doch nicht eintrat.
Gezeigt wurde zum Auftakt in allen fünf Kinos Samsara, das neue Werk von Festival-Mitbegründer Garin Nugroho, eine in prachtvollem Schwarzweiß und ohne Dialog gefilmte Adaption eines indonesischen Romeo-und-Julia-Stoffes. Während die Handlung nicht immer ganz nachvollziehbar war, beeindruckte hier die phänomenale Filmmusik, ein Mix aus traditioneller indonesischer Musik (vom Ensemble Gamelan Yuganada) und einer an Industrial Music orientierten Bearbeitung durch das weltbekannte Elektronik-Duo Gabber Modus Operandi. Wenige Tage später wurde das eklektische Werk dann auch live, als Bühnenperformance, aufgeführt.
Im Mittelpunkt des reichhaltigen Filmprogramms, das Festivaldirektor Iva Isvansyah und sein Team zusammengestellt hatten, stand natürlich der Wettbewerb um den Goldenen und Silbernen Hanoman, benannt nach dem beliebten hinduistischen Affengott. Das Festival-Motto lautete diesmal „Metanoia“, auf einer deutschen Website sehr schön übersetzt mit „Änderung der eigenen Auffassung zu bestimmten Dingen“. Man kann das auch als eine dringend notwendige Aufforderung sehen, zumal „bestimmte Dinge“ in der Welt, auch in Asien, derzeit alles andere als erfreulich sind.
Tatsächlich war der dringende Wunsch nach „Metanoia“ in den besten der Filme ablesbar, allen voran im famosen Siegerfilm. Neo Sora, Sohn des berühmten Filmkomponisten Riyuichi Sakamoto und kürzlich auch bei der Viennale zu Gast, liefert mit seinem Debütfilm Happyend eine schonungslose, aber auch sehr humorvolle Abrechnung mit den teilweise absurden Zwängen einer erstarrten japanischen Gesellschaft. Eine Gruppe vo kreativen und aufmüpfigen Schülerinnen und Schülern einer Highschool in Tokyo bringt nicht nur den protzigen gelben Sportwagen des eitlen Schuldirektors aus dem Gleichgewicht, sondern legt sich mit dem System selbst an. Daran kann auch ein neu installiertes Überwachungssystem, das bei Fehlverhalten unmittelbar soziale bzw. schulische Degradierung nach sich zieht, nichts ändern. Aber Happyend ist noch viel mehr, unter anderem das überaus liebevoll geschriebene Porträt einer innigen Freundschaft und eine Anklage gegen die anhaltende und schamlose Diskriminierung koreanischstämmiger Japaner.
Auch der Silberne Hanoman, also der zweite Platz, ging an einen höchst bemerkenswerten Film. Viêt and Nam von Truong Minh Quy schildert die problematische Liebe zweier Bergbauarbeiter in einem Vietnam, das sich noch immer nicht gänzlich von den Traumata des großen Krieges erholt hat. Allein schon das Setting in einem Kohleabbauschacht in tausend Metern Tiefe ist beeindruckend, mehr aber noch die herzzerreißende Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, deren Zukunftspläne, wie sich herausstellt, doch höchst unterschiedlich sind.
„Metanoia“ wäre auch dringend gefordert in Myanmar, das seit 2021 (wieder einmal) von einer brutalen Militärjunta regiert wird. Regisseur The Maw Naing zeigt in Ma – Cry of Silence den schier aussichtslosen Kampf einer Gruppe von Textilarbeiterinnen in Yangon, die selbst um ihren beschämend niedrigen Lohn noch betrogen werden. Im Mittelpunkt steht Mi-Thet, eine junge Frau, die vor den Gräueltaten der Soldaten vom Land in die Stadt geflohen ist. Anlässlich der haarsträubenden Zustände in ihrer Fabrik beginnt sie, politisches Bewusstsein zu entwickeln, unterstützt und ermutigt von einem Veteranen, der schon in den achtziger Jahren gegen ein ähnliches Regime kämpfte. The Maw Naing unterlegt das fiktive Geschehen mit realen Handyaufnahmen, die die brutale Willkür der Militärs dokumentieren. Ma – Cry of Silence wurde mit dem prestigeträchtigen NETPAC Award und dem Geber Award, verliehen von Filmcommunities in ganz Indonesien, ausgezeichnet.
Besonderes Interesse des zahlreich erschienenen Publikums galt natürlich auch dem heimischen Fimschaffen. Sechs Langfilme standen im Wettbewerb um die Indonesian Screen Awards und ergaben eine interessante Mischung aus eher kommerziell orientierten Produkten und Arthouse-Filmen, wie man sie von Festivals weltweit kennt. Das Votum der Jury war (zu Recht) einhellig. Alle Preise bis auf einen (für das beste Editing) gingen an Yohanna von Razka Robby Ertanto: bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Kamera und beste Performance (der drei jungen Hauptdarstellerinnen) waren der verdiente Lohn für eine engagierte und packende Geschichte, die die Ausbeutung von Kindern als Arbeitskräfte im ländlichen Indonesien thematisiert. Das Geschehen wird durch die Augen der jungen Nonne Yohanna gesehen, die gerade beginnt, an ihrem Glauben zu zweifeln. Als das Auto, mit dem sie humanitäre Hilfe liefert, verschwindet, führt ihre Suche sie in die harsche Welt der Kinder, die gezwungen werden, lange Stunden unter harten bzw. gefährlichen Bedingungen zu arbeiten.
Last not least: Der internationale Filmmarkt, der in einer großen Messehalle außerhalb der Stadt erstmals stattfand, war augenscheinlich ein großer Erfolg. Networking, das Pitchen von Filmideeen, die Präsentation von Firmen, Organisationen, Fachverbänden und Filmschulen standen ebenso im Mittelpunkt wie die (mögliche) Zusammenarbeit an zukunftsträchtigen Projekten. Ganz sicher ging es auch in den zahlreichen Konferenzen, Meetings und individuellen Gesprächen bisweilen um die „Änderung der eigenen Auffassung zu bestimmten Dingen“.
