Eine historische Affäre als packender Politthriller
Als Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin) im Jänner 1895 der demütigenden Zeremonie, die am Anfang von J’accuse steht, beiwohnt, in der Hauptmann Alfred Dreyfus (Louis Garrel) nach seiner Verurteilung wegen Spionage öffentlich degradiert und danach auf die berüchtigte Teufelsinsel in FranzösischGuyana verbannt wird, hat der hochrangige Offizier wie viele seiner Kameraden keine Zweifel an dessen Schuld. Die Beweisführung des Militärgerichts war zwar alles andere als hieb- und stichfest, doch als gebürtiger Elsässer und Jude ist Dreyfus – der seine Unschuld beteuert – für jene Teile der Armee und der Öffentlichkeit, in denen antisemitische Tendenzen vorherrschen, der ideale Sündenbock.
Kurz darauf wird Picquart zum Leiter des Deuxième Bureau, des militärischen Auslandsnachrichtendiensts, ernannt. Im Zuge seiner neuen Tätigkeit stößt er auf Dokumente, die die Verurteilung von Dreyfus immer fragwürdiger erscheinen lassen und auf einen ganz anderen Schuldigen verweisen. Picquart kommt immer mehr zu der Überzeugung, dass Hauptmann Dreyfus, für den er zunächst wenig Sympathien hegt, tatsächlich unschuldig ist. Als er jedoch seine Vorgesetzten davon unterrichtet und darauf drängt, den Fall neu aufzurollen, stößt er auf taube Ohren. Und Picquart wird klar, dass die Verurteilung des Hauptmanns Dreyfus nicht einfach ein Fehler war und die Vertuschungsversuche bis in die höchste Generalität reichen. Weil Picquart die Sache trotzdem unerbittlich weiter verfolgt, gerät er bald selbst ins Schussfeld.
Die Dreyfus-Affäre war ein Skandal, der die Grande Nation zutiefst erschütterte und in dem berühmten offenen Brief „J’accuse …“, in dem sich Emile Zola zu einer vehementen Verteidigung von Alfred Dreyfus aufschwang, gipfelte. Roman Polanski inszeniert die skandalösen Geschehnisse im Stil eines schnörkellosen Politthrillers klassischen Zuschnitts. Dazu rückt er mit Marie-Georges Picquart jenen Mann in den Mittelpunkt, dessen konsequente Aufdeckungsarbeit – Polanskis präzise, in ihrer Behutsamkeit ungemein stimmige Inszenierung räumt ihr ausgiebig Zeit ein – maßgeblich zur Rehabilitation von Dreyfus beigetragen hat.
Wie in stilbildenden Polithrillern der sechziger und siebziger Jahre verkörpert Picquart den Typus des Citoyen, der gegen alle Widerstände seinen Prinzipien treu bleibt und Unrecht nicht zu akzeptieren bereit ist. Ein Handeln, das in einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft – das Frankreich während der Dreyfus-Affäre erinnert durchaus an gegenwärtige Polarisierungen – mit Risiken verbunden, aber unbedingt notwendig ist und die Aktualität von Roman Polanskis J’accuse unterstreicht.
