Neu im Kino: Glaubwürdige, vollständige, wirklichkeitstaugliche Frauen. Hurra!
Nachdem er mit Beginners (2010) seines Vaters gedachte, der mit über 70 noch ein Coming-Out wagte, erinnert sich Mike Mills mit 20th Century Women seiner Mutter, einer wohl nicht minder eigenwilligen Frau. Jedenfalls wird sie von Annette Bening in ein faszinierend widersprüchliches Charakterporträt gefasst, eine Mischung aus Befremdung und Neugier, freundlicher Zuwendung und Rückzug in die Privatheit. Denn so aufgeschlossen gegenüber den modischen Trends der Gegenwart – Santa Barbara, Ende der siebziger Jahre – diese Dorothea Fields, Jahrgang 1924, sich auch geben mag, sie hütet ihr Innerstes, ruppig und zart, und kann sich ganz verschließen. Ein Umstand, der zu Konflikten mit ihrem 15-jährigen Sohn Jamie führt, der sie kennenlernen möchte und immer wieder an ihr abprallt. Außerdem träumt er davon, dass aus Nachbarstochter Julie, seiner besten Freundin, seine feste Freundin wird. Die 17-jährige Julie aber will das Vertrauensverhältnis zu Jamie nicht aufs Spiel setzen – bekanntlich macht Sex nur Probleme -; sie erzählt ihm zwar von ihren zahlreichen Abenteuern und übernachtet auch gerne bei ihm, aber mehr ist nicht drin.
Die alleinerziehende Dorothea will, dass aus Jamie ein moderner Mann wird. Da sie diese Modernität jedoch nicht recht fassen kann, bittet sie Julie und Mitbewohnerin Abbie – eine Mittzwanzigerin, die aus New York zurück in die alte Heimat geflohen ist, um sich von einer Krebserkrankung zu erholen -, ihr bei der Erziehung zu helfen. Das hat mit einem traditionellen Familienentwurf zwar wenig gemein, aber viel mit Familie zu tun. Noch mehr sogar mit Bildern von Frauen und Projektionen auf Frauen. In erster Linie jedoch mit den Sichtweisen, Meinungen, Verfassungen von Frauen, mit dem, was sie so fühlen und denken und worüber sie reden und wie sie so schauen. Und ob und wann man sich darauf einen Reim machen kann und/oder eben nicht. Zudem führt es zu wundersamen Kollisionen von traditionellen Wertvorstellungen und feministischen Neuentwürfen, von Pop und Punk, von Nostalgie und Aufbruch. Gespiegelt in der Wahrnehmung eines leicht irritierbaren, hormongeplagten Halbwüchsigen; kommentiert vom reihum wechselnden Voice-over der Beteiligten; durchwoben von jenen warmherzig-melancholischen Bildmontagen, mittels derer Mills das Geschehen in einen größeren, zeitgeschichtlichen Zusammenhang einbettet. So wird aus seiner Erzählung über seine Mutter eine Geschichte über Frauen und ihr Jahrhundert.
