James Benning

James Benning

Verwundete Schönheit

| Mark Stöhr |

Wie kein anderer hat er in den vergangenen Jahrzehnten die amerikanische Landschaft und ihre Veränderung in Bildern festgehalten. Das Österreichische Filmmuseum widmet dem großen Dokumentarfilmemacher James Benning im November eine umfassende Retrospektive.

Ein Mann packt seine Sachen. Eine alte Bolex, eine Nagra, Rollen mit Filmmaterial. Er verstaut sie in seinem schwarzen Chevrolet und fährt hinaus auf den Highway. Seine Reise führt ihn durch Kalifornien, Arizona, Utah. Die Nächte verbringt er in weithin wie Kirmesbuden leuchtenden Motels, ein einsamer Cowboy, der Salat isst. Noch ein paar Zeilen in einem Buch, dann nickt er weg vor dem rauschenden Fernseher, der Tag war anstrengend. Denn er ist viel gelaufen, immer wieder ging er an einem See entlang, der wie eine vergessene Pfütze in einer Wüstenebene liegt. Formte die Finger zu einem Rahmen, wechselte die Position, ging in die Hocke, schloss die Augen und legte die Hände hinter die Ohren. Immer und immer wieder. Irgendwann hatte er endlich den Platz gefunden, den er suchte, baute Stativ und Kamera auf, überprüfte die Einstellungen und justierte das Mikrofon: Aufnahme ab. Warten, viele Minuten lang, er ging wieder in die Hocke, schnippte ab und an einen Kiesel weg, den See im Rücken, die Wahrnehmung delegiert an die Apparatur.

Szenen aus Reinhard Wulfs dokumentarischem Roadmovie James Benning – Circling the image (2003). Es zeigt den amerikanischen Filmemacher bei der Suche nach geeigneten Orten und beim Dreh der ersten beiden Einstellungen von 13 Lakes (2004). Dreizehn Seen, die Kamera statisch, das Bild in der Mitte geteilt in Wasser und Himmel, jede Einstellung dauert zehn Minuten: Das mathematische Konzept setzt auf minimale Veränderungen innerhalb der vorgegebenen Zeitachse und das Wechselspiel von Licht und Wasser, Bild und Ton. Ein See ändert durch die aufgehende Sonne seine Farbe in Orange, bei einem anderen setzt beginnender Regen kreisförmig sich fortpflanzende Punktierungen in der glatten Wasseroberfläche. Bei wieder einem anderen durchschneidet ein Frachter Kolonien treibender Eisschollen, irgendwo außerhalb des linken Bildkaders muss wohl ein Hafen sein.

Mit 13 Lakes und dem im gleichen Jahr erschienenen Nachfolgeprojekt Ten Skies – zehn Himmelskonfigurationen über Bennings Garten im südkalifornischen Val Verde – erreichte die Arbeit des 65-Jährigen eine neue formale Radikalität. Er kehrte damit zurück in die Frühzeit der Kinematografie, als die Kamera aufgestellt und eine ganze Rolle Film belichtet wurde. Das Kino habe sich seither viel zu schnell entwickelt, sagte er einmal in einem Interview. Zu früh sei das Erzählerische eingeführt, zu früh das Wesen des Bildes aufgegeben worden. Benning gibt dem einzelnen Bild seine Autonomie zurück und re-etabliert das Erzählerische als eine Funktion der gleichsam vertikalen Zeit. Die Narration entsteht in der assoziativen Wahrnehmung des Betrachters, seinem konzentrierten, bisweilen kontemplativen Hören, Sehen und Denken. Diese Freiheit im Rezipieren ist selten geworden, diese Rückeroberung des Kinosaals als offener Erfahrungsraum, für jeden Einzelnen so gut wie im Kollektiv.

James Benning ist seit über dreißig Jahren ein Reisender – durch die verschiedenen amerikanischen Landschaften, ihre Topografie und jeweiligen historischen Implementierungen, und die Möglichkeiten der dokumentarischen Abbildung. James Benning arbeitet immer allein. Nie sind die Orte, die er findet und oft nach Jahren wieder aufsucht, so objektiv, wie sie in den strengen Bildkompositionen erscheinen, sind sie doch nicht ohne seine Person zu denken, seine einsame Präsenz, sein Interesse, seine Aufmerksamkeit, seinen Blick. Ganz autobiografisch etwa in One Way Boogie Woogie (1977), einem Film, der aus 60 einminütigen Erzähleinheiten über das Gewerbegebiet in Bennings Heimatstadt Milwaukee besteht. Es ist das Porträt eines schleichenden wirtschaftlichen Niedergangs, bankrotte Stahlgießereien beginnen zu verfallen, die meisten Lagerhallen sind geschlossen. Jahrzehnte später kehrte Benning zurück und stellte sämtliche Kamerapositionen noch einmal nach, unterlegte die neuen, auf anderem Material gedrehten Bilder jedoch mit der alten Tonspur: One Way Boogie Woogie/27 Years Later (2005). Die amerikanische Flagge, die zuvor noch stolz und in satten Farben im Wind flatterte, ist nun ausgefranst und verblichen. Damals und Heute verschwimmen, ein Remake im besten Sinne, das den Prozess des Erinnerns anschaulich macht und zum formalen Prinzip erhebt.

James Bennings Dokumente verlieren sich nie in strukturalistischen Selbstbezüglichkeiten, sondern finden ihre Form immer im jeweiligen Sujet. Strenge und Reduktion haben in seinen jüngeren Arbeiten jedoch deutlich zugenommen, verglichen mit den Filmen der 80er und 90er Jahre, die essayistischer sind, mit Voice-Over arbeiten wie in Deseret (1995) oder tagebuchartige Notizen direkt in das Bild einschreiben wie etwa North on Evers (1991). Das archäologische Ausheben verborgener Episoden der US-Geschichte, das Imprägnieren eines zunächst namenlosen Ortes mit Geschichte und Erinnerung ist hier noch geführter und kommentierter, wo es später fast nur wie ein leicht durchscheinendes Wasserzeichen über den Bildern liegt. Einen Paradigmenwechsel in Bennings Werk, wenn man davon überhaupt sprechen darf, markierte seine „Kalifornische Trilogie“ mit den Filmen El Valley Centro (1998), Los (2000) und Sogobi (2002). Drei unterschiedliche topografische und soziale Formationen kommen in den Blick: Land, Stadt und Wildnis. Hier buchstabiert der Amerikaner am deutlichsten und präzisesten sein im Grunde lebenslanges Thema aus, die Kulturalisierung einer ehedem archaischen Landschaft, ihre verwundete Schönheit und ihre Schönheit in der Verwundung. Er liebe Industrielandschaften, sagte er einmal an anderer Stelle, weil sie immer zu Land Art würden. Wenn er überhaupt von irgendjemandem beeinflusst worden sei, dann von Robert Smithson. Dem bekanntesten Werk des amerikanischen Land Art-Künstlers, „Spiral Jetty“, einer 500 Meter lange Spirale aus Steinen, Erde, Salz und roten Algen im Großen Salzsee in Utah, hat Benning denn auch einen seiner bislang letzten Filme gewidmet: Casting a Glance (2007).