Ein Kind des Kinos: Jean-Pierre Léaud ist der überaus gegenwärtige Star des Österreichischen Filmmuseums im April.
Am 5. Mai dieses Jahres wird Jean-Pierre Léaud 65 Jahre alt. 50 Jahre und einen Tag früher hatte seine Karriere mit einem Paukenschlag begonnen: Les Quatre cents coups (Sie küssten und sie schlugen ihn), Léauds erste Hauptrolle im Regiedebüt von François Truffaut, erhielt den Großen Preis von Cannes. Damit nahm nicht nur eine Bewegung ihren symbolischen Anfang, die bald darauf als Nouvelle Vague weltbekannt werden sollte – das erneuerte Kino hatte in Léaud auch gleich seinen ersten juvenilen Star, der Unkünstlichkeit, Ambivalenz und eindringliches Spiel verband. Die Rolle des Antoine Doinel, gleichzeitig Truffauts Kino-Alter Ego, machte Léaud zum Versprechen der neuen Welle, sollte ihn aber auch selbst für Jahrzehnte prägen: Vier weitere Geschichten, die er mit Leibregisseur Truffaut bis 1979 drehte, folgen dem Lebenslauf der Leinwandfigur Antoine
Doinel; sie geben beredt Auskunft über die fast mythische Symbiose eines Schauspielers, eines Regisseurs und einer Rolle. (In Tsai Ming-liangs neuem Film Visages spielt Léaud übrigens einen Regisseur namens Antoine, der seinen Doppelgänger François vermisst.)
In den Sechziger und Siebziger Jahren war Léaud die cinephile Ausnahmefigur des Autorenkinos schlechthin, legendär wurden seine divenhaften Ausritte am Set und seine exzentrischen Frauengeschichten. Damals verdichtete sich in einem wichtigen Aspekt von Léauds Arbeit ein Modelltyp Mann, der in gewisser Weise gerade heute für einen Teil der Generation 30 plusminus stehen könnte: Unentschlossen, träumerisch, unbeholfen, entscheidungsschwach, verwirrt, verunsichert, zur Melancholie neigend. Neben weiteren Arbeiten mit Truffaut (La Nuit américaine, 1973), Godard (Masculin féminin, 1966) und Rivette (Out 1 – Spectre, 1974) drehte Léaud mit Pasolini und Bertolucci, und nach einem Karrieretief in den Achtzigern und dem Comeback bei Kaurismäki etwa mit Garrel, Assayas oder Betrand Bonello (Le Pornographe, 2001). Wir gratulieren mit einer Bildstrecke: Bon anniversaire, Jean-Pierre!
I Hired a Contract Killer
(Aki Kaurismäki, 1991)
Wenn zwei passionierte Lakoniker aufeinander treffen, dann kommt so ein (wunderbarer) Film heraus. Aki Kaurismäki wagte sich zum ersten Mal aus Finnland heraus, nach England, und auch Jean-Pierre Léaud absolvierte einen seiner eher raren Auftritte außerhalb Frankreichs. Im thatcheristischen London wird er, der französische Gastbeamte Henri Boulanger (was für eine Konstruktion!), entlassen. Sein Versuch, sich das Leben zu nehmen, scheitert am Streik der Gasgesellschaft. Also muss ein Profikiller her, der das in einem unerwarteten Moment schnell und schmerzlos für ihn erledigt. Aber ach: Boulanger verliebt sich just, als er den Auftrag erteilt hat, und findet wieder Geschmack am Leben. Was tun? Der Killer ist verschwunden, lässt sich nicht auftreiben und wird eines Tages unbarmherzig zuschlagen. So etwas konnte nur Kaurismäki schreiben, und nur der mittlerweile 46-jährige Léaud konnte das so bezwingend spielen. Nicht vergessen darf man auch die unwiderstehlichen Cameo-Auftritte von Joe Strummer oder Serge Reggiani.
Andreas Ungerböck
Irma Vep
(Olivier Assayas, 1996)
Der Regisseur René Vidal dreht ein Remake von Feuillades Stummfilmklassiker Les Vampires, die Rolle der Meisterverbrecherin Irma Vep besetzt er zur Überraschung des Filmteams ausgerechnet mit der chinesischen Schauspielerin Maggie Cheung. Jean-Pierre Léaud spielt den Regisseur Vidal als einen Charakter, der permanent zwischen egomanischer Selbstdarstellung und fanatischer Arbeitswut hin- und herschwankt. Und es ist genau jene Besessenheit für seine künstlerische Arbeit, die René Vidal die Welt um sich nur mehr so weit wahrnehmen lässt, als sie den Fortgang seines Films betrifft. Mit Irma Vep hat Olivier Assayas einen Kommentar zur französischen Film- und Kulturszene abgegeben, der sowohl Hommage als auch selbstironische Kritik beinhaltet, Léaud agiert dabei in der Rolle des besessenen Filmemachers als eine Art von Alter Ego jener Regisseure der Nouvelle Vague, die seine Karriere so entscheidend geprägt haben.
Jörg Schiffauer
La Maman et la Putain
(Die Mama und die Hure; Jean Eustache, 1973)
Eines war für Jean Eustache Grundvoraussetzung, ehe er am Drehbuch zu arbeiten begann – dass sich Françoise Lebrun und Jean-Pierre Léaud bereit erklärten, in den Rollen der Veronika und des Alexandre für ihn vor der Kamera zu stehen. Erstere war die Frau, die er liebte und die ihn verlassen hatte, letzterer die Inkarnation einer jungen Befindlichkeit, die die emotionale Kühnheit und Verlorenheit der Generation 68 in sich vereint. La Maman et la putain ist ein beinahe vierstündiges Skizzenbuch, die bewegende Studie einer Generation, die sich an die Bruchlinien zwischen traditioneller Moral und sexueller Befreiung wagt und die neuen Spielregeln zwischen den Herzen und den Geschlechtern erprobt: zwei Frauen und ein Mann in einem langen Tanz auf dünnem Eis – die, ums eigene Gleichgewicht ringend, einander halten oder in die Tiefe ziehen.
Karin Schiefer
Les Quatre cents coups
(Sie küssten und sie schlugen ihn; François Truffaut, 1959)
Einer dieser Filme, bei denen alles zusammenkommt: Les Quatre cents coups macht nicht nur seinen Regisseur berühmt, mit François Truffauts autobiografisch inspiriertem Langfilmdebüt beginnt auch die Karriere Jean-Pierre Léauds; und wie der Film wird der Hauptdarsteller zur Ikone werden – der Nouvelle Vague, des französischen Films, des Autorenkinos. Zunächst jedoch ist da bloß ein normaler Junge, den Unduldsamkeit und Desinteresse der Erwachsenen auf die schiefe Bahn abdrängen. Wie mit Röntgenaugen blickt er einmal in das Gesicht seiner Mutter, durchdringt ihre Maske und stößt durch ins Nichts. Ein andermal richtet die Kamera ihren Blick in die Gesichter kleiner Kinder, die eine Puppentheater-Aufführung von Rotkäppchen sehen, und fängt darin die ganze grenzüberschreitende Erregung ihres Lebendig-Seins ein. Ein halbes Jahrhundert ist dieser Film alt, anzumerken ist es ihm nicht.
Alexandra Seitz
Les Deux Anglaises et le Continent
(Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent; François Truffaut, 1971)
Kaum vorstellbar, dass erst zwölf Jahre seit seinem verträumten, schlagfertigen Debüt vergangen sind. Am Ende spiegelt sich sein Gesicht in der Wagenscheibe eines Automobils und er muss entdecken, dass er alt geworden ist. Das wird dein schwierigster Part, hatte ihm sein Regisseur versprochen. Zum ersten Mal spielt er für Truffaut nicht ihr gemeinsames Alter Ego Antoine Doinel, sondern eine Charakterrolle (zudem in seinem ersten Kostümfilm). Es braucht noch Bart und Brille, um ihm mit 27 Jahren Reife zu verleihen. Aber auch Claude ist erst einmal der Sohn einer dominanten Mutter, der sich auch dann nicht ablöst, als ihn die beiden walisischen Schwestern adoptieren. Die Liebe als Probe fürs Leben: In Muriel verliebt er sich beim Briefeschreiben, Annes Abenteuerlust fordert ihn heraus. Den Widerspruch zwischen vorläufigen und endgültigen Gefühlen hat er nie wieder so berückend in sich ausgetragen.
Gerhard Midding
