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Michael Curtiz

Jenseits von Casablanca

| Jörg Schiffauer |
Das Filmarchiv Austria würdigt Michael Curtiz mit einer ausführlichen Retrospektive.

Wann immer Ranglisten bezüglich der größten Klassiker der Filmgeschichte erstellt werden, zählt Casablanca mit einiger Sicherheit zu den Anwärtern auf einen der vorderen Ränge. So wählte etwa 2007 das American Film Institute Casablanca zum drittbesten US-amerikanischen Film aller Zeiten. Das 1942 gedrehte (Melo)-Drama vor dem damals höchst aktuellen zeitgeschichtlichen Hintergrund erfreut sich nicht nur heute noch immenser Popularität, zahlreiche der markanten Dialogzeilen – wie etwa der Schlusssatz des von Humphrey Bogart verkörperten Protagonisten Rick Blaine: „I think this is the beginning of a beautiful friendship“ – sind fixer Bestandteil des kollektiven (populärkulturellen) Gedächtnis. Kurzum, mit der Geschichte um den Amerikaner Rick Blaine, den es in die titelgebende nordafrikanische Stadt verschlagen hat, wo er inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs seine große Liebe Ilsa Lund (Ingrid Bergman) wieder trifft, gehört Casablanca zu jenen Filmen, die auch jene Menschen kennen, die es nur selten ins Kino verschlägt. Ein wenig anders verhält es sich jedoch mit dem Regisseur, wird doch der Name Michael Curtiz eher selten in einer Reihe mit Regiegrößen aus der klassischen Periode Hollywoods wie etwa Frank Capra, George Cukor, John Ford, Howard Hawks, John Huston, George Stevens, Preston Sturges, Raoul Walsh oder William Wyler genannt. Das erscheint umso erstaunlicher, als Curtiz seit Mitte der zwanziger Jahre zu den vielbeschäftigten Regisseuren in Hollywoods „goldener Ära“ zählte: Allein in den 28 Jahren, in denen er bei Warner Bros. unter Vertrag stand, drehte er 87 Filme, von denen mittlerweile etliche neben dem ikonischen Casablanca den Status eines Klassikers innehaben.

Spurensuche

Auch was die filmwissenschaftliche und -publizistische Aufarbeitung angeht, scheint Michael Curtiz über viele Jahre hinweg fast ein wenig wie der Mann im Schatten, dem man überraschend wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Zu den Arbeiten, die sich genauer mit seinem Leben und Werk befassen zählen etwa „The Casablanca Man – The cinema of Michael Curtiz“ (1993) von James C. Roberts sowie die 2017 veröffentlichte Biographie „Michael Curtiz: A Life in Film“, die Alan K. Rode verfasst hat. Gleich zu Beginn seines Buchs verweist Roberts auf einen Aspekt, der zumindest auf den ersten Blick im Zusammenhang mit einer Persönlichkeit, die auf ein derart umfangreiches und vielfältiges künstlerisches Œuvre verweisen kann, ein wenig verblüffend erscheint. So einiges in Curtiz’ Lebenslauf ist immer noch nicht ganz einfach zu fassen beziehungsweise zu verifizieren. Das liegt zunächst daran, dass als primäre Quelle – vor allem, was Kindheit und Jugend angeht – Michael Curtiz selbst gilt, der über viele Jahre hinweg höchst unterschiedliche Versionen zu erzählen wusste und damit wohl nicht unabsichtlich eine Art von geheimnisvoller Aura generiert hat. Selbst bezüglich seines Geburtsjahrs schwirren unterschiedliche Angaben herum. Eine Anekdote, die Alan Rode aufgreift, illustriert recht schön, wie kreativ Curtiz mit biographischen Angaben umzugehen pflegte: Als er 1936 seinen US-Pass erhielt, gab Curtiz gegenüber den Behörden ein falsches Jahr an. Später beklagte sich seine Frau, die Schauspielerin und Drehbuchautorin Bess Meredyth, dass sie dadurch älter als ihr Mann – tatsächlich war sie drei Jahre jünger – erscheinen würde. Worauf Curtiz nur lakonisch antwortete: „Warum lügst du nicht einfach so wie ich?“

Als geläufigstes Geburtsdatum gilt der 24. Dezember 1886, an dem Curtiz unter dem Namen Emanuel Kaminer in Budapest, damals bekanntermaßen noch Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie, als Sohn einer jüdischen Familie geboren wurde. Was den sozialen Status der Familie Kaminer angeht, herrschen bereits Ambiguitäten vor, denn Curtiz machte seinen Vater einmal zum Architekten, dann wiederum zum Tischler, seine Mutter soll Opernsängerin gewesen sein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließ er seinen Namen in Mihály Kertész magyarisieren, später in den Vereinigten Staaten folgte die Änderung auf die bekannte Form Michael Curtiz. Nachdem er in Budapest das Gymnasium absolviert hatte, studierte er zunächst an der Königlich-Ungarischen Akademie der Künste, ehe er sich dem Theater zuwandte und erste Erfahrungen als Schauspieler und Regisseur machen konnte. Bald kam er in Kontakt mit dem neuen Medium Film, als er eine Rolle in Ma és holnap (Today and Tomorrow, 1912), der als erste Spielfilmproduktion Ungarns gilt, bekam. Jahrzehnte später erzählte Curtiz einigermaßen glaubhaft, dass er die Inszenierung einfach übernommen habe, weil die Produktionsfirma Projectograph einfach keinen Regisseur gestellt hatte. Wie auch immer, das Interesse von Michael Curtiz am Filmgeschäft war offensichtlich geweckt. Um sich professionelle Arbeitsweisen anzueignen, reiste er 1913 nach Kopenhagen, wo er mehrere Monate für Nordisk Film tätig sein konnte und praktische Erfahrungen in Sachen Regie und Montage sammelte. Zurück in Ungarn drehte er als Regisseur mehrere Spielfilme, ehe der Erste Weltkrieg zu einer (kurzen) Unterbrechung seiner Karriere führte. Curtiz’ Dienst in der Österreichisch-Ungarischen Armee endete 1915 durch eine Verwundung, nach seiner Entlassung drehte er Dokumentarfilme, mit deren Hilfe Spenden für das Rote Kreuz aquiriert werden sollten. Zudem inszenierte er weitere Spielfilme, deren Erfolg ihn zu einer der Führungsfiguren in der noch jungen ungarischen Filmindustrie machte. Doch im Zuge der politischen Turbulenzen um Béla Kuns Räterepublik entschloss sich Curtiz, seine ungarische Heimat zu verlassen und sich in Wien niederzulassen. Er knüpfte Kontakte zu Alexander Kolowrat-Krakowsky, einem Pionier der österreichischen Filmindustrie, der innerhalb weniger Jahre die Sascha-Filmindustrie AG zur bedeutendsten Produktionsfirma des Landes aufgebaut hatte. Der Entschluss zur Zusammenarbeit war rasch gefasst, bald schon avancierte Michael Kertész – wie Curtiz sich nun nannte – zum bedeutendsten Regisseur von Sascha Film. Hier zeigt sich bereits die Vielseitigkeit eines Regisseurs, der immer wieder höchst unterschiedliche Sujets zu meistern verstand. Zu den herausragenden Arbeiten, die Curtiz im Verlauf seines österreichischen Zwischenspiels drehte, zählen aber zwei Monumentalfilme, Sodom und Gomorrha (1922) sowie Die Sklavenkönigin (1924). Um diese epischen Werke in Szene zu setzen, konnte Curtiz auf enorme produktionstechnische Ressourcen zurückgreifen. So standen ihm etwa für Sodom und Gomorrha, dessen gigantische Kulissen am Wiener Laaer Berg aufgebaut wurden, mehrere tausend Statisten zur Verfügung, auch Die Sklavenkönigin bewegte sich in ähnlichen Dimensionen. Nicht zuletzt durch diese beiden Großproduktionen konnte Curtiz auch international auf sich aufmerksam machen. Harry Warner, mit seinen drei Brüdern Gründer und Namensgeber des legendären Hollywood-Majors Warner Bros., verpflichtete während eines Europaaufenthalts ihn schließlich als Studioregisseur. Im Juni 1926 traf Michael Curtiz in den Vereinigten Staaten ein, noch im gleichen Jahr drehte er mit The Third Degree – eine der Hauptrollen spielte übrigens Jason Robards Sr., Vater des gleichnamigen zweifachen Oscar-Gewinners – seinen ersten Film für Warner Bros.

Stetiger Aufstieg an die Spitze

Wie auch die nächsten Arbeiten war The Third Degree noch ein Stummfilm, doch im Gegensatz zu so manch anderen Regisseuren meisterte Curtiz den Umstieg zum Tonfilm mühelos. Mit Tenderloin (1928), der einige Dialogsequenzen enthielt, unternahm er seinen Einstieg in die neue Ära. Rasch erwies sich Michael Curtiz als ebenso höchst produktiver wie versatiler Regisseur, der in so ziemlich jedem Genre zuhause war. Möglicherweise hat gerade diese Vielseitigkeit dazu beigetragen, dass Micheal Curtiz als geradezu prototypischer Studioregisseur mancherorts die Zuschreibung des Anti-Auteurs bekommen hat. Naturgemäß finden sich in einem derart umfangreichen Œuvre manche eher routiniert ausgeführte Produktionen – was aber keineswegs sofort negativ konnotiert sein muss –, doch eine nähere Betrachtung ergibt ein weitaus differenzierteres Bild. Michael Curtiz hat sich über seine gesamte Karriere von Ungarn über Österreich bis Amerika als technisch höchst versierter Regisseur, was Kameraführung, Cadrage oder Mise-en-scène angeht, etabliert. Das Studiosystem des klassischen Hollywood mit seinem hochentwickelten, arbeitsteiligen Produktionsapparat war für einen Regisseur wie Curtiz geradezu perfekt geeignet. Nahezu alle seine Filme zeichnen sich durch eine elegante Erzählweise aus, die als kongeniale Umsetzung des klassischen Hollywood-Paradigmas erscheint. Dabei lassen sich aber auch Regiearbeiten finden, die herausstechen und unterstreichen, dass besagtes Paradigma innerhalb seiner narrativen Grenzen einen großen Spielraum bot, den Regisseure mit Auteur-Charakter zu nutzen verstanden.

Ein herausragendes Beispiel dafür ist etwa The Sea Wolf (1941), Curtiz’ Adaption des gleichnamigen Romans von Jack London. Im Zentrum steht dabei die Konfrontation zwischen Wolf Larsen, Kapitän des sich auf Robbenjagd befindlichen Schiffs „Ghost“ und dem Schriftsteller Humphrey Van Weyden, der sich durch unglückliche Umstände zwangsweise an Bord befindet. Larsen erweist sich als bedingungsloser Materialist, der an Bord seines Schiffs mit unerbittlicher Härte regiert. Demgegenüber steht der Feingeist Van Weyden mit seiner humanistischen Weltanschauung zunächst auf verlorenem Posten, doch nach und nach entwickelt sich ein Duell auf intellektueller und später handfester Ebene zwischen den ungleichen Charakteren. Robert Rossens Drehbuch betont die düsteren Elemente von Londons Erzählung, wobei Larsen – Edward G. Robinson verleiht seiner Figur von Anfang an eine bedrohliche Aura – das Schiff als eigenes Reich betrachtet, in dem seine gnadenlose Auslegung von Darwins „survival of the fittest“ quasi Gesetz ist. Unschwer konnte man da als Subtext Kritik am kapitalistischen System herauslesen. Curtiz’ Inszenierung verzichtet auf jegliche Abenteuer-Elemente, die Fahrt der „Ghost“ ist vom ersten Kader weg eine Reise ins Herz der Finsternis.

Deutliche Kritik an sozialen Verhältnissen übt Curtiz bereits in Angels with Dirty Faces (1938). Die Geschichte um Rocky Sullivan (James Cagney) und Jerry Connolly (Pat O’Brien), die seit den Tagen ihrer von Armut geprägten Kindheit in Chicago eine Freundschaft verbindet, ist zunächst ein klassischer Gangsterfilm. Die beiden Freunde werden als Jugendliche bei einem Diebstahl ertappt, wobei Jerry die Flucht gelingt. Doch Rocky muss ins Jugendgefängnis, seine kriminelle Karriere nimmt dort jedoch so richtig Fahrt auf. 15 Jahre später kehrt Rocky in sein altes Viertel zurück, wo Jerry mittlerweile als Priester versucht, eine Gruppe Jugendlicher auf den rechten Weg zu bringen. Was mit dem Auftauchen Rockys schwieriger wird, denn die Burschen sehen in dem Gangster bald eine Art von Idol. Der versucht wiederum, sich als Unterweltgröße zu etablieren, doch dabei verfängt Rocky sich zusehends in jenem Geflecht aus organisierter Kriminalität und korrupter Politik, das die ganze Stadt überwuchert. Das ein wenig moralisierend wirkende Ende mag dem berüchtigten Hays-Code, dessen Richtlinien „unmoralische Darstellungen“ in Filmproduktionen verhindern sollten und dem sich Hollywood seit 1934 unterworfen hatte, geschuldet sein. Das angesprochene Finale zählt zu den zahllosen kreativen Methoden Filmschaffender, um den Code zu unterwandern, denn Angels with Dirty Faces macht wiederholt deutlich, dass prekäre soziale Verhältnisse und Kriminalität ursächlich zusammenhängen. Der Gangster Rocky Sullivan erscheint bei aller kriminellen Energie weniger als Bösewicht als ein politisches System, das bis in höchste, vermeintlich respektable Kreise – personifiziert durch einen von Humphrey Bogart gespielten zwielichtigen Anwalt – korrumpierbar ist.

In Michael Curtiz’ Regiearbeiten werden überhaupt viele unterschiedliche Facetten sichtbar. Mildred Pierce (1945), ein Drama mit Noir-Elementen, das auf einem Roman von James M. Cain beruht, rückt die von Joan Crawford gespielte, titelgebende Protagonistin in den Mittelpunkt, die nach dem Scheitern ihrer Ehe ihr Schicksal selbst entschlossen in die Hand nimmt und eine berufliche Karriere macht – für eine Frau in der damaligen Zeit keine Selbstverständlichkeit –, ehe ein Mord eine familiäre Tragödie ans Tageslicht bringt. Bereits 1935 setzte Curtiz mit Captain Blood und Errol Flynn in der Titelrolle des rebellischen Piraten den ultimativen „Swashbuckler“ in Szene, The Adventures of Robin Hood (1938), wiederum mit Flynn in der Hauptrolle, geriet zu einem weiteren Erfolg in diesem Genre. Im eingangs bereits erwähnten Casablanca verknüpft Curtiz mit der ihm eigenen Verve die Liebesgeschichte zwischen den Protagonisten Rick und Ilsa mit dem Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Der Lohn für diese inszenatorische Meisterleistung war der Gewinn des Oscars in den Kategorien Bester Film, Bestes Drehbuch und für Curtiz persönlich für die Beste Regie – und die Reputation, einen Klassiker für die Ewigkeit geschaffen zu haben.

Mit dem Western The Boys from Oklahoma endete 1954 die langjährige, exklusive Zusammenarbeit mit Warner Bros. James Robertsons Buch zufolge gab es kein dramatisches Ereignis, das zu einem Bruch führte. Vielmehr glaubte Michael Curtiz zu diesem Zeitpunkt, als freischaffender Regisseur bessere Optionen bei der Auswahl von Projekten und kreative Partnern zu haben. Es folgten Zusammenarbeiten mit Paramount, 20th Century Fox und auch wieder Warner. Bereits 1954 drehte er etwa mit The Egyptian ein monumentales Historiendrama, in King Creole (1958) arbeitete Curtiz mit Elvis Presley zusammen. Michael Curtiz, der als geradezu besessener Arbeiter galt, als ein Regisseur, der gar nicht früh genug am Set sein konnte – wobei diese Arbeitswut manchmal ein etwas schroffes Verhalten mit sich brachte –, drehte auch weiterhin jedes Jahr zumindest einen Film, sein Gesamtwerk umfasst mehr als 180 Filme. Obwohl bereits von einer Krebserkrankung schwer gezeichnet, gelang es ihm, die Dreharbeiten zu seinem letzten Film The Comancheros (1961) zu beenden. Michael Curtiz starb am 1. April 1962 in seinem Apartment in Sherman Oaks, Los Angeles.