Eine unsentimentale Erzählung vom Ende des Romantischen: „Jerichow“ von Christian Petzold.
Ich lebe in einem Land, das mich nicht will. Mit einer Frau, die ich gekauft hab’.“ Ali zieht Bilanz. Sie fällt nicht gut aus. Als kleiner Junge hat er mit seinen Eltern zusammen die Türkei verlassen, inzwischen hat er es in Deutschland zu etwas gebracht. Ali ist Besitzer mehrerer Imbissbuden rund um Jerichow im Landkreis Prignitz in Mecklenburg-Vorpommern. Er ist wohlhabend, hat ein schönes Haus und eine noch schönere Frau. Er hält sein Geld zusammen. Aber Ali ist auch misstrauisch und eifersüchtig und trinkt zuviel. Immer wittert er den Betrug, den seiner Angestellten und den seiner Frau – und sieht doch den Verrat nicht, der sich vor seinen Augen ereignet. Dass Ali an einer Krankheit des Herzens leidet, ist kein Zufall. Es ist aus dem Takt, die Kammern liegen im Streit miteinander, so als würden, ach, zwei Herzen in seiner Brust wohnen, deren widerstreitende Sehnsüchte den Mann zerreißen. Ali ist ein westdeutscher Türke in Ostdeutschland. Ein doppelter Außenseiter. Und er ist einer der drei Einsamen, die in Christian Petzolds Jerichow vom glücklicheren Leben träumen und denen dieses Glück verwehrt bleibt, weil es kein richtiges Leben im Falschen gibt. Weil ihnen das Geld in die Quere kommt, die Ökonomie, die prekären Lebensbedingungen. Unter anderem.
Laura sagt: „Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat. Ich weiß das. Ich weiß das.“ Laura ist Alis Frau. Sie betrügt ihn. Mit Thomas, der vor kurzem erst in der Gegend aufgetaucht ist. Er lebt im Haus seiner eben verstorbenen Mutter und verdingt sich als Erntehelfer auf einer monströsen Maschine, passend „Gurkenflieger“ genannt. Bis ihn Ali, der seinen Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer verloren hat, als Fahrer anstellt. Thomas sieht Laura und eine animalische Gier zieht auf wie ein Unwetter. Noch ehe man sich recht versieht, schmieden Laura und Thomas ein Mord-Komplott. Gegen Ali. Ausgerechnet Ali.
Möglicherweise kommt dem einen oder anderen diese verhängnisvolle Dreier-Konstellation bekannt vor. James M. Cain hat sie 1934 in seinem Kriminalroman The Postman Always Rings Twice entworfen, der bereits mehrmals verfilmt wurde; unter anderem 1943 von Luchino Visconti als Ossessione (mit Massimo Girotti, Clara Calamai und Juan de Landa), sowie 1946 und 1981, jeweils unter dem Titel des Romans, von Tay Garnett (mit John Garfield, Lana Turner und Cecil Kellaway) respektive Bob Rafelson (mit Jack Nicholson, Jessica Lange und John Colicos).
Wie in seinem vorigen Film Yella, der Motive des singulären Horrorfilms Carnival of Souls (Herk Harvey, USA 1962) nutzte, greift Petzold also auch für Jerichow auf eine Genre-Erzählung zurück. Und wie in Yella verknüpft er in Jerichow den mehr oder minder festgelegten dramaturgischen Regeln gehorchenden Stoff mit einer Analyse der ökonomischen Situation seiner Figuren. Einer Situation, die auf ganz und gar verheerende Weise durch die Verflechtung von individuellem Glücksstreben und materiellem Wohlergehen determiniert ist. Denn was sagt Laura da eigentlich, wenn sie sagt: „Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat.“? Ihr fast beiläufig gesprochener Satz beinhaltet die Bankrotterklärung eines über Jahrhunderte aufrecht erhaltenen Konzeptes, das die Beziehungen der Menschen einem romantischen Ideal unterordnet. Es ist ein Satz, dessen ungeheuerliche Wahrheit standhaft geleugnet wird und die sich in Jerichow in einem katastrophalen Ausgang manifestiert.
Thomas, Laura und Ali. Diese drei. Verflochten in monetäre ebenso wie emotionale Abhängigkeitsverhältnisse. Gefangen wie in einem Netz. Zappelnd wie in Trance. Beherrscht von einem Misstrauen, das sich auf den Zuschauer überträgt, nicht zuletzt, weil Petzold, ein Meister der distanzierten Inszenierung, Abstand wahrt zu diesen Figuren. Er zeigt sie als Agierende und sich Bewegende, als Getriebene und Gefangene. Und immer wieder zeigt er sie im Auto sitzend, scheinbar unterwegs von A nach B, in Wahrheit aber wie im Hamsterrad auf der Stelle rasend. Sie grübeln und brüten, aber sie sprechen nicht über das, was tief in ihrem Inneren vor sich geht. Sie kommunizieren miteinander, aber sie teilen sich einander nicht mit. Es klafft ein Riss zwischen ihren geschäftsmäßigen Gesprächen und den leidenschaftlichen Handlungen, die wie Eruptionen das Gleichmaß ihres Arbeitsalltags durchbrechen. Wortlos fallen Laura und Thomas übereinander her, während Ali betrunken im Nebenzimmer grunzt. Laura beißt Thomas in die Hand, mit der er ihr Stöhnen erstickt. Ihr Biss hinterläßt eine blutende Wunde. Sex ist ein Infektionsherd. Begehren hat mehr mit Gier zu tun als mit Liebe.
Die Leerstelle, die Petzold mit der strengen formalen Reduktion auf das Geschehen an der Oberfläche schafft, ist mit Bedeutung aufgeladen. Im Schweigen und Schauen der Figuren wird erkennbar, was ihnen abgeht, was sie verloren und wodurch sie es ersetzt haben. An die Stelle des Austausches ist das Tauschgeschäft getreten. Wirkliches Miteinander ist nicht möglich, wo materielle Interessen den Umgang bestimmen. Glück schon gar nicht. In Jerichow entwirft Petzold auch ein Psychogramm des Menschen in der Marktwirtschaft. Er zeigt Entfremdung, indem er die Trennung von Körper, Sprache, Gedanken und Gefühlen zeigt. Indem er seine Figuren mit Haarrissen überzieht wie schlecht gebrannte tönerne Gefäße. Sollbruchstellen, die aus dem Primat des Nutzdenkens entstehen.
Es sind demnach die Körper der Schauspieler, die Körper von Benno Fürmann, Nina Hoss und Hilmi Sözer, denen der Zuschauer noch am ehesten vertrauen kann. Es sind die Körper, die nicht lügen. Thomas’ Soldateninstinkte, die ihn blitzschnell reagieren lassen. Alis Taumeln in Rausch und Schmerz. Lauras Sehnen nach Berühung. Die Körper sind der letzte authentische Rest, die letzte Grenze, hinter der sich die im Falschen verzweifelnde Seele verschanzt hat, hinter der sie tobt und sich mit dem Animalischen verbündet. Es sind die Körper auch am verwundbarsten; und all die Un- und Überfälle, die Verletzungen und Handgreiflichkeiten, die sich in Jerichow ereignen, verweisen wiederholt und mit Nachdruck auf ihre Fragilität.
Das Glück könnte ein Picknick am Meer sein, unter blauem Himmel, mit Freunden und Geliebten. Weil aber die Zuversicht verloren gegangen ist und das Vertrauen ins Leben verkauft an falsche Versprechungen, ist das Picknick am Meer in Jerichow der Beginn des Unglücks. Wer genau hinhört, hört im Rauschen der See den Klang der Posaunen, die den Untergang ankündigen.
