Jean-Luc Godard wird am 3. Dezember 90 Jahre alt. Sieben Anmerkungen zu meinem langjährigen Dialog mit seinem filmischen Werk.
1.
Meine erste begegnung mit einem film von JLG erfolgte 1985, als JE VOUS SALUE, MARIE in deutschland in die kinos kam. ich lebte damals noch in bayern, welches auf gewisse weise zu deutschland gehört, doch in vielen dingen meist eigene wege zu gehen pflegt. auch das bewusstsein der bayern an sich ist durchaus groß. doch zurück zu JLG und seinem film, der unter dem deutschen verleihtitel MARIA UND JOSEF zwar in den deutschen kinos anlief, in bayern aber sofort wegen blasphemie angegriffen und verboten wurde. sogar das erzkatholische regensburger bistumsblatt setzte ihr pamphlet gegen JLGs film auf seine titelseite; aus heutiger sicht möchte ich sagen: GODard sei dank! sonst hätte ich erst viel später (oder nie?) von diesem radikalen und außergewöhnlichen filmschöpfer erfahren.
viele jahre später (1995), als ich bereits, einem geheimnisvollen ruf folgend, nach wien gezogen war und ebendort als tischler und theatermacher lebte, arbeitete ich ZU JENER ZEIT auch an meinem ersten dramatischen werk mit dem epischen titel: DIE GESCHICHTE EINER FRAU DIE DEN AUFTRAG BEKOMMT DEN ERLÖSER ZU GEBÄREN / SIE BESCHLIESST DAS KIND ABZUTREIBEN…
während der dreimonatigen probenzeit, in der ich mein erstlingsdrama mit den darstellern weiterentwickelte, hatte ich eine schwere schaffenskrise. da erinnerte ich mich wieder an JLGs film, von dem ich damals in meinem bayrischen dorf nur aus dem bischöflichen bistumsblatt erfahren hatte. den film selbst kannte ich nicht. mein bühnenbildner erich uiberlacker (mit dem ich bis heute arbeite) hatte mich bereits mit ein paar meistern des kinos (welles, hitchcock, tarkowskij) vertraut gemacht. er konnte über diverse umwege eine vhs-kopie des films JE VOUS SALUE, MARIE auftreiben und wir konnten diese umgehend sichten.
nach mehrmaligem sehen des films erkannte ich erstaunt, wie ernst und umfangreich JLG das biblische thema neu erzählt hatte. von blasphemie, zumindest nach meinem ehemals streng katholischen erachten, konnte ich keine spur entdecken, im gegenteil. vielleicht wurde JLGs film gerade deshalb von der katholischen kirche derart massiv angegriffen, weil er das thema absolut ernst nahm. die uraufführung meines obig genannten dramas war, inspiriert durch JLGs film, gerettet und für den 24. dezember 1995 geplant, im damaligen „dietheater“ (im künstlerhaus).
diese weltpremiere wurde dann wenige tage vorher prompt verboten, sogar die ZIB berichtete über das verbot, zusätzlich wurde ein allgemeiner presseboykott verhängt. gespielt haben wir dann trotzdem. nach einer intervention des damaligen burgtheaterdirektors claus peymann wurde uns erlaubt, ironischerweise am darauffolgenden tag, dem 25. dezember, unser stück aufzuführen. so etwas hätte es in bayern nicht gegeben, aber das ist eine andere geschichte. zumindest war mir seit damals klar, das JLGs filmisches werk mich die kommenden jahrzehnte begleiten würde.
1998 später war es erstmals in wien möglich, die filme von JLG im rahmen einer großen retrospektive während der viennnale im kino zu sehen. dazu erschien auch ein toller katalog, mit der deutschen erstübersetzung vieler wichtiger französischer und internationaler texte und interviews zu JLG, zusammengestellt von astrid ofner. redakteur war damals ein gewisser andreas ungerböck.
2.
Als ich 1992 mit einem text von HEINER MÜLLER meine erste offizielle, das heißt, subventionierte theaterarbeit schaffen konnte, war JLG im geiste wieder anwesend, da auch HM einen schöpferischen dialog mit JLG und seinem werk führte und vice versa. soweit ich erfahren konnte, hatten sich beide in den siebziger jahren in den vereinigten staaten getroffen und schätzen gelernt. HMs DER MANN IM FAHRSTUHL wurde am freitag, dem 13. november 1992, als kommentar zur entdeckung amerikas (und dessen folgen) im dietheater aufgeführt, welches damit viele jahre mein stammhaus wurde. während der probenarbeit entdeckte ich weitere filme von JLG: LE PETIT SOLDAT, LES CARABINIERS, ONE P.M. und SAUVE QUI PEUT (LA VIE). ich stellte dabei große parallelen zwischen diesen beiden jahrhundertkünstlern fest, da HM am theater meist ähnlichen widerstand hervorrief wie JLG im kino (bis heute und vermutlich für immer). JLG arbeitete auf besondere weise mit seinen darstellern im film, ebenso wie HM mit seinen schauspielern am theater. beide inspirier(t)en mit ihrem sperrigen werk generationen von kunstschaffenden aus musik, literatur, bildender kunst, theater und film. auch dadurch wirken beide renaissancekünstler bis heute und weiterhin mit ihrem schaffen. HMs texte sind weiterhin sperrig und aktuell, JLGs filmschaffen hat nicht erst mit seinem letzten film LE LIVRE D’IMAGE (BILDBUCH, 2018) neue filmische räume erschlossen.
3.
HM, seelenverwandter des filmauteurs JLG und zwillingsbruder in werk und wirken, sagte einmal: „der regisseur ist eine verfallserscheinung und wird völlig überschätzt!“ fast gleichzeitig endeckte ich eine anmerkung JLGs als kommentar seiner dreharbeiten zu PRÉNOM CARMEN: „die kamera ist ein vampir, der die darsteller(in) aussaugt!“
HMs these und JLGs bemerkung beschäftigen mich nun seit mehr als zehnn jahren. damals entschloss ich mich, dies in der praxis bei den dreharbeiten meines films TAPE END (2009) erstmals anzuwenden, in dem ich die vampirarbeit der kamera in abwesenheit des regisseurs untersuchen wollte. nach zwei probetagen mit meinen 4 darstellern entschied ich mich, dem folgenden dreh fernzubleiben, ohne allerdings meine kollegen vorzuwarnen. es war geplant, den film in einer fix montierten einstündigen einstellung ohne schnitt zu drehen. bei den damals verwendeten mini-dv-kassetten mit einer gesamtlänge von 60 min erschien beim dreh am ende der kassette meist und mehrere male das schriftbild TAPE END. somit hatte ich gleich den titel für meinen ersten ungeschnittenen film.
nachdem am drehtag alle darsteller in ihrer ausgangsposition auf mein kommando warteten, wandte ich mich an mein team, um ihnen zu verkünden, dem sogleich folgenden dreh fernbleiben und sie ihrem schicksal zu überlassen. es folgte ein kurzer heftiger protest einer darstellerin und eisiges schweigen des restlichen teams. dann wies ich noch meine damalige assistentin anna sautner an, die einzige klappe nach meinem verlassen des drehorts zu schlagen. anschließend verließ ich den ort, um in einer nahen kneipe mit dem besitzer der wohnung, in der wir drehten, ein paar biere zu trinken.
nach einer guten stunde kamen wir zurück, anhand der großen erschöpfung meiner darsteller konnte ich erahnen, das sie und die mini-dv-cam großartiges geleistet hatten.
in der gleichen nacht sichtete ich die ungeschnittene aufnahme dreimal, gegen vier uhr früh wusste ich (HM & JLG sei dank!), dass meine unerschrockenen darsteller (claudia martini, suse lichtenberger, zoe riegl und nenad smigoc) um ihr leben gespielt hatten und somit ein neuer film das licht der welt erblickt hatte. zugleich tauchte die frage auf, wer nun der regisseur oder auteur dieses films sei? diese frage kann ich, nachdem etliche weitere filme nach diesem konzept entstanden sind, bis heute nicht vollständig beantworten.
4.
im jahre 1998 hatte ich mich erstmals entschlossen, nach einem jahrzehnt theaterarbeit und inspiriert durch einen text von ingeborg bachmann, einen film zu machen. zwei jahre vorher bekam ich von einer schauspielkollegin das buch DER FALL FRANZA geschenkt, mit den worten: „dies wird dein erster film!“ da ich damals noch keinerlei anlass, interesse oder ehrgeiz hatte, einen film zu gestalten, liess ich das buch erstmal ein jahr lang liegen.
im jahre 1997 musste ich nach ägypten reisen, um mit einer bunten theatertruppe ein gastspiel in kairo zu absolvieren. als ich für meine abreise mein reisegepäck zusammenstellte, fiel mir das buch von bachmann wieder in die hände. so nahm ich es mit auf meine reise.
während unseres aufenthalts in kairo lernte ich einen ägyptischen guide kennen, der mich spontan auf eine wüstentour einlud. in der wüste zu sinai las ich bachmanns worte, erkannte, dass alles in ihrem buch auf besondere weise so da war. da wusste ich, meine kollegin hatte recht gehabt. dieser text wurde die grundlage meines ersten films, ich begann ebendort und sofort mit dem zeichnen von storyboards für dieses erstlingswerk mit dem titel ÄGYPTISCHE FINSTERNIS.
im april 2001 folgten die dreharbeiten, die unter größten schwierigkeiten bewerkstelligt werden mussten (davon ein anderes mal). mein team und ich kamen ende april wieder wohlbehalten zuhause an. aufgrund einer verhaftung in jener wüste zu sinai hatten wir viele wichtige szenen nicht drehen können, das heißt, ich hatte letztlich nur einige „farben“ meines künftigen films sammeln können. ein rohschnitt dieser aufnahmen brachte ein klägliches und erschütterndes ergebnis, gleich einer totgeburt.
fast ein halbes jahr verging. ZU DIESER ZEIT lief gerade JLGs neuer film ÉLOGE DE L’AMOUR im alten wiener stadtkino (meinem langjährigen wohnzimmer). intuitiv pilgerte ich meist ein- bis zweimal die woche dorthin. ich hatte damals einen „deal“ mit ernst eichwalder, einem inzwischen leider viel zu früh verstorbenen wunderbaren mitarbeiter des alten stadtkinos am schwarzenbergplatz, so dass ich meist gratis die cineastischen juwelen dieses legendären ortes schätzen lernen konnte.
diesmal pilgerte ich hin, um JLGs neuestes meisterwerk zu sehen. nach 14 sichtungen des films hatte ich mein schnittkonzept (inklusive der infernalischen farbpallette) gefunden.
ZU JENER ZEIT lernte ich meinen künftigen und liebenswerten cutter samuel käppeli kennen, der mir seine hilfe beim schnitt anbot. ich nahm mit freude an. nun durfte mit samuels engelsgeduld der film in neunmonatiger arbeit und durch 14 schnittfassungen neu entstehen.
ende april 2002 konnte mein erster spielfilm ÄGYPTISCHE FINSTERNIS mit einer gesamtlänge von 63 minuten im wiener filmcasino seine weltpremiere feiern.
hans hurch erfuhr über die durchaus sehr guten kritiken von meinem film, forderte eine sichtungs-vhs an, die ich ihm gern zukommen ließ. anschließend wurde ich zu einem gespräch eingeladen, um mit ihm über meinen erstlingsfilm zu sprechen, in diesem gespräch bedauerte hans (hurch), der den film sehr mochte, das er diesen nicht bei der viennale 2002 herausbringen konnte, da er nun ja bereits im kino gestartet war und nach der filmcasino-premiere noch acht wochen lang mit großem erfolg im topkino lief. 2009 konnte schließlich mein langfilmdebüt KOMA nach seiner weltpremiere in moskau die österreichische premiere auf der viennale feiern.
5.
2015/16 konnte wiederum JLGs werk während einer dreiteiligen gesamtschau im österreichischen filmmuseum gesichtet werden, ermöglicht durch alexander horwath und regina schlagnitweit, dem damaligen leading team dieser großartigen wiener institution. dieser sichtungsarbeit ging ich fast vollständig nach, meist auf meinem stammplatz, 6. reihe, platz 9.
neben vielen mir damals noch unbekannnten filmen JLGs konnte ich wichtige große arbeiten erstmals auf der leinwand sehen lernen: PASSION, A BOUT DE SOUFFLE, FOREVER MOZART, TOUT VA BIEN, HISTOIRE(S) DU CINÉMA und viele andere. ein mir damals noch völlig unbekanntes meisterwerk JLGs konnte ich in diesen tagen und wochen erstmals entdecken: VIVRE SA VIE, der wohl zu den vier oder fünf besten filmen dieses auteurs gehört. JLG selbst hat einmal gesagt: „als filmemacher kann man nur vier oder fünf sehr gute filme machen … ich habe viele filme gemacht!“
seit damals ist ein periodisches sichten des gesamtwerks von JLG, unterstützt von gesprächen mit meinem langjährigen kameramann klemens koscher und weiteren lebhaften diskursen mit erich uiberlacker, meinem weggefährten am theater, einem ausgesprochenen GODARDexperten, für mich essenziell geworden für mein eigenes filmisches schaffen.
Vor allem VIVRE SA VIE und thematisch verwandte filme wie DEUX OU TROIS CHOSES QUE JE SAIS D‘ELLE begleiten mich seit geraumer zeit, um mich wieder an einem sehr katholischen thema abzuarbeiten: der prostitution. einen neuen film dazu habe ich gerade in arbeit: DARKROOM. die darstellerin wird sämtliche aufnahmen ohne mein zutun alleine mit einem smartphone drehen und in der kamera schneiden, VOILA!
lemmy caution wird in ALPHAVILLE gefragt: WAS VERWANDELT DIE NACHT IN DEN TAG? seine antwort: DIE POESIE. JLG hat diesen film nach seiner scheidung von und mit anna karina gedreht, sie hat im film das letzte wort: JE T‘AIME!
(es gibt in der filmgeschichte nur einige wenige beispiele, wie michelangelo antonioni und monica vitti oder ingmar bergman und liv ullmann, in dem leben und kunst eine derart schöpferische symbiose erfuhren, wie bei JLG und anna karina. Wie bereits etliche weggefährten JLGs ist anna karina letztes jahr leider verstorben. antonioni und bergman sind lange tot, JLG lebt weiter. ist er der größte filmvampir aller zeiten?)
6.
2018 konnte mein film AUFBRUCH dank der wunderbaren teamarbeit mit meinem kameramann klemens koscher, meiner stammschauspielerin claudia martini und meiner produzentin maja savic bei der berlinale seine weltpremiere feiern. bald lief der film auf vielen internationalen festivals. im herbst desselben jahres wurde ich von bernd brehmer, dem co-leiter des underdoxfilmfestival, münchen eingeladen. als eröffungsfilm wurde JLGs neustes werk BILDBUCH gezeigt. beim verlassen des münchner filmmuseums war ich den ganzen abend im bildgewaltigen farbenrausch, der lange nachwirkte. wieder hatte JLG mit seiner neuen arbeit das kino neu erfunden.
(insofern taucht bei jedem neuen film JLGs die frage auf, wer diese arbeit der visionären erneuerung des kinos in der zukunft übernehmen könnte. so JLG sich doch einmal entschließen sollte, zu verschwinden. würde vielleicht mit ihm das kino ebenso verschwinden? JLGs unruhe trieb ihn ein leben lang an, bis zu sechs filme im jahr zu drehen, ein ähnliches suchtverhalten stellte rainer werner fassbinder bei sich fest, der meist vier filme im jahr drehte. heute wäre das gar nicht mehr möglich, das system der heutigen filmindustrie ließe hochbegabungen wie JLG oder RWF unbeachtet zugrundegehen. vielleicht besteht eine begabung zum größten teil auch darin, den willen zu haben, ein radikales werk zu schaffen, gepaart mit der noch größeren fähigkeit und ausdauer, dieses werk über einen sehr langen zeitraum, das heißt, ein leben lang durchzusetzen.)
JLG ist ein überlebender des kinos des 20. und der erste filmemacher des 21. jahrhunderts.
7.
am anfang seiner karriere wurde JLG einmal gefragt: WHAT IS YOUR GREATEST AMBITION IN LIFE? seine antwort folgte prompt: TO BECOME IMMORTAL … AND THEN DIE!
als FILM SOCIALISME (2010) zu seinem achtziger herauskam, wurde bereits, wie stets seit NOTRE MUSIQUE (2004), versucht, den jeweils neusten film JLGs als vermächtnis zu sehen. mit jedem neuen film wurde man eines besseren gelehrt. am 3. dezember wird JLG 90. soweit mir bekannt ist, arbeitet er an einem neuen film (seinem 130.), man darf gespannt sein.
JLGODARD FOREVER!!!
nota bene:
2019 habe ich einen „kleinen“ film gedreht: 3.30 PM. minimalste bedingungen, kein budget, kleines team, in zwei tagen. der film fand in testscreenings bei meinen mir bekannten filmkuratoren und filmjournalisten große anerkennung. seine weltpremiere folgte 2020 unter schwierigsten corona-bedingungen in jeonju (südkorea). bei der heurigen viennale fand die östereichische premiere statt.
ein wichtiger satz JLGs, der mich seit langem begleitet, hat zu dieser spontanen arbeit geführt: „ich weiß, das ich immer in der lage sein werde, einen kleinen film zu drehen, egal unter welchen umständen.“ JLG behauptet damit nicht weniger, als dem film der zukunft einen permanenten platz in der kunst zu geben, einem raum, der frei von markt und profittechnischen zwängen sein kann und muss.
