Intimes Porträt über die bemerkenswerte Folk-Ikone
Die Geschichte von Joan Baez I Am a Noise fängt dort an, wo andere aufhören, mit ihrer Abschiedstournee 2018/19. Man sieht Baez, wie sie Gesangsstunden nimmt, um noch einmal die hohen Töne zu treffen. Ganz schafft sie es nicht mehr, aber das ist halb so wild. Baez’ Stimme ist für ihr Alter in erstaunlich guter Form – anders als etwa bei Bob Dylan, obwohl sie beide ein Jahrgang sind.
Und mehr als das: Eine Zeit lang waren die Folk-Ikone und der Multi-Künstler sogar ein Paar. Das war in den sechziger Jahren, wann sonst. Es war eine wilde, aufregende, nicht nur glückliche Periode in Baez’ Leben. Und wenn sie im Nachhinein über die Beziehung spricht, klingen der Schmerz und die Wehmut über ihr gebrochenes Herz auch heute noch mit. Vielleicht liegt es daran, dass Baez in der Rückschau auf ihr Leben wertfrei und ehrlich zu sich selbst ist. Zu Beginn gesteht sie ein: „Wir erinnern uns nur an das, woran wir uns erinnern wollen. Eine Geschichte ist immer konstruiert.“ Das schließt auch ihre eigene Biografie mit ein.
Joan Baez I Am a Noise ist nicht nur in der Hinsicht keine herkömmliche Dokumentation, obwohl die wichtigsten Momente von Baez’ Aufstieg zum Star abdeckt werden: Die 1941 in New York geborene Sängerin wuchs in einer Quäkerfamilie als eine von drei Schwestern auf. Als sie im Club 47 in Cambridge, Massachusetts, auftrat, war sie bereits von einem enormen sozialen Bewusstsein geprägt. Sie verkörperte nicht lediglich die Politik jener Zeit, sondern sie verinnerlichte sie in ihren Liedern. Dazu kam ihre unglaublich reine, sanfte Stimme, die der Sängerin in Kombination mit ihrem langen Haar und den nackten Füßen in der Jugend etwas Madonnenhaftes gab.
Unter der geschickten Regie von Karen O’Connor, Miri Navasky und Maeve O’Boyle verbindet der Film von Baez selbst animierte Tagebucheinträge aus der Kindheit, Fotos, Heimvideos und zahlreiche Archivaufnahmen mit aktuellen Tournee-Mitschnitten. Dass die Dokumentation über mehrere Jahre entstanden ist, gibt den Filmemacherinnen jedoch auch die Möglichkeit, tiefer zu graben, intime und traumatische Erlebnisse aufzugreifen und Baez’ Reflexionen über so große Fragen wie Schuld und Vergebung zuzulassen, wo sie angebracht sind.
Baez, die weiß, wie man ein Publikum fesselt, bleibt dabei immer auf Augenhöhe mit sich selbst. Sie scheint einen Weg gefunden zu haben, ihr faszinierendes Leben in all seinen Höhen und Tiefen zu akzeptieren. Von ihr geht eine innere Stärke und Ruhe aus, die einen förmlich anzieht, hineinzieht in ihre Welt, und die auch im Nachhinein noch lange bewegt.
