Jörg Buttgereit – Was vom Menschen übrig bleibt

Was vom Menschen übrig bleibt

| Benjamin Moldenhauer |

Zwanzig Jahre nach seiner Premiere ist nun ein Sammelband zu Jörg Buttgereits Horror-Melodram „Nekromantik“ erschienen. Der konsequenterweise gleich vom Regisseur selbst herausgegebene Band ist die bislang einzige Monografie zu Buttgereits Filmen.

Der Markt für die Filme des Regisseurs Jörg Buttgereit ist begrenzt. Sein 1987 erschienenes Spielfilm-Debüt Nekromantik handelt von einem schmächtigen Mann, der sich, weil er mit den Lebenden nicht zurecht kommt, mit Totem umgibt. Rob (Daktari Lorenz) arbeitet für die Leichensammler der Firma „Joe’s Säuberungsaktion“. Eines Tages bringt er eine verweste Leiche mit nach Hause zu seiner Freundin Betty (Beatrice M). Der Filmtitel spielt mit der Verbindung von Nekrophilie und Romantik: Den Sex zu dritt filmt Buttgereit unbekümmert im Weichzeichner, unterlegt mit einer süß-melancholischen Klaviermelodie.

Wie die meisten Dreiecksbeziehungen nimmt auch diese kein gutes Ende. Der tote Liebhaber ist attraktiver als der lebende, Betty zieht aus und nimmt die Leiche mit. Der Verlassene dreht durch, erschlägt eine Prostituierte und vergeht sich an ihrem toten Körper. Am Ende bringt Rob sich in einem buchstäblich orgiastischen Gewaltakt um. „Buttgereit hatte Nekromantik ambivalent gestaltet“, schreibt Dietrich Kuhlbrodt. „Auf der Kippe zwischen künstlerischem Anspruch und geiler Exploitation. Sensationell war es, sich an einer Leiche zu befriedigen. Ein Kunstwerk war es, die Verwirrung, die Isolation und die Befreiungsversuche verwirrter junger Leute in Bilder zu fassen.“

Zu lesen ist Kuhlbrodts Text in Nekromantik, dem Buch zum Film, das zum zwanzigjährigen Premierenjubiläum im Martin Schmitz Verlag erschienen ist. Der Band erinnert an einen eigenwilligen Film. Gedreht wurde auf grobkörnigem Super8- und 16mm-Material. Drehzeit: zwei Jahre, an den Wochenenden. Ein rudimentäres Skript hatten Buttgereit und sein Koautor Franz Rodenkirchen auf Karteikarten geschrieben. Die Schauspieler waren Freunde des Regisseurs, allesamt Laien. Das hört man, und deswegen wird auch wenig gesprochen. An Nekromantik lässt sich wunderbar nachvollziehen, wie jemand suboptimale Bedingungen in ein künstlerisches Verfahren verwandeln kann: Buttgereit ist neben Christoph Schlingensief einer der wenigen deutschen Nachkriegsfilmemacher, der seine Geschichten in Bildern und nicht in Dialogen erzählt.

Für das Arthaus-Publikum war das alles zu rabiat, für die Horrorfans zu spröde. Letztere brachte der Film dann auch entsprechend durcheinander: „Wir waren irritiert, genasführt und in den Magen gepufft“, schreibt Christian Keßler. Nekromantik 2 verprellte vier Jahre später dann auch viele Fans des ersten Teils. Das Sequel erzählt eine elegische Liebesgeschichte – mit vereinzelten, aber lustvoll inszenierten Splatterszenen. Die bayerische Staatsanwaltschaft war nicht amüsiert und versuchte, das Filmnegativ beschlagnahmen zu lassen. Jörg Buttgereit saß zwischen allen Stühlen und nahm es gelassen: „Wenn Leute zu mir sagen, ich mag deine Filme nicht, dann sag ich meistens, ja, das kann ich gut verstehen.“

Jetzt, wo die Filme allesamt auf DVD erhältlich sind und der erste Essayband erscheint, wird es hoffentlich möglich, die Arbeit Buttgereits losgelöst von Transgressionskitsch und Zensurdiskurs zu sehen. Claus Löser und Marcus Stiglegger verstehen Nekromantik 1 und 2 als Abschiedsfilme, die das Ende der Subkultur im Westberlin der achtziger Jahre markieren. „Die Zeit arbeitete für diesen Film“, schreibt Löser über Nekromantik 1. „Aus ihm spricht heute noch mehr als vor zwanzig Jahren ein visionärer Blick auf eine ermüdete und erkaltete Gesellschaft, die ihren eigenen Kindern keine Wahl ließ, als sich selbst aufzufressen.“ Linnie Blake wiederum macht eine „subtil verschlüsselte Nazisemiotik“ aus und sieht in Buttgereits liebenden Toten eine Metapher für den Versuch, sich der „Schrecken der Vergangenheit, die vorschnell begraben wurden“ zu erinnern.

Johannes Schönherr, in einem früheren Leben als Totengräber in Leipzig tätig, schert sich nicht groß um Subtext-Exegese und prüft die Leichsammler von „Joe’s Säuberungsaktion“ auf Realitätstauglichkeit. Er berichtet von der Verstrickung der Mafia in das Totengräbergewerbe Taiwans, der Ausbeutung der Hinterbliebenen in Serbien und von einem Krematoriumsleiter aus Georgia in den USA, der die ihm anvertrauten Toten, anstatt sie einzuäschern, auf einem nahe gelegenen Feld vergrub. „Sind diese Geier nicht ekelhaft? Ich würde auf jeden Fall die liebevolle Fürsorge von Leuten wie Rob und Betty bevorzugen, sobald meine Zeit gekommen ist.“

Kurz: „Da haben wir sie wieder, die verwirrende Ambivalenz.“ (Kuhlbrodt) Die Filme von Jörg Buttgereit sind traurig und komisch, schön und schrecklich zugleich. Linnie Blake macht im Filmschaffen Buttgereits einen Humor aus, der „auf eine perverse Art und Weise lebensbejahend“ ist. Es geht in Nekromantik, anders als im konventionellen Splatterfilm, nicht um die Zerstörung von Körpern, sondern um ihre Erhaltung: „Ein Film über die Liebe zum Menschen und was von ihm übrig bleibt.“ So verspricht es uns das Filmposter, und das lügt in diesem Fall einmal nicht.