Johannes Nussbaum
Schon beim Lesen was erleben

Er kam 1995 in Mödling zur Welt und stand 2005 erstmals für Ulrich Seidls Import Export (2007) vor der Kamera. Doch von den Dreharbeiten mit dem oft als kontrovers eingestuften Regisseur ist ihm vor allem eines in Erinnerung geblieben: „Das Kinderzimmer. Dort habe ich mich die meiste Zeit aufgehalten und PlayStation gespielt. Es war ein Traum, weil ich sowas nicht zuhause hatte. Dann kam irgendwann die Kamera und es wurde gedreht. Damit meine ich, dass der Dreh sehr organisch und unmittelbar war, also ,echt‘. Ich musste nichts spielen, sondern nur erleben. Das habe ich seit diesem Film nicht mehr oft erfahren.“

Während es vielen Kinderdarstellern nicht vergönnt ist, sich später auch im Bereich von Erwachsenenrollen zu etablieren, gehört Nussbaum mittlerweile zu den gefragtesten jungen Schauspielern im deutschen Raum; an Preisen erhielt er bisland die Romy in der Kategorie Bester Nachwuchsschauspieler und den Alfred-Kerr-Darstellerpreis beim Berliner Theatertreffen. Warum hat er den Durchbruch geschafft? „Ich habe bis zu meinem 17. Lebensjahr nicht viel gemacht. Ein Projekt alle paar Jahre. Ich glaube, das war ganz gut. Ich behielt mir die Lust an dem Beruf, der damals noch Hobby war. Und das schöne Glück hat auch sehr viel damit zu tun.“

Nussbaums Filmografie umfasst bislang Fernseharbeiten von Krimi (Tatort, Landkrimi) bis Comedy (Vorstadtweiber), im Kino war er beispielsweise in der Komödie Fack ju Göhte 2 (Bora Dagtekin, 2015) oder im Coming-of-Age-Drama Prélude (Sabrina Sarabi, 2019) zu sehen. Wenn es um seine Projekte geht, vertraut Nussbaum vor allem dem Gefühl: „Ich wähle sehr nach meinem Bauchgefühl aus. Irgendetwas muss mich daran reizen. Ich will schon beim Lesen was erleben.“

Nussbaum, der seit 2019 Ensemblemitglied am Münchner Residenztheater ist, will Bühne und Film nicht in Konkurrenz zueinander stellen: „Aber nach vier Jahren Schauspielschule will ich wissen, was die Bühne so kann.“ Sein Beruf bringe jedenfalls Licht- und Schattenseiten mit sich: Positiv seien die ständige Abwechslung, die wunderbaren Menschen und der Umstand, dass er einfach liebe, was er tue. Das Negative: „Ich finde, man wird in diesem Beruf sehr viel beurteilt, bewertet und kritisiert – und natürlich auch gelobt – auf der Basis subjektiver Meinungen. Darum ist es wichtig, ein Handwerk zu lernen, um den Beruf greifbar für sich zu machen, und die richtigen Leute um sich zu haben, deren Meinung dir wichtig ist.“

Aktuell ist Nussbaum in einer kleinen Rolle in Terrence Malicks A Hidden Life im Kino zu sehen, das von Hans Steinbichler inszenierte Freundschaftsdrama Hannes wird in absehbarer Zeit starten. Am Residenztheater tritt er unter anderem im Ewald-Palmetshofer-Stück „Die Verlorenen“ auf. Der Wechsel zwischen Deutschland und Österreich bereitet Johannes Nussbaum kein größeres Kopfzerbrechen: „In einem Land muss ich mich darauf konzentrieren, nicht in meinen Dialekt zu verfallen, im anderen nicht.“