Die Geschichte der Wischmopp-Millionärin Joy Mangano – hinreißend gespielt von Jennifer Lawrence und gewohnt schräg inszeniert von David O. Russell.
Quält man sich durch die üblichen Schnellschusskritiken im Internet und betrachtet man die durchwachsene IMDB-User-Wertung von 6,6, so könnte man den Eindruck gewinnen, Joy, David O. Russells dritte Zusammenarbeit mit dem Power-Trio Jennifer Lawrence, Robert De Niro und Bradley Cooper sei ein „enttäuschender“ Film. Doch schon die ersten Minuten des Films beweisen das exakte Gegenteil. Die fulminante Rekapitulation von Joys Kindheit und Jugend in einem Kaff in Texas in den siebziger Jahren mit einer Familie, die als „dysfunktional“ nur unzureichend beschrieben ist, lässt Großes erwarten, und so ist es auch. Joy Mangano, die einst ein kreatives kleines Mädchen mit großen Plänen war, verliert sich zwischen ihrem großkotzigen Vater Rudy, ihrer überehrgeizigen Schwester Peggy und ihrer Mutter Terry, die irgendwann beschließt, die Familie sich selbst zu überlassen und sich in ihrem Schlafzimmer völlig (von Russell eigens inszenierten) TV-Soap-Operas hinzugeben. Als Rudy auszieht, um mit einer anderen Frau zu leben, zerfällt Joys Welt in tausend Trümmer. Sie arbeitet als Airline-Angestellte ohne Aussichten und ehelicht den drittklassigen Möchtegern-Tom-Jones Tony, der so sehr ohne jede Ambition ist, dass er selbst nach der Scheidung von Joy in deren Keller wohnen bleibt. Nachdem Rudy schließlich ganz und gar nicht reumütig zurückkehrt, weil seine Geliebte ihm den Laufpass gegeben hat, ist das Chaos perfekt und Joy am Rande des Nervenzusammenbruchs. So weit, so schlimm.
Am Ende steht, das ist ja ohnehin bekannt, der Aufstieg Joy Manganos zur Millionärin, zur Königin des Wischmopps – dank des „Miracle Mop“, den sie eines tristen Tages selbst erfunden hat, weil es ihr zu blöd war, die Hände ständig in schmutziges Wasser zu tauchen. Der Weg zum Reichtum allerdings ist ein harter und steiniger, mit einer nicht sehr hilfreichen Familie rundherum (wir begrüßen Isabella Rossellini, die neue Geliebte des Vaters, als weiteren potenziellen Stolperstein), mit betrügerischen Lieferanten und fiesen Konkurrenten – und außerdem will das neue Produkt ja erst einmal unter die Leute gebracht werden. Die ersten Versuche auf dem Parkplatz vor dem K-Mart sind alles andere als ermutigend. Da kommt QVC (Quality, Value and Convenience) ins Spiel, jener TV-Sender, der bis heute federführend im TV-Home-Shopping ist. Zwar vermasselt Joy ihre erste Chance, doch der nette Neil Walker (großartig: Bradley Cooper, diesmal in einer eher schmalen Rolle) gibt ihr, mehr aus Sympathie als aus Überzeugung, nochmals die Gelegenheit, Millionen Hausfrauen in den USA zu erreichen – und diesmal schlägt der Miracle Mop wie eine Bombe ein.
Woher kommt also die sogenannte Enttäuschung? Warum ist Joy nur für zwei magere Golden Globes (Beste Komödie und Beste Darstellerin) nominiert? Vermutlich genau daher, dass David O. Russell keine Kompromisse eingegangen ist und kein schöngefärbtes Biopic voller Highlights geschrieben und inszeniert hat. Dass der Film als Komödie angesehen wird, ist schlicht und einfach ein Missverständnis, dazu hat er zu viele bittere Szenen, die gar nicht lustig sind. Er hat Charaktere, die alles andere als sympathisch sind (Rudy, Peggy und noch einige andere), und das Lachen bleibt einem des Öfteren im Halse stecken. Der „American Dream“ wird als die Chimäre dargestellt, die er nun einmal ist, auch wenn Joy am Schluss alles erreicht zu haben scheint, was sie sich gewünscht hat. Der Preis für den Erfolg, sagt Russell, ist verdammt hoch. Und dann sind da natürlich noch seine früheren beiden Filme mit denselben Schauspielern, Silver Linings Playbook und American Hustle, die die Erwartungen wohl in eine falsche Richtung gelenkt haben.
Jennifer Lawrence ist das Zentrum dieses Films, und sie bietet eine grandiose Leistung, vermutlich ihre beste seit Winter’s Bone. Nicht nur ist dies eine ungemein große und fordernde Rolle (Joy ist praktisch zwei Stunden lang durchgehend im Bild), sie verlangt der jungen Schauspielerin auch unglaublich viele Facetten ab. Die frustrierte Hausfrau, die enttäuschte Ehefrau, die Tochter, die ihren Vater nie zufriedenstellen kann, die tatkräftige Erfinderin, die tüchtige Geschäftsfrau – all das meistert Lawrence scheinbar mühelos, und sie erweist sich damit erneut als die versierteste Schauspielerin ihrer Generation. Auch wenn die Konkurrenz dieses Jahr sehr stark ist – sie ist auf jeden Fall eine heiße Kandidatin für den Globe und den Oscar.
