Wie Judd Apatow vom Vertreter des Bromance-Genres zur guten Fee von Frauen dominierter Komödien wurde
Text und Interview ~ Marietta Steinhart
Seit seinem Regiedebüt The 40-Year-Old-Virgin (2005), gefolgt von Knocked Up (2007), kultivierte Judd Apatow sein Grundthema: unanständige, aber ermutigende, aufrichtige und menschliche Geschichten über „Man-Babies“, die in ihrer Entwicklung feststecken. Es war eine Erweiterung seiner eigenen Alltagserfahrung, die er mit Talenten wie Jason Segel, Seth Rogen oder Jonah Hill teilte, und Apatow hat einen erheblichen Anteil an den Errungenschaften seiner Protegés.
Für einen neuen Film von einem der einflussreichsten Produzenten Hollywoods und von einem Regisseur, der in einer Reihe der besten Komödien des vergangenen Jahrzehnts mitgemischt hat (Anchorman, Superbad, Forgetting Sarah Marshall und Bridesmaids, um nur einige zu nennen), hat Judd Apatow mit Trainwreck keinen Mangel an Erwartungen zu erfüllen. Nach dem unterschätzen Funny People und dem lauwarmen Erfolg von This Is 40, begannen sich einige zu fragen, ob der Pionier der „bromantic comedy“ seinen Zenit überschritten hatte. Zum Glück hat Apatow ein neues Talent entdeckt in Amy Schumer (in den USA bekannt für ihre prächtige Show Inside Amy Schumer), einer transgressiven Komödiantin mit einer gewaltigen Stimme.
Der andauernde Vorwurf, dass er seine weiblichen Figuren unterversorge, war eine Zeit lang berechtigt. In seiner fünften Regiearbeit aber gibt er zum ersten Mal (abgesehen von der von ihm produzierten TV-Serie Girls) einer Frau die Führung und markiert damit einen willkommenen Wendepunkt in seiner Karriere.
Es gibt in Hollywood einen Trend zu Filmen mit starken weiblichen Hauptfiguren, auch in der US-Komödienlandschaft. Hat die Filmindustrie Frauen als wirtschaftliche Kraft entdeckt?
Ich hoffe es, aber das bedeutet nicht, dass die Studios wissen, wie sie diese Filme angehen sollen. Sie brauchen mehr Frauen, die diese Filme auch machen. Wenn ich Filmschulen besuche, dann wirkt es so, als würde es seit der TV-Serie Girls mehr Frauen geben, die das als Jobmöglichkeit betrachten. Das wird Dinge verändern.
Sie haben in den letzten Jahren viele weibliche Talente gefördert, u.a. Lena Dunham, Kristen Wiig und nun Amy Schumer. Wie wurde aus dem „Pionier der Bromance“ die „gute Fee von „Frauen-Comedy“?
In meinem ersten bedeutenden Job habe ich Stand-Up-Jokes für Roseanne Barr geschrieben. Das ist also etwas, was ich schon immer gemacht habe, aber ich werde gern in eine Schublade gesteckt. Meine ersten Filme sind definitiv männerdominiert, weil ich über meine Erfahrungen schreibe, und das sind die eines neurotischen, nerdigen Kerls, der unbeholfen ist mit Frauen. Daraus entstand The 40-Year-Old-Virgin. Aber ich war schon früh begeistert, dass Leslie Mann, Jane Lynch und Catherine Keener so humoristisch sind. Ich habe es nie so gesehen, als würden wir nur Kerle porträtieren. Viele Filme sind über Freundschaften zwischen Männern, die Leute haben das Potenzial erkannt und das ist okay, aber es dauert einfach so lange, Filme zu produzieren. Bridesmaids war fünf Jahre lang in Entwicklung.
In Hollywood wollen viele den Erfolg von Bridesmaids wiederholen.
Als wir Bridesmaids machten, dachten wir nicht, dass wir einen Film für Frauen produzieren. Für uns war es ein Kristen-Wiig-Film. Als wir fertig waren, haben wir realisiert, dass viele lustige Frauen in dem Film sind. Und die Leute erkannten „Oh, das funktioniert, also machen wir mehr davon“. Da steckt kein Masterplan dahinter. Es ging mir genauso mit Lena Dunham. Sie ist ein Genie, wer würde nicht mit ihr kollaborieren wollen?
Sind Sie so etwas wie ein Pate für diese Frauen?
Jemand hat Seth Rogen gefragt, ob ich eine Vaterfigur für ihn bin und er sagte, ich sei mehr wie der „creepy uncle“. Also ich glaube, ich bin mehr wie der unheimliche Onkel. (Lacht.) Ich denke nicht in Geschlechterkategorien. Ich bin ein Fan von Menschen, die Geschichten zu erzählen haben.
Es sind zum größten Teil R-rated Comedys.
Diese Frauen sind bereit ehrlich zu sein. Die Wahrheit ist, wenn Sie Sex haben, mögen die Leute zwar sagen, das ist unanständig, aber es ist ein wichtiger Teil des Lebens. Comedy dreht sich immer um Dinge, die schief gehen. Die Menschen fixieren sich auf diesen Sex-Aspekt, weil es aufregend ist, aber es geht vielmehr darum wahrhaftig zu sein.
Wie kam es zu der Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Amy Schumer?
Ich kannte ihre Stand-Up-Shows nicht, aber während ich in meinem Auto saß, hörte ich zufällig eine Show im Radio. Sie sprach über ihren Vater, der Multiple Sklerose hat, aber sie war auch unglaublich humorvoll und warm. Da wusste ich, sie ist eine echte Künstlerin und sollte einen Film darüber machen. Sie hat eine Vision und sie weiß, dass sie es verdient hat, gehört zu werden. Amy hat eine gewaltige Stimme, die man nicht aufhalten kann.
Es gibt Stimmen, die Amy Schumers Humor als „Männerhumor“ abstempeln.
Das denke ich nicht. Es sind wichtige Statements über die weibliche Erfahrung. Sie sind sehr ehrlich und aggressiv manchmal, aber das ist eben nicht nur Männern vorbehalten.
Sie spielt aber doch eine für Männer typische Rolle.
Das stimmt, aber das ist der Fall für eine enorme Anzahl von Frauen, die im Fernsehen und Kino so nicht oft porträtiert werden. Es gibt Frauen, die Beziehungsängste haben. Frauen, die gern trinken und Marihuana rauchen und bedeutungslose Affären führen, weil sie Angst vor Nähe haben. Amy ist einfach eine, die keine Angst hat darüber zu sprechen.
Sie sagten einmal, dass Sie niemals die Regie für einen Film übernehmen würden, den Sie nicht selbst geschrieben haben. Was hat Ihre Meinung geändert?
Ich habe so viele Themen abgedeckt. Ich habe Filme über High School, Collage, Ehe und Krankheit gemacht und ich hatte den Moment erreicht, wo ich dachte: Amy hat mehr zu sagen als ich.
Was braucht eine gute Comedy?
Der Autor von The House of Blue Leaves hat es folgendermaßen ausgedrückt: „It‘s like putting someone in a corner and watch him trying to get out of it“ und das finde ich sehr treffend. Mich interessieren keine Bösewichte. Ich bin nicht so erfinderisch. Ich denke, Alltagsprobleme sind interessant. Zu versuchen, kein „Weirdo“ in einer Beziehung zu sein, ist genug für einen guten Film.
Sex ist ein wichtiger Bestandteil von Komödien. Warum lachen wir so sehr darüber?
Es ist vermutlich mein persönliches Problem. (Lacht.) Es ist so intim, es ist unbehaglich für Menschen darüber zu reden. Und es ist so einfach, es falsch zu machen! (Lacht.)
Kevin Pollak hat Sie für seinen Dokumentarfilm „Misery loves Comedy“ interviewt. Denken Sie, dass man unglücklich sein muss, um gute Komödien zu schreiben?
Es braucht ein Problem mit etwas. Eine existenzielle Krise oder einen Sinn für Andersartigkeit. Die meisten Comedians wollen über Dinge sprechen, die nicht fair sind und korrigiert werden müssen. Es steckt viel Schmerz in Comedy, Frevel und Frustration, aber ich glaube nicht, dass Sie unglücklich sein müssen, um ein guter Comedian zu sein.
Was ist Ihnen als Künstler wichtiger: Menschen zu gefallen oder zu provozieren?
Ein bisschen von beidem. Ich versuche hoffnungsvoll zu sein. Ich will kein dunkles Statement über die Menschheit machen. Ich möchte Menschen das Gefühl geben, dass das Leben lebenswert ist.
Es muss schwer sein, Menschen unentwegt gefallen zu wollen.
Ja, das ist es auf eine Art, die viele nicht verstehen. Ich habe als Tellerwäscher gearbeitet. Wenn ich die Teller wusch und mein Chef genug saubere Teller hatte, dann war das zufriedenstellend. Es war physische Arbeit und es war weniger stressig, als sich darüber Sorgen zu machen, ob Sie lustig sind oder Ihr Film gut ankommt. Aber Filmemachen ist rentabler und bringt natürlich viele Vorteile mit sich.
Ist es schwieriger geworden, dem Publikum zu gefallen? Wir haben fast jeden Sex-Joke schon einmal gehört und der Markt ist übersättigt. Wie gehen Sie damit um?
Ich denke nicht, dass es schwieriger ist. Sie müssen mit der Tatsache umgehen, dass alles an Nischen orientiert ist, dass Sie nicht mehr die große Masse erreichen. Es ist gut und schlecht. Girls hat weniger Zuseher als Freaks and Geeks, aber meine Serie wurde damals sofort abgesetzt. Es gibt viele gute Serien, die heutzutage überleben können. Ich muss mir noch die zweite Season von Broadchurch ansehen und das Finale von The Americans!
Ein US-Filmstudio in den sechziger Jahren hatte folgende Strategie: „In order to catch your greatest audience you zero in on the 19 year old male.“ Steckt darin nicht vielleicht auch heute noch ein wenig Wahrheit?
Ich war in dem Alter recht unausstehlich und konnte meinen Kopf immer durchsetzen wenn es darum ging, was wir im Fernsehen oder Kino ansahen. Ich kann also sehen, wie man dieser Strategie anhängen kann. Ich weiß nicht, wie aggressiv mittlerweile Frauen sind, wenn es darum geht, welche Filme sie sehen wollen, aber ich selbst verliere zumeist den Kampf gegen meine Frau und meine Kinder. (Lacht.) Ich denke jedenfalls, dass so eine schrecklich engstirnige Haltung tatsächlich Entscheidungen beeinflusst, welche Filme grünes Licht bekommen. Und dann haben Sie plötzlich einen unterversorgten Markt. Das ist meiner Meinung nach der Grund, warum Bridesmaids so erfolgreich war, Sex and The City und auch Pitch Perfect. Da steckt viel Geld drin und es wäre nicht smart von der Filmindustrie, das für sich nicht nutzbar zu machen. Die Studios sind aber mehr daran interessiert, Filme für den internationalen Markt zu kreieren. Filme mit Action, die in Russland oder China spielen. Das ist eine größere Priorität als Komödien über Frauen.
David Zucker, der Autor der Naked Gun Reihe sagte in einem Interview, dass Frauen vielleicht nicht so lustig sind, weil sie eine „eingebaute Würde“ besitzen.
Ich kann dem nicht wirklich zustimmen. In Filmen haben Frauen nur die Würde, die wir für sie schreiben. Amy Schumer und Lena Dunham arbeiten dagegen und es funktioniert sehr gut. Es gab bislang nicht so viele Möglichkeiten für Frauen, sich in der Filmbranche als Produzentinnen, Autorinnen und Schauspielerinnen auszudrücken, aber so sollte es sein. Hoffentlich inspirieren Menschen wie Amy und Lena die nächste Generation.
