Er spielte mit Vanessa Redgrave in der Biografie von Oscar Wilde. Als „Der talentierte Mr. Ripley“ wurde Jude Law im Jahr 2000 für den Oscar nominiert. Danach engagierten ihn so renommierte Regisseur wie Steven Spielberg („A.I“ ), Wong Kar-wai („My Blueberry Nights“) oder Martin Scorsese („Aviator“, „Hugo Cabret“ ). Zum Kassenknüller avancierte sein Detektivauftritt in „Sherlock Holmes“. Nun spielt der 40-jährige Brite in Steven Soderberghs Pharmazie-Krimi „Side Effects“ einen Psychiater, der in ein komplexes Labyrinth aus Verdächtigungen und Verwirrungen gerät. ray zeigt den Film als Österreich-Premiere am 24. April im Wiener Haydn-Kino.
Sie geben hier einen gutgläubigen Psychiater. Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Ein langjähriger Freund des Drehbuchautors arbeitet als Psychiater und war zugleich ausführender Produzent des Films. Mit ihm sprach ich stundenlang über diese Rolle und über alle Details der Szenen. Wobei ich finde, dass Schauspieler mittlerweile viel zu viel über ihre Recherchen erzählen. Man sollte die Geheimnisse seiner Arbeit nicht so einfach ausplaudern, Zauberer verraten ihre Tricks schließlich auch nicht.
Haben Sie selbst Erfahrungen mit Psychiatern?
Ich hatte einige Sitzungen mit einem Psychotherapeuten, aber noch nie eine Begegnung mit einem Psychiater. Die Herausforderung bestand für mich darin, diese Welt der Psychiatrie möglichst schnell zu begreifen, ohne auf ein fünfjähriges Studium zurückgreifen zu können. Im Zentrum standen für mich die Fragen: Was wollen diese Leute erreichen? Wie gelingt ihnen das? Wo liegen ihre Grenzen und Tabus?
Side Effects handelt von einer Frau, die ihre Depressionen mit starken Psychopharmaka in den Griff bekommen will. Sehen Sie die Krankheit Depression als Spiegel unserer leistungsorientierten Gesellschaft?
Depressionen gab es schon immer. Literatur, Theater oder Musik beschäftigen sich schon lange mit diesem Thema. Allerdings hat sich die Sache durch die moderne Technologie schon ziemlich verschärft. Heute soll jeder rund um die Uhr funktionieren und Leistung bringen, ständig ist man per Email erreichbar. Wenn der Schalter permanent auf „Ein“ steht und keine freie Minute mehr möglich ist, hat das mit Sicherheit auch Auswirkungen auf das Befinden der Menschen.
Wird dieser individuelle Stress des Einzelnen durch gesellschaftliche Erwartungshaltungen nicht noch deutlich verstärkt?
Absolut! In den Medien wird das ideale Leben, das ideale Aussehen vorgegeben. Wer traut sich in diesem Zwang zum kollektiven Glücklichsein noch zu sagen: Mir geht es heute schlecht, ich bin traurig und frustriert? Für mich ist das ein bedenklicher Zustand, wenn man immer gut drauf sein soll und zu seiner miesen Stimmung nicht mehr stehen darf. Das darf jedoch nicht mit klinischen Depressionen verwechselt werden, das ist ein völlig anderes Thema, mit dem ich glücklicherweise noch nichts zu tun hatte.
Wie tun Sie selbst gegen miese Stimmung?
Ich habe gelernt, das Beste daraus zu machen. Meine Mutter sagte immer: „Miese Stimmung ist genauso interessant wie gute Laune!“ Je älter ich werde, desto mehr versuche ich, mich in solchen Situationen an meinen Beruf zu erinnern und sage mir: „Jetzt lebe ich meine dunklen Seiten aus.“ Tatsächlich hilft allerdings am besten, wenn man Sport macht. Das vertreibt die trüben Gedanken.
Haben Sie oft trübe Gedanken?
Ich gehöre zu jenen Leuten, die schon mit schlechter Laune morgens aufwachen. Ich erinnere mich noch gut, wie Anthony Minghella (der Regisseur von Der talentierte Mister Ripley) sich ziemlich über mein morgendliches Stimmungstief amüsierte. Es ist jedoch keineswegs so, dass ich nun ständig niedergeschlagen wäre, das ist ganz einfach mein Gemütszustand am frühen Morgen. Ich brauche nur einen kleinen Kickstart und dann ist alles gut.
Schwarzen Kaffee zum Beispiel?
Nein, ich trinke nie Kaffee. Das macht mich nervös und bereitet Magenprobleme. Ich bin ein totaler Fan von grünem Tee, der enthält ebenfalls viel Koffein, das jedoch viel besser verträglich ist. Ohnehin halte ich mich von Aufputschmitteln oder Pillen jeder Art möglichst fern. Schwach werde ich nur dann, wenn es um Whiskey geht. Zu einem guten Scotch würde ich nie nein sagen!
Was muss eine Rolle haben, damit Sie Ihnen gefällt?
Eine Rolle begeistert mich eigentlich erst dann richtig, wenn ich Angst vor ihr habe. Nur dann nämlich strengt man sich wirklich an und arbeitet sehr hart, um diese Angst zu überwinden – der Psychologe, den ich im Film spiele, würde dazu wohl sagen: „Sie sind ziemlich besessen!“. Für mich gehört es schon zum professionellen Verständnis, dass man sich als Schauspieler mit der größtmöglichen Hingabe in seine Rolle einbringt.
Wie gehen Sie nach all den Jahren mit dem Ruhm um?
Wer prominent ist, verliert zwangsläufig Teile seines Privatlebens. Leute urteilen über dich, ohne dass sie dich kennen. Viele sind allerdings fest davon überzeugt, dich zu kennen, weil sie in den Medien etwas gelesen haben oder weil sie die Rollen für bare Münze nehmen. Weil ich in meinem Leben schon so lange im Scheinwerferlicht stehe, ist das für mich eigentlich der Normalzustand. Ein echtes Privatleben kenne ich schon lange nicht mehr.
Welche Vorteile bringt der Ruhm?
Ein ganz großer Vorteil des Ruhms liegt darin, dass man dadurch die Gelegenheit bekommt, mit Leuten zu arbeiten, die man schätzt. Man verbringt seine Zeit mit sehr kreativen Menschen und kann die Art von Arbeit machen, die einem vorschwebt.
Sie sind gerade 40 geworden – ist das für Sie ein schwieriges Alter?
Überhaupt nicht, ich habe mich die letzten zehn Jahre schon wie 40 gefühlt! Ich habe eine große Familie und damit große Verantwortung. Wenn man dann diese Zahl 40 erreicht hat, ist das eine wunderbare Gelegenheit, zurückzuschauen auf das, was man erreicht hat. Zugleich kann man eine neue Seite in seinem Leben aufschlagen und sich ganz anderen Dingen zuwenden. Für mich war die 40 also kein Grund zum Jammern – höchstens ein bisschen!
Keine Spur von Midlife-Crisis?
Nein, ich war immer schon ein ziemlich analytischer Mensch. Um nachdenklich zu werden, benötige ich keinen runden Geburtstag. Gewissermaßen stecke ich in dieser Midlife-Crisis schon, seit ich 25 geworden bin! (lacht) Aber fragen Sie mich in zehn Jahren nochmals, was ich darüber denke.
