Bis heute gibt es Spekulationen, wie Judy Garlands Begräbnis vor 40 Jahren mit den so genannten New Yorker Stonewall Riots in der darauf folgenden Nacht in Verbindung stand. Die Queer-Ikone selbst sang in ihren letzten Jahren jedenfalls in New Yorker Schwulenbars.
Die Beziehung zwischen Judy Garland und Hollywood bietet an sich schon genügend Stoff für Melodramen. Obwohl sie MGMs Kassenmagnet war, bildeten die Gewichtsprobleme und der Girl-Next-Door-Look von Louis B. Mayers „hässlichem kleinen Entlein“ eine krasse Antithese zum Glamour-Ideal von Diven wie Hedy Lamarr oder Lana Turner (die ihr dann auch noch 1940 die erste große Liebe, den Jazzbandleader Artie Shaw ausspannte). Zwar konnten sich mit ihrer Erscheinung – vor allem in den neun zusammen mit Mickey Rooney gedrehten Filmen – jede Menge Teenager identifizieren, aber ebenso umgab sie eine gewisse Unsicherheit und auch Unfähigkeit, damaligen Normen von Schönheit und vor allem Weiblichkeit zu entsprechen. Auch bei Garland wurde die Methode „Designing Women“ angewandt – mittels Hüftkorsetten, Zahnaufsätzen und Nasenkorrekturen.
Den ersten Selbstmordversuch unternimmt sie 1948 nach einem Nervenzusammenbruch am Set von Vincente Minnellis The Pirate. 1950 wird sie bei MGM gefeuert, nachdem sie, bedingt durch Drogen und Alkohol, drei Filmrollen schmeißt. Von all dem erfährt die Welt brühwarm. Sie gibt eine Reihe von Interviews, die sich als äußerst private und delikate Offenbarungen (wenn nicht sogar Abrechnungen) lesen, in denen „MGM’s Amphetamine Annie“ (Kenneth Anger) ihr ganz persönliches Hollywood Babylon beschreibt und die Doppeldeutigkeit von „There’s no place like home“ offen legt: Nein, einen Platz wie „home“ gab es nicht.
In seinem Text Judy Garland and Gay Men verwehrt sich Richard Dyer aber gegen eine allzu simple Rezeption, die sie vor allem in Sachen Neurosen, Leiden, Einsamkeit, Katastrophen und Flops (nach The Pirate wird auch ihr fulminantes 1954er-Leinwand-Comeback A Star is Born zum Kassengift) als beinahe archetypische Gay-Ikone ansieht (zudem kann sie auch nicht auf dieses Fan-Segment reduziert werden). Zwar traf die Analyse „No pill could stop Judy’s pain!“ des schwulen Komikers Bob Smith durchaus zu. Aber auf jeden finanziellen, physischen wie psychischen Absturz folgte ein Comeback, das neue Maßstäbe setzte, wie etwa 1961 mit Judy at Carnegie Hall, dem ersten vergoldeten Doppelalbum der Popgeschichte. Das ewige Aufbegehren (gegen Normen jeglicher Art, worunter auch die Hochzeit mit dem in Hollywood als bisexuell bekannten Regisseur Vincente Minnelli fällt), kombiniert mit einer lockeren „Mir-doch-egal“-Haltung, stellt für Dyer jene Qualitäten dar, mit denen Judy Garland gerade vor Stonewall all jene ansprach, die sich immer noch behind the closet verstecken mussten.
Oz-Land
Neben den cineastischen Choreografien von Busby Berkeley gibt es wohl kein Musical, das sich tiefer in die Popkultur eingeschrieben hat als The Wizard of Oz. Von Kenneth Anger über John Waters oder Martin Scorsese bis hin zu David Lynch können seine Spuren im Kino verfolgt werden. Von popmusikalischen Referenzen bei Elton John (Yellow Brick Road), Ozzy Osbourne, Nirvana, The Melvins (Ozma), der unsäglichen Marusha bis hin zu Marc Almond, Matmos, Rufus Wainwright oder Antony ganz zu schweigen. Dabei wäre der Hit des im Sommer 1939 in die Kinos gekommenen Klassikers beinahe dem Schneidetisch zum Opfer gefallen. So aber konnte sich Over the Rainbow zum geheimen „Sound of the Closet“ entwickeln, zur auch die Regenbogen-Flagge mit inspirierenden Sehnsuchtshymne sexueller Outcasts.
Oz ist dann auch jenes technicolorbunte Parallel-Universum, in dem es heißt „Come out, come out, wherever you are“. In dem sich ein Löwe äußerst effeminiert verhält und sich als „sissy“ beschreibt. Allen „männlichen Helden“, denen wir hier begegnen, fehlt etwas, um sie den gesellschaftlichen Normen entsprechend als Männer bezeichnen zu können – Hirn, Herz, Mut. Selbst die Macht des Wizard of Oz erweist sich als Laterna-Magica-Illusion. Garland/Dorothy respektiert dieses „Anderssein“, sympathisiert mit den Feldern an Differenzen, die sich hier auftun. Kein Wunder, dass der Ausdruck „Friend of Dorothy“ zum schwulen Erkennungscode und das berühmte „Toto, I think we’re not in Kansas anymore“ zum Werbe- und Postkarten-Slogan für Gay bars wurde.
Gay Garland
Ende der 1960er hatte auch die Mainstream-Presse „Miss Show-Business“ als schwule Ikone erkannt. Während ihre Fans die Konzerte als „eine Erlaubnis, endlich einmal öffentlich schwul zu sein“ feierten, wurden in Artikeln Psychiater zu Rate gezogen und heterosexuelle Fans davor gewarnt, bei Garland-Konzerten aufs Herren-WC zu gehen.
Garland selber war sich ihrer schwulen Fanbase mehr als bewusst. Bei Konzerten sprach sie ihre männlichen Fans mit „Madame“ an, bei TV-Shows verlangte sie, Over The Rainbow in der Tonart Q (wie queer) zu singen. Auch über ihr Begräbnis hatte sie klare Vorstellungen, wie ihre Tochter Liza Minnelli einmal erzählte: „When I die I have visions of fags singing Over The Rainbow“ – was ja (inklusive selbstgemachter Regenbogen-Fahnen) dann auch wahr wurde.
Garlands Fähigkeit, ihr Leben auf der Bühne und der Leinwand als Camp-Extravaganza wie als Parodie auf Geschlechterrollen zu performen – zu ihrem Tramp-Outfit in Easter Parade aus 1948 gehörte ja auch ein sichtbar angeklebter Vollbart, Smokings passten ihr sowieso besser als jedes Kleid –, sich so zusagen selber zu impersonieren, sich zu verkleiden und zu verstellen, verweist dabei aber nicht nur auch auf alltägliche schwule (Überlebens-)Taktiken.
Garland in drag ist „nicht bloß die Aufführung eines vergnüglichen und subversiven Schauspiels, sondern eine Allegorie der spektakulären und folgenschweren Art und Weise, „in der Realität sowohl reproduziert als auch angefochten wird.“ (Judith Butler)
Stonewall riots
Geführt von der Mafia und gelegen in New Yorks Greenwich Village, in der Christopher Street, war das Stonewall Inn der Treffpunkt queerer Subkulturen – all jener, „die in schwuler Politik als ethnische Minderheiten, Drag-Queens, Butch-Lesben, Obdachlose oder Angehörige einer Gegenkultur marginalisiert werden“ (Scott Bravmann). Das Stonewall war auch die einzige Gay bar in New York, in der Tanzen erlaubt war, wenn auch nicht in gleichgeschlechtlicher Umarmung. Ebenso mussten Frauen per Gesetz mindestens drei Kleidungsstücke tragen, die sie eindeutig als Frauen identifizierbar machten, Männer in full drag wurden bei Razzien ohnehin gleich eingebuchtet.
Wie sehr nun das Begräbnis von Judy Garland am 27. Juni 1969 (bei dem neben 20.000 anderen auch Andy Warhol und Candy Darling anwesend waren) mit den in den frühen Stunden des 28. Juni ausgebrochenen Riots während einer Polizei-Razzia wirklich zusammenhängt, ist Thema unzähliger Spekulationen. Da die Bar keine Alkohollizenz hatte, wurde sie als Club geführt. Gäste mussten sich beim Eingang mit Namen in eine Liste eintragen, „Judy Garland“ war das am meisten benutzte Pseudonym. Auch in Nigel Finchs Film Stonewall (1995) wird die Garland-Stonewall-Connection an zentraler Stelle ausgespielt. Garland selber streifte in ihren letzten Jahren durch New Yorker Schwulenbars und sang gegen geringes Entgelt Over The Rainbow, um sich damit ihre Drogensucht zu finanzieren, war aber auch Stammgast in Warhols Factory. Andererseits beschreiben Autoren wie Bob Kohler Garland als „middle-aged darling of the middle-class gays“, die für den queeren Subkultur-Mix im Stonewall Inn nicht wirklich von großer Bedeutung war. Und wenn, dann blieben viele – schlicht aus Trauer –
genau an diesem Abend fern.
Egal, ob es sich hierbei um „queere Fiktionen“ (Bravmann) oder einen Pop-Mythos handelt, die Stonewall Riots waren ein radikaler Wendepunkt. Innerhalb eines halben Jahres wurde die Gay Liberation Front und die Gay Activists Alliance sowie drei Zeitungen gegründet, 1970 gab es in New York und Los Angeles den ersten Christopher Street Liberation Day. Auch die Gesetzeslage änderte sich: Das Verbot gleichgeschlechtlichen Tanzvergnügens sowie geschlechtlich nicht eindeutig zuordenbarer Outfits wurde außer Kraft gesetzt.
Wenig später eröffneten in New York die ersten Diskotheken. In Clubs wie der „Paradise Garage“ wurde die Vision, over the rainbow zu sein, zumindest für ein paar hedonistische Nachtstunden real. Aids jedoch sollte das alles wieder ändern.
