Filmstart

Julie bleibt still

| Pamela Jahn |
Fesselndes Debüt über Missbrauch im Sport

Die Beste zu sein, ist nicht immer einfach. Julie (Tessa Van den Broeck) spürt den Druck, die neidischen Blicke der anderen. Aber sie hat das Potenzial, eine große Tennisspielerin zu werden und tut alles dafür. Verbissen trainiert sie in jeder freien Minute auf dem Platz im örtlichen Verein. Im Spiel gegen sich selbst ist die junge Sportlerin fast noch strenger, härter. Jeder Schlag muss sitzen, sauber getimt sein und einen Zweck erfüllen – so hat sie es vom ihrem langjährigen Trainer gelernt.

Eines Tages erscheint Jérémy (Laurent Caron) nicht wie verabredet. Keiner weiß etwas Genaues. Aber angeblich wurde der Coach suspendiert. Gleichzeitig geht eine erschütternde Nachricht um: Alina, ebenfalls eine vielversprechende angehende Profispielerin im belgischen Tennisverband, hat sich das Leben genommen. Auch sie wurde von Jérémy trainiert. Bald ist klar, dass seine plötzliche Abwesenheit mit dem Unglück in Zusammenhang steht. Missbrauchsvorwürfe werden laut. Alle Schüler werden befragt. Auch Julie soll sich zu dem Fall äußern. Ihre Aussage könnte wichtige Hinweise liefern. Eltern und Ermittler reden auf sie ein. Aber Julies Taktik ist Rückzug: Sie macht dicht, weicht aus – und schweigt.

Es ist der einzige Weg für die Siebzehnjährige, den Fokus zu bewahren. Sie steht kurz vor dem Abitur und bereitet sich pa-rallel auf ein wichtiges Match vor, das über ihre Zukunft entscheiden soll. Erst ist sie misstrauisch gegenüber ihrem neuen Trainer Backie (Pierre Gervais), doch ihr bleibt keine Wahl. Um weiterzukommen, beißt sie die Zähne zusammen. Die Sache mit Jeremy macht sie derweil mit sich aus. Gefühle stauen sich auf. Noch schlimmer wird es nach einem Treffen der beiden. Aber Leonardo Van Dijl versteht es, in seinem klugen Regiedebüt die sorgfältig aufgebaute Spannung nicht mit einem großen Knall zu entladen. Sein sensibler Psychothriller bleibt fesselnd bis zur letzten Minute. Wie ein guter Wettkampf. Nur dass hier eine junge Frau unfreiwillig in den Ring geworfen wird.

Manchmal möchte man Tessa Van den Broeck schütteln; sie spielt Julie mit einer perfekt ausbalancierten Mischung aus Sturheit und Verunsicherung. Die Intensität, die ihr Stillschweigen hervorruft, macht diese Film so aufregend. Im harschen Kontrast dazu begegnet Van Dijl der Zwiespältigkeit seiner Protagonistin mit ruhigem Verständnis. Respektvoll distanziert folgt die Kamera dem Geschehen. Julie bleibt still will nicht anklagen, sondern verstehen helfen. Es geht darum, Raum zu schaffen für die inneren und äußeren Konflikte, die sich bei der Klärung von Missbrauchsfällen ergeben. Nicht nur auf dem Tennisplatz.