Junichi

Streaming | Mini-Serie

Junichi

| Dieter Oßwald |
Eine japanische Mini-Serie in sechs Episoden, kreiert unter anderem von Meister Kore-eda Hirokazu.

Wenn Japans Filmkunst-Kaiser Kore-eda Hirokazu eine Serie mit-erschaffen hat, gerät das zu deren cineastischem Ritterschlag. Pflicht für alle Fans von Shoplifters ist sie damit es sowieso. In sechs Episoden wird von ganz unterschiedlichen Frauen erzählt, die eine Gemeinsamkeit haben: Sie alle erliegen der Ausstrahlung und den Verführungskünsten des 26-jährigen Junichi. Der hübsche Jüngling scheint wie aus einem Manga-Comic entsprungen. Magisch zieht der charmante Held die Frauen an, für die er wie die perfekte Projektionsfläche ihrer sinnlichen Sehnsüchte wirkt, die sich im realen Leben nicht erfüllen. Das Spektrum der Frauen reicht von der jungen Schülerin bis zur betagten Witwe, von der betrogenen Ehefrau bis zur betrügenden Gattin. „Vielleicht liegt die Karte, die die negativen Dinge in meinem Leben umkehren würde, in den Händen dieses Jungen mit dem blauen T-Shirt“, schwärmt Mika in der finalen Folge. Das blaue Hemd ist tatsächlich das Markenzeichen des mysteriösen Fremden – und ein bisschen ist es wie die Blaue Blume unseres guten alten Romantikers Novalis: Hier wie dort gilt die tragische Regel, kaum ist das blaue Wunderding gefunden, ist es prompt verschwunden. Diese Erfahrung macht in der ersten und gleich besten Folge die schwangere Tai Chi-Lehrerin Eiko. Seit vier Jahren verheiratet, scheint sie nicht so ganz glücklich in der Ehe. Auftritt Junichi. Ausflug ins Stundenhotel. Am Morgen danach ist der Mann samt blauem Hemd verschwunden. „Früher war ich ein Drache“, erzählt er einmal, um sein hinkendes Bein zu erklären, später enthüllt er weitere Geheimnisse. Etwa, dass sein Magen nur Mineralwasser verträgt, dass er seinen geliebten Hund verschenken musste. Oder seine sympathische Ansage: „Ich hasse komplizierte Sachen.“ Das visuelle Konzept überzeugt mit japanischer Eleganz der minimalistischen Art. Wie aus einer Wundertüte werden die kleinen, mittleren und großen Geheimnisse gelüftet. Vorhersehbar ist dabei wenig. Richtig nervenaufreibend gerät die Folge mit Rui, einer minderjährigen Schülerin. War die Drachen-Geschichte zum hinkenden Bein etwa gelogen? Aber wie sagt der hübsche Held einmal so schön: „Ich bin in allem gut!“