In seiner neuen Serie beleuchtet der Autor und Regisseur David Schalko das Leben Franz Kafkas aus verschiedenen Perspektiven. Im Interview spricht er über seine persönliche Beziehung zu dem Schriftsteller, dessen Kinoleidenschaft und darüber, was seine Literatur so zeitlos macht.
Wer war Franz Kafka? Die Frage stellt sich dieser Tage erneut. 100 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers sind sein literarischer Einfluss und die Wirkung seiner Werke ungebrochen. Und nicht nur das: auch die Faszination an seiner Person. Der Mann, den Joel Basman in der Miniserie Kafka spielt, ist erstmal nicht der charismatische Typ. Die Haare sind streng zum Mittelscheitel gekämmt, der schmale Mund hängt ein bisschen schief. Die Stimme klingt ein wenig verzerrt. Aber aus seinen Augen spricht die Lust am Leben, am Schreiben, an der Kunst. In ihm steckt ein wacher Geist, dessen Talent erst noch entdeckt werden muss. Sein Freund Max Brod (David Kross) hat Kafkas Talent längst erkannt. Brod selbst ist längst ein publizierter Schriftsteller. Jetzt will er seinem besten Freund, der in Prag als Versicherungsbeamter arbeitet, zu seinem Durchbruch verhelfen. Doch Kafka weiß weder die Gunst noch das künstlerische Schaffen seines treuesten Förderers zu schätzen. So fängt die Verfilmung von Regisseur David Schalko nach einem Drehbuch von Daniel Kehlmann an. In sechs Episoden wird das Leben des 1883 in Prag geborenen Kafkas aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt, von Max Brod über die Familie bis hin zu seiner späten Romanze mit Dora Diamant kurz vor seinem viel zu frühen Tod.
Schalko, der seit Ende der neunziger Jahre mit seinen Büchern, Filmen und TV-Formaten immer wieder neue Maßstäbe in der Unterhaltungskunst setzt, geht dabei erfrischend furchtlos an die Sache heran, seine Inszenierung ist von einer zugänglichen Leichtigkeit geprägt. In seiner letzten Serie Ich und die Anderen schickte er Tom Schilling in der Hauptrolle auf Entdeckungsreise mit sich selbst und den Menschen um ihn herum. In Kafka räumen er und Kehlmann mit so manchen Vorurteilen und Missverständnissen in Bezug auf den großen Schriftsteller auf.
Herr Schalko, haben Sie ein Lieblingszitat von Franz Kafka?
David Schalko: Es ist sehr schwierig zu sagen, weil ich mich jetzt über einen langen Zeitraum so intensiv mit ihm auseinandergesetzt habe. Aber was mich immer wieder fasziniert, ist: „Ein Käfig geht einen Vogel suchen.“ Das ist einer der schönsten, geheimnisvollsten Aphorismen, die je geschrieben wurden.
Was verbindet Sie persönlich mit dem Schriftsteller, als Mensch und als Autor?
Als Mensch hat mich immer seine Bescheidenheit fasziniert, die gleichzeitig auch eine Kompromisslosigkeit war. Bei ihm stand die Literatur im Vordergrund und nicht der Ruhm oder banale Eitelkeiten. Das ist ähnlich wie bei Samuel Beckett. Es ist nie ein Schreiben für den Leser, keine banale Autofiktion, sondern eine Ich-bezogene Literatur. Das geht so stark ins Innerste hinein, dass es uns alle betrifft. Dadurch entsteht fast so etwas wie eine Privatmythologie, die etwas Zeitloses an sich hat.
Warum muss man, wie es zu Beginn der Serie heißt, mit Max Brod anfangen, wenn man die Geschichte von Franz Kafka erzählen will?
Es war eine dramatische Grundentscheidung, dass wir die Erzählung nicht aus der Perspektive von Kafka erzählen wollten, sondern immer aus dem Blickwinkel einer Person aus seinem engen Umfeld. Das hat mehrere Gründe: Erstens wäre es meiner Ansicht nach anmaßend, seine Perspektive einzunehmen. Man würde dem gar nicht gerecht werden. Zweitens sind genau diese unterschiedlichen Facetten eigentlich das Spannende, weil sein engster Vertrauter Max Brod ein ganz anderes Verhältnis zu ihm hatte als Felice, seine Verlobte, oder der Vater. All diese Beziehungen haben uns getrennt voneinander interessiert.
Tristan, die Hauptfigur in Ihrer letzten Serie „Ich und die Anderen“, war eine Art Mann ohne Eigenschaften. Was für ein Typ ist Kafka?
Er ist ein Mann mit vielen Eigenschaften, der sich und seinen Gewohnheiten treu bleibt, nicht jemand, der sich verbiegt. Für ihn ist die Verbindung zu seinen Mitmenschen auf einer virtuellen Ebene wichtiger als jede Art von Körperlichkeit. Auch das sagt sehr viel über seinen Charakter aus. Bei Tristan war es so, dass er in der ersten Folge als unbestimmter Mann zur Welt kommt und dann durch die anderen und durch sein Handeln an Profil gewinnt, ähnlich wie bei einem leeren Blatt, das sich nach und nach füllt. Bei Kafka ist es dagegen wahnsinnig schwierig, aus dem, was er ist, schlau zu werden, weil er sich nicht einordnen lässt, weil er Geheimnisse hat, und in seiner Wahrnehmung anders funktioniert als andere Menschen.
Inwieweit können Sie als Autor das Bild vom gequälten Genie nachvollziehen?
Ich glaube nicht an das bedingungslose Genie beim Schreiben. Ich halte es auch für einen sehr männlichen Mythos. Was Kafka angeht, habe ich auch nicht das Gefühl, dass das Schreiben an sich für ihn eine Qual war, weil er ganze Texte in einer Nacht geschrieben hat. Für ihn war es eine Qual, Dinge abzuschließen, fertigzustellen. Das war sein Problem. Deswegen gibt es auch so viele Fragmente und das berühmte Kafka-Zitat: „Von einem gewissen Punkt gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.“
Wie schwer fällt es Ihnen, beim Schreiben Anfang oder Ende zu finden?
Das Schwierigste ist, einen Anfang zu finden, und es hilft immer, wenn man das Ende kennt. Aber wenn man zu viel im Voraus weiß, wird es auch gefährlich, denn dann begibt man sich leicht auf eine Art Trampelpfad. Schreiben ist immer eine Gratwanderung des Vorgefertigten und Nicht-Vorgefertigten. Man kartografiert. Ganz schlimm finde ich Literatur, die am Reißbrett entstanden ist, die nur einer Konstruktion folgt. Das ist etwas, das mich überhaupt nicht interessiert.
Mit dem Namen Kafka ist immer auch eine gewisse Schwere und Düsterkeit verbunden. Ihre Serie sucht bewusst den Kontrast dazu.
Es war uns sehr wichtig, dass wir nicht dieses Klischee verfolgen, dass den armen, zermarterten, traurigen, im Albtraum der Bürokratie dahinsiechenden Kafka zeigt, weil es einfach nicht stimmt. Beispielsweise die Versicherung, die in seinen Werken gerne als dunkler Schlund der Bürokratie dargestellt wird, war in Wirklichkeit ein arbeitsfreundlicher Betrieb, auch ein Ort, wo er bewundert wurde. Er hat dort Karriere gemacht, er war sehr gut in seinem Beruf. Er war im Grunde auch ein sehr moderner Mensch, diese Bindungsangst, auch sein Vegetarier-Dasein, all das sind Beweise dafür. In der Hinsicht wollten wir mit dem typischen Kafka-Bild etwas aufräumen, um die Menschen neu an sein Werk und an seine Person heranzuführen.
Dennoch haben die Szenen, in denen Sie seine Werke wie „Die Verwandlung“ oder „Das Schloss“ einbeziehen, etwas Befremdliches, fast schon Übersinnliches an sich.
Es gibt im Grunde keinen Unterschied zwischen dem Leben von Kafka und den fiktionalen Ebenen. Aber die Werkpassagen sind oft Filmzitate, denn Kafka war ein sehr cineastischer Schriftsteller, der auch selbst viel im Kino war. „Der Prozess“, zum Beispiel, bezieht sich auf Alphaville von Jean-Luc Godard. „Das Urteil“ orientiert sich vom Licht her sehr an Suspiria. Der Roman „Das Schloss“ ist aus dem direkten Einfluss von Nosferatu entstanden. Man kann das Buch auch als Persiflage von Vampirromanen lesen, die damals sehr angesagt waren. Diesen Aspekt haben wir visuell nachzuempfinden versucht, um der Literatur eine eigene Ebene zu geben, die sich jedoch nicht von der Realität abhebt, sondern immer eine Verschränkung bleibt.
Joel Basman spielt Franz Kafka mit einem großen Charme, einem Witz und einer wunderbaren Energie. Was haben Sie in ihm gesehen, das ihn für die Rolle so passend macht?
Ich habe mich sehr lange gefragt, wer Kafka spielen soll. Denn ich finde es grundsätzlich wahnsinnig schwierig, Schauspieler zu finden, die gut darin sind, Wissenschaftler oder Schriftsteller zu verkörpern. Das ist oft sehr problematisch in Filmen. Nur bei Kafka ist es noch komplizierter, weil sich sowohl die Welt, die er repräsentiert, als auch die Tiefe seiner Literatur in der Figur widerspiegeln müssen. Plötzlich tauchte Joel innerhalb von einer Woche auf verschiedenen Ebenen auf, in verschiedenen Gesprächen. Im Nachhinein habe ich das als ein Zeichen wahrgenommen. Aber eigentlich war mir nach unserem ersten Treffen klar: Bei ihm war der Idealfall der physiognomischen Ähnlichkeit gegeben, und gleichzeitig hat man es auch in seiner Seele gesehen, dass er Kafka in sich finden wird. Die Herausforderung bei der Figur ist, dass derjenige, der sie spielt, eine besondere Ausstrahlung haben muss, die ihn von seinem Umfeld abhebt, aber trotzdem nicht auffällig ist – im exzentrischen Sinn. Kafka hat etwas Reines. Etwas Egoloses. Authentisches. Unverstelltes. Klares. Bescheidenes. Und ist trotzdem sehr charismatisch. Das ist, wie gesagt, nicht leicht zu finden, aber Joel hat das alles mitgebracht.
Kafkas Schriften zählen zu den großen Werken der Weltliteratur. Denken Sie, es ist heute manchmal sinnvoller, sich auf die Klassiker zurückzubesinnen, als sich diesem Überfluss an neuem Content hinzugeben, der uns entgegenströmt?
Die Klassiker sind deswegen Klassiker, weil sie schon mal einer Art Selektionsprozess standgehalten haben und sich auf irgendeine Art und Weise durchgesetzt haben. Entweder, weil sie etwas sehr Wichtiges thematisieren oder formal besonders sind. Oder weil sie etwas Neues repräsentierten. Bahnbrechend waren. Zeitlose Qualität. Klassiker stehen auch oft in Verbindung zueinander. Beckett wäre ohne Kafka nicht denkbar, trotzdem hat er etwas ganz Eigenes geschaffen.
Was macht Kafkas Literatur so zeitlos?
Die Situationen, die er in seinen Geschichten schafft – jemand wird verhaftet, ohne dass er weiß, warum, oder jemand verwandelt sich in ein Ungeziefer und schämt sich dafür –, das sind alles Thematiken, mit denen wir uns auch heute identifizieren können. Und Kafka beschreibt sie in Bildern, die ästhetisch keinen äußerlichen Modeerscheinungen unterworfen sind, sondern die gänzlich im Inneren eines Menschen spielen. Es ist in dem Sinne nicht nur eine klassische, sondern eine ewige Literatur.
Sie sind selbst sehr produktiv. Sie schreiben, Sie drehen fürs Kino und fürs Fernsehen. Woher kommt dieser Produktionswahn? Haben Sie das Gefühl, sich selbst immer wieder neu erfinden zu müssen?
Ich weiß nicht, ob ich es als Produktionswahn bezeichnen würde. Aber für mich ist der Beruf, zu dem das Schreiben wie die Regie gehört, eine Art Reise und ein Mehrwert im Leben. Darin liegt eine Welt, die ich meinem banalen Dasein, das total langweilig ist, hinzufügen kann. Für mich ist das Drehen auch eine Art der Sozialisierung mit Menschen. Es gibt nichts Schöneres, als sich mit anderen zusammenzutun, wenn man eine gemeinsame Aufgabe hat. Deshalb empfinde ich meine Arbeit letztendlich auch als mehr als einen Beruf, weil ich mir gar nicht vorstellen könnte, jemals etwas anderes zu machen.
Sie haben sich in letzter Zeit auf Serien konzentriert. Fühlen Sie sich in dem Format am ehesten zu Hause?
Ich sage mir nach jeder Serie, dass es die letzte war, und dann stolpere ich irgendwie wieder in die nächste hinein. Geplant ist das nicht. Zumal es mit zunehmendem Alter stets anstrengender wird, sechs Monate ohne Pause zu drehen. Vor allem, weil es sich jedes Mal anfühlt, als hätte man vier Spielfilme nacheinander produziert. Auf der anderen Seite ist es toll, so eine weitläufige Erzählfläche zur Verfügung zu haben. Aber ich werde nächstes Jahr noch eine Serie drehen und mich dann mehr dem Kinofilm zuwenden. Nach sechs Serien tut die Abwechslung gut.
„Kafka“ ist eine Gemeinschaftsproduktion von ARD und ORF. Glauben Sie, dass bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten mittlerweile mehr Risikobereitschaft herrscht als noch vor zehn Jahren? Nicht nur, was den Serienbereich angeht.
Ich kann das nicht so pauschal beantworten, weil jedes Projekt seinen eigenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Man muss sich die Freiheit tatsächlich jedes Mal neu erkämpfen. Man steckt immer in einer anderen Konstellation als vorher. Es hat viel mit den handelnden Menschen zu tun, und auch die sind immer andere. Aber ich glaube, die Öffentlich-Rechtlichen haben sich natürlich in den letzten Jahren neu definiert, weil sie mit den Streamingdiensten sehr stark konkurrieren und sich mit Fragen auseinandersetzen müssen wie: Wer soll in Zukunft unser Publikum sein? Was interessiert die Leute? Und was heißt das für unser Programm? Und was ist unsere Verantwortung? Das ist ein Diskurs, der sich ständig bewegt und der letztendlich nie endgültig abgeschlossen ist. Was man sagen kann, ist, dass Kafka niemals auf Netflix laufen würde. Es ist ein einzigartiges öffentlich-rechtliches Programm, das ganz sicher woanders nicht möglich gewesen wäre. Und das sagt schon einiges aus.
