Darren Aronofskys im New York der 1990er-Jahre angesiedelter Gangster-Thriller „Caught Stealing“ hat Charme und Biss. In den Hauptrollen brillieren Austin Butler, Matt Smith und Zoë Kravitz.
He’s a biter“, warnt Hank (Austin Butler). Aber da ist es schon zu spät. Der Kater seines Nachbarn Russ (Matt Smith) lässt sich nicht von jedem streicheln, fremde Menschen sind ihm suspekt. Dann beißt und faucht er wie ein Tiger, greift aus der Deckung an und verschwindet wieder unters Sofa. Als stiller Beobachter, ohne anzuklagen. Auch an Hank muss sich das Tier erst gewöhnen. Russ ist gerade überstürzt nach London aufgebrochen, weil sein Vater einen Schlaganfall hatte. Es sieht angeblich nicht gut aus. Als der Brite mit dem Irokesenhaarschnitt den Kater bei Hank absetzt, wirkt er völlig aufgelöst. Russ mag ein Hardcore-Punk sein, aber mit einem weichen Kern. Zu Hank hat er Vertrauen, ihn hält er für einen zuverlässigen Kerl.
Was die beiden verbindet: Ihre gebrochenen Seelen. Der eine ist ein verpeilter Revoluzzer, der andere vom Leben bitter enttäuscht. Denn in seiner Jugend sollte aus Hank ein Profi-Baseballspieler werden. Doch dann setzte er selbst seine vielversprechende Zukunft buchstäblich gegen den Baum. Nach einem schweren Unfall, bei dem sein bester Freund ums Leben kam, war sein rechtes Knie zertrümmert. Aus der Traum. Ende der neunziger Jahre steht er nun in der New Yorker Lower East Side jede Nacht im Dauerrausch hinter der Theke – oder darauf – und spült sein Selbstmitleid mit Wodka und Bier herunter. Manchmal kommt seine neue Freundin Yvonne (Zoë Kravitz) nach der Schicht noch zum Sex vorbei.
Kaum ist Russ verschwunden, tauchen zwei Schläger vor seinem Apartment auf. Weil dessen Wohnung jedoch leer ist, nehmen sie sich Hank zur Brust. So heftig sogar, dass ihm anschließend im Krankenhaus eine Niere entfernt werden muss. Die Polizistin (Regina King), die Hank zu dem Vorfall befragt, ist im Bezirk auf Drogendelikte spezialisiert. Sie klärt ihn über die aktuellen Mafia-Kriege auf. Als sie während des Gesprächs in Hanks Küche die Katze entdeckt, streckt sie die Hand nach ihr aus. „He‘s …“, will er gerade noch ansetzen. Autsch.
Den vollständigen Artikel lesen Sie in unserer Printausgabe 09/25.
Intensive Erfahrungen
Caught Stealing verschwendet nicht viel Zeit, um zur Sache zu kommen: Darren Aronofsky ist auch im bisher ungewohnten Metier des Gangsterfilms ganz bei sich. Der Hang zu Extrem-erfahrungen gehört zu den Markenzeichen des Regisseurs. Vom Suchtdrama Requiem for a Dream (2000) über den im Milieu des klassischen Balletts spielenden Thrillers Black Swan (2010) bis hin zu seinem widersprüchlichen Horror-Szenario Mother! (2017) – nie macht es sich der 1969 geborene New Yorker einfach. Mit seiner unerbittlichen Erzählweise unterzieht er sich selbst und seine Figuren, egal in welchem Kontext, jedes Mal aufs Neue einer schonungslosen Tortur.
Diesmal trifft es also Hank, der in der Buchvorlage von Charlie Huston noch Henry Thompson hieß. Huston hat seinen Debütroman für Aronofsky umgeschrieben und Austin Butler gibt ihm das passende Gesicht. Und nicht nur das: Sein zusehends schlimmer malträtierter Körper macht den gejagten Antihelden perfekt. Hank muss bald für alles herhalten, dem Russ aufgrund seiner Abwesenheit entgeht. Wie so oft und typisch für das vorgegebene Genre sind seine Verfolger auf der Suche nach einer Menge Geld. Russ soll es versteckt haben, nur wie und wo ist unklar. Hank weiß von nichts, muss aber rasch die einzelnen Puzzleteile des Rätsels zusammensetzen, wenn er seine Haut retten will. Dass mit den brutalen Typen, die ihm auf der Spur sind, nicht zu spaßen ist, bekommt er umso schmerzlicher zu spüren, als er Yvonne zur Warnung mit einer Kugel im Kopf in ihrem Apartment entdeckt.
Darren Aronofsky ist kein Regisseur, der die Dinge behübscht. Auch jegliche Nostalgie dem vorliegenden Genre gegenüber ist nicht seine Sache. Er agiert, wie es die britische Zeitung „The Guardian“ einmal trefflich beschrieb, eher wie „der wildgewordene Stier des amerikanischen Kinos“, stets entschlossen, das Publikum gleichermaßen zu bestürzen und zu beeindrucken. Dieses Talent zeigte sich bereits 1998 in seinem Debütfilm Pi, in dem er eine intellektuelle Prämisse (die Geschichte handelte von einem Mathematiker, der Muster in der Thora studiert) in eine paranoide Fantasie verwandelte – und es setzt sich bis heute nahtlos in seiner Filmografie fort. Unlängst verschaffte er Brendan Fraser in der Hauptrolle von The Whale auf diese Weise ein fulminantes Comeback, das für den Schauspieler schließlich in einem Oscargewinn gipfelte.
Austin Butler hat bei den kommenden Academy Awards ähnlich gute Chancen auf eine Würdigung seiner darstellerischen Leistung in Caught Stealing. Der 1991 geborene Kalifornier war die große Überraschung in Baz Luhrmanns Elvis-Biopic vor drei Jahren. Aus dem Newcomer wurde über Nacht ein Kino-Rockstar, mit einem Golden Globe als Bester Darsteller sowie einer ersten Oscarnominierung. Nicht schlecht für einen jungen Aufsteiger, der seine Karriere mit kleinen Auftritten in Sitcoms begann. Jeff Nichols setzte ihn anschließend in Bikeriders auf eine Harley – auch im James-Dean-Look machte er eine gute Figur. Man spürte, wie sehr Butler für die Geschichte, die Figuren, die Zeit brannte, um die es in dem Drama geht. Und mit der gleichen Intensität lässt er sich nun für Aronofsky auf Hank ein. Wild entschlossen aus dem Dilemma, in das er sich unverhofft katapultiert hat, lebend herauszukommen, macht er jeden noch so raffinierten Plot-Twist mit, den sein Regisseur ihm in den Weg legt.
Filmarbeit als Lebensprinzip
Dazu pulsiert immer wieder die Musik der englischen Post-Punk-Band Idles, die den Soundtrack zum Film beigesteuert hat. Sie passt perfekt zu Bildern einer heruntergekommenen New Yorker Nachbarschaft, die schon lange keine guten Zeiten mehr gesehen hat. Aronofsky selbst wuchs in Manhattan Beach, South Brooklyn, als Sohn zweier Lehrer auf. Seine erste Begegnung mit Kunst und Kultur waren die Broadway-Musicals, die er mit seiner Mutter besuchte, Shows wie „The Best Little Whorehouse in Texas“. Damals wusste er noch nicht, was ein Bordell war.
Ein paar Kilometer von seinem Zuhause entfernt lag der Vergnügungspark in Coney Island, wo die Luft nach Salzlake und Zuckerwatte roch. Er fuhr dort mit der Cyclone-Achterbahn, im Sommer manchmal an die zwanzig Mal am Tag. Diese Erfahrung hat ihn seitdem nie mehr losgelassen. Sie mag die Adrenalinsucht erklären, die seinen Filmen stets innewohnt.
Die Stimmung in Caught Stealing ist ähnlich elektrifizierend wie ein Rummelplatz-Besuch. Hank ist umzingelt von zwielichtigen Charakteren, von denen keiner etwas Gutes im Schilde führt. Regina King hat als abgebrühte Ermittlerin ein hinterlistiges Doppelspiel am Laufen und Liev Schreiber entpuppt sich als knallharter jüdischer Gangster mit Schlagfertigkeit und Traditionsbewusstsein. Auch Matt Smith taucht später wieder auf, und in dem Moment nimmt die skurrile Geschichte noch einmal richtig Fahrt auf.
Darren Aronofsky hat dabei offensichtlich ebenso viel Freude hinter der Kamera wie seine hervorragende Besetzung davor. Dass Filmemachen hart ist, steht außer Frage. Manche Regisseure würden sogar behaupten, es sei der blanke Horror. Aber Aronofsky war schon immer jemand, der am liebsten da hingeht, wo es wehtut – und der selbst spüren muss, dass seine Arbeit den höchstmöglichen Einsatz seiner intellektuellen, spirituellen und körperlichen Kräfte fordert. „Ich liebe es, Filme zu drehen“, sagt er. „Das sind die Momente, an die man sein ganzes Leben lang zurückdenkt. Ich erinnere mich noch genau an bestimmte Szenen aus Requiem for a Dream, bis hin zu dem Hemd, das ich an diesem Tag trug. Und ich habe es heute immer noch so klar vor Augen, weil das Gehirn in dem Moment auf Hochtouren läuft. Weil man genau in diesem Moment lebt.“
Es ist jene absolute künstlerische Hingabe, die auch Caught Stealing durchfließt. In jeder Einstellung weiß Aronofsky genau, was er tut. An manchen Stellen hätte man das Katz-und-Maus-Spiel sicher raffen können, aber keine Szene wirkt überflüssig, keine Einstellung zu viel. „If you can’t bite, never show your teeth“, ist ein Satz der später im Film einmal fällt. Für den Kater von Russ gilt das Sprichwort nicht. Und für Aronofsky noch weniger. Caught Stealing zeigt vor allem eines: Biss.
