Das 25. Bond-Abenteuer: Versuch einer spoilerfreien Zusammenfassung.
Einen James-Bond-Film zu kritisieren, speziell diesen, der mit so viel „Gepäck“ rundherum daherkommt (der 25. in der altgedienten Reihe, Daniel Craigs letzter, etliche Corona-bedingte Verschiebungen, kolportierter Verkauf an eine Streaming-Plattform), ist eine harte Nuss, vor allem für jemanden, der findet, dass – ausgerechnet – Tom Cruise mit seiner Mission: Impossible-Franchise den traditionsreichen Briten schon seit längerem alt aussehen lässt. Und selbst Matt Damon als Jason Bourne hatte im Unzerstörbare-Agenten-Fach seine (besseren) Momente. Aber immerhin: Man muss Daniel Craig zugestehen, dass er in den 15 Jahren seines Wirkens als 007 das Maximum aus den immer komplexer, wenn auch nicht unbedingt schlüssiger werdenden Drehbüchern herausgeholt und auch die Figur vom albernen Macho-Gehabe des 20. Jahrhunderts erfolgreich ins seriösere Action-Helden-Fach hinübergerettet hat. Und auch die eine oder andere menschliche Facette hat er der Figur hinzugefügt, ganz besonders hier in diesem Film.
Bleiben wir bei den Tatsachen: Wie erwartet hat der famose Cary Joji Fukunaga, der erste US-Amerikaner, der bei einem Bond-Abenteuer Regie geführt hat, die Aufgabe mühelos bewältigt und das 250-bis-300-Millionen-Spektakel erfolgreich gestemmt. Auch der Story ist die Drehbucharbeit von Fukunaga und der britischen Wunder-Autorin Phoebe Waller-Bridge gut bekommen. Es beginnt mit einer längeren Rückblende, deren Sinn sich – eh klar – erst später erschließt, und dann geht es vergleichsweise schnörkellos dahin bis zum Grande Finale, sofern man das bei 163 Minuten Filmlänge sagen kann. Die berühmte Bond-Titelsequenz – es gab schon aufregendere – gibt es diesmal erst nach 25 Minuten, dazu Billy Eilishs zu hundert Prozent Bond-kompatiblen Song.
Zahlreiche spektakuläre Locations und knackige Actionsequenzen garnieren das Geschehen, die fulminanteste wohl in Santiago de Cuba, wo Bond nur dank der tatkräftigen Unterstützung der lokalen Agentin Paloma (Ana de Armas hat leider nur zehn, allerdings intensive Leinwand-Minuten) relativ ungeschoren davonkommt. Die üblichen Verdächtigen (Q, M, Moneypenny) sind ebenso dabei wie ein paar spektakuläre Neuzugänge. An erster Stelle zu nennen ist dabei natürlich Rami Malek als melancholisch-brutaler Oberbösewicht Lyutsifer Safin. Ihm zuzuschauen und zuzuhören, ist wie immer höchst lohnend, und je leiser er wird, desto bedrohlicher wird er. Dass es beim MI-6 eine neue Agentin namens 007 gibt (Bond war ja offiziell im Ruhestand, ehe man ihn auf Jamaika wieder aufgestöbert hat), sollte man vermutlich nicht überbewerten. Lashana Lynch bemüht sich in der Rolle tapfer, bekommt aber nicht allzu viel zu tun.
Was kann man noch ohne Spoilern sagen? Léa Seydoux spielt wie zuletzt Madeleine Swann, ihre Figur und ihre Beziehung zu Bond ist in No Time to Die sehr wichtig, Christoph Waltz glänzt als Ernst Stavro Blofeld und wirkt selbst im Hochsicherheitsgefängnis noch bedrohlich. Hans Zimmer lässt es, erwartbar, in seinem Score ordentlich dröhnen, und der Humor, vor allem im MI-6-Büro, ist spärlich, aber ganz fein, vor allem wenn Paloma beim Einsatz James das Hemd auszieht … mehr soll auch hier nicht verraten werden.
Es macht Spaß, Grenzen zu testen
Regisseur Cary Joji Fukunaga über „No Time to Die“, über die Arbeit mit Phoebe Waller-Bridge und über die Daniel-Craig-Nachfolge.
Interview – Dieter Oßwald
Mister Fukunaga, was hat Sie an 007 interessiert?
Mich haben viele Dinge interessiert. Allein schon die Tatsache, dass es ein neuer Bond mit Daniel sein würde, fand ich faszinierend. Ich traf mich mit Barbara Broccoli, der Produzentin, schon vor einigen Jahren und fragte sie damals, wie es ohne Daniel Craig mit Bond weitergehen würde. Wir plauderten über mögliche Nachfolger, aber keiner von denen konnte Daniel das Wasser reichen. Als Danny Boyle als Regisseur aus dem aktuellen Bond-Projekt ausstieg, schrieb ich Barbara und fragte, ob ich nicht in die Reihe möglicher Regie-Kandidaten aufgenommen werden könnte.
Was macht außer Daniel Craig für Sie den Reiz aus?
Wann hat man schon eine Figur, die solch eine Ikone ist wie James Bond? Wann hat man die Möglichkeit, ein letztes Kapitel in 007 zu schreiben? Gar nicht so reden von der immensen Größe dieser Produktion. Das ist wie lebendes Spielzeug in aufregenden Kulissen. Solch eine Chance kann man sich nicht entgehen lassen.
Wie lautet die Erfolgsformel für 007?
Das weiß ich nicht. Meine persönliche Formel lautet: Tue alles dafür, dass die Geschichte funktioniert. Eine gute Story ist immer entscheidend für den Erfolg. Ich kenne genügend spektakuläre Filme, bei denen ich mir dachte: An der Geschichte hätte man durchaus noch mehr arbeiten können!
Namen wie „Pussy Galore“ aus Connery-Zeiten wären heute undenkbar. Umgekehrt wäre ein zu politisch korrekter Bond kaum passend. Wie modernisiert man solch einen Genre-Dinosaurier, ohne dass er zum Weichei, zum Woke 007 gerät?
Daniel hat dabei in seinen vorigen Filmen schon sehr gute Arbeit geleistet. Er hat da seine ganz eigenen Ansichten. Nicht zufällig gibt es bereits in Casino Royale eine sehr starke, unabhängige Frauenfigur. Wir führen diese Tradition mit No Time to Die nun fort. Und das funktioniert eben nur mit einer guten Geschichte.
Am Drehbuch hat mit „Killing Eve“-Autorin Phoebe Waller-Bridge erstmals eine Frau mitgeschrieben. Gibt es mehr Frauenpower denn je in 007?
Das wäre die Vermutung, wann man von außen auf die Sache blickt. Tatsächlich gingen meine Gespräche mit Phoebe über wirklich alle möglichen Themen und jede der Figuren. Phoebe ist eine brillante Autorin, die sehr interessante Situationen entwickelt und für eine völlig ungewöhnliche Dynamik in den Szenen sorgt. Ihr besondere Blick für Konflikte macht die Sache für den Zuschauer sehr befriedigend.
In der aktuellen Dokumentation „Being James Bond“ klagt Produzentin Barbara Broccoli, dass jene homoerotische Anspielung zwischen Daniel Craig und Javier Bardem in „Skyfall“ nur schwierig beim Studio durchgesetzt werden konnte. Wie weit darf man gehen bei einem 007?
Es macht immer Spaß, Grenzen zu testen und zu verschieben. Jede unerwartete Handlung einer Figur macht sie doch umso interessanter. Allerdings darf das nicht auf Kosten der Glaubwürdigkeit gehen. Wenn man es übertreibt und nur auf den Effekt schielt, funktioniert es nicht. Man darf den Kontext und die Geschichte nicht aus den Augen verlieren.
Wie sehr spürten Sie den Erwartungsdruck bei den Dreharbeiten? Konnten Sie den ganzen Hype einfach ausknipsen?
Am Abend nach einem Drehtag interessieren mich nur die Ergebnisse der Arbeit, da denke ich nicht darüber nach, dass es sich um einen Film mit einem Budget von über 200 Millionen Dollar handelt. Ich konzentriere mich allein darauf, dass wir den Drehplan einhalten und jede Abteilung der Crew bestens vorbereitet ist.
Wie sentimental war der letzte Drehtag?
Der letzte Drehtag war sehr emotional, was mich überraschte. Üblicherweise ist der Abschlusstag nichts besonderes. Die einen denken an die Postproduktion, die anderen an ihre nächsten Projekte. Diesmal war es schon anders. Bond ist eben doch etwas besonderes. Erst recht, wenn es der letzte Bond mit Daniel ist. Zumal viele aus der Crew schon seit Casino Royale dabei sind. Man spürte am letzten Tag dann schon, dass hier eine Ära zu Ende ging. Erst fingen die Leute von der Maske an zu heulen, dann das Stunt-Double und schließlich auch Barbara Broccoli.
Was macht die besondere Qualität von Daniel Craig aus?
Daniel verfügt über eine sehr starke maskuline Präsenz. Zugleich zeigt er aber auch eine Verletzlichkeit. Er hat keine Scheu vor Gewalt, dennoch gibt es Momente, in denen er sich ganz öffnet. Er beherrscht Komplexität auf einem sehr hohen Niveau.
Wer wäre für Sie der passende Nachfolger?
(Lacht) Ich weiß es nicht. Darüber habe ich nie nachgedacht, weil ich diese Entscheidung nicht treffe. Zum Glück muss ich das nicht entscheiden, denn das kann nur eine Lose-Lose-Situation werden. Es wird immer Leute geben, die sofort enttäuscht vom Nachfolger sind. Die Frage ist: Wie viel Prozent der Leute möchte man enttäuschen? Ich war glücklich, dass ich mit Daniel Craig arbeiten konnte. Wer weiß, vielleicht kommt Daniel ja nochmals für einen weiteren Bond zurück.
