Die 26-jährige Regiedebütantin Eva Urthaler legt mit einem über weite Strecken sensibel inszenierten Coming-of-Age-Drama eine viel versprechende Talentprobe ab.
Nichts ist neu am Plot von Keller – Teenage Wasteland, der sich mit der äußeren und inneren Brutalität des Erwachsenwerdens auseinandersetzt: Der sensible, schüchterne Junge aus eher tristen Verhältnissen wird von einem oberflächlich selbstsicheren, wohlstandsverwahrlosten Schulkollegen zuerst magisch angezogen und muss sich am Ende zwischen seinem moralischen Gewissen und seinen verwirrten Gefühlen der Freundschaft entscheiden. Auf dem Weg zur Selbstfindung entführen die beiden Halbwüchsigen mehr zufällig als gewollt eine aufreizende Supermarktkassierin und halten sie in einer verlassenen Fabrikhalle gefangen. Aus dem Spiel mit dem moralisch wie sexuell Verbotenen wird schnell blutiger Ernst, das Ende ist abzusehen und unglaubwürdig, die eigentlichen Stärken des Films liegen auch definitiv nicht in der wenig überraschenden Story.
Vor allem in der ersten Hälfte gelingen der Regisseurin äußerst stimmige Bestandsaufnahmen der inneren Befindlichkeit von Jugendlichen, die auf der Suche nach Liebe und Sexualität vor allem verstanden werden wollen, um nicht allein alle schmerzlichen Erfahrungen machen zu müssen. Was die ungleichen Charaktere aneinander finden, ist ihre jeweilige Einsamkeit, ihre Lust, Grenzen zu entdecken und zu überschreiten. Die unprätentiöse und präzise Darstellung der beiden unverbrauchten Schauspieler und die genau beob-achteten Alltagsszenen in einem menschenleeren Vorstadt-Ödland erschaffen eine spannende Welt der Verführung und der Sehnsucht, vom italienischen Kameraveteranen Alfio Contini (Zabriskie Point) in meisterhafte Bilder gegossen.
Altmännerphantasien wie eine unnötige Masturbationsszene auf einer Waschmaschine des leider nicht mit der gleichen Sorgfalt wie die Hauptfiguren gezeichneten Entführungsopfers und der sinnlos durch den Film stolpernde Georg Friedrich in seiner Paraderolle als cholerischer Strizzi stören die psychologisch gut entwickelte Geschichte einer labilen Zweckgemeinschaft eher, als dass sie irgend etwas zum weiteren Spannungsaufbau beitragen. Im letzten Drittel nehmen die überkonstruierten Thrillerelemente zu Ungunsten der plausiblen inneren Entwicklung der Charaktere zu. Keller wird zu einem seltsamen Genrebastard aus Entwicklungs-drama und Thriller, alles wird ausgesprochen und auch gezeigt, die Ambivalenz der Gefühle in der Jugend macht allzu schnell einer zupackenden Sicherheit der Erwachsenen Platz.
