Filmkritik

Kind 44 / Child 44

| Alexandra Seitz |
Missglückter Politthriller, der sich mit seinem übereifrigen Bemühen um Tiefgang und Hintergrund selbst ein Bein stellt.

Gary Oldman hat viel zu wenig zu tun! In den wenigen Szenen, die ihm in der Rolle des General Michael Nesterow vergönnt sind, bringt er das ganze Elend eines rechtschaffenen Mannes zum Ausdruck, dem die Hände gebunden sind. Er darf das Richtige nicht tun, weil es das Falsche nicht geben kann. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Jedenfalls nicht in der Sowjetunion unter Stalin Anfang der Fünfziger Jahre. Schließlich hat das Beste aller Systeme die vom Kapital Geknechteten zu werktätigen Helden befreit, der Kommunismus hat den Arbeitern und Bauern das Paradies auf Erden geschaffen, ein neuer Mensch schreitet machtvoll aus in eine rotglühende Zukunft. Wer soll in einer solch tollen Welt Kinder umbringen? Und dann auch noch in Serie?

Daniel Espinosas in vielerlei Hinsicht verhunzter Thriller Child 44 basiert auf dem 2008 erschienenen, gleichnamigen Roman von Tom Rob Smith, der sich dazu wiederum vom verbrecherischen Leben Andrei Romanowitsch Tschikatilos (1936-1994) „inspirieren“ ließ – der sogenannte „Ripper von Rostow“ beging seine über 50 bestialischen Morde an Buben, Mädchen und jungen Frauen allerdings nicht in der Stalin-Zeit, sondern zwischen 1978 und 1990.

Sei’s drum. Der zurück verlegte Handlungszeitraum hält formidable Möglichkeiten zur Paranoia-Verstärkung und zu verschwörungstheoretischem Spintisieren bereit; schließlich war unter Stalin ein Gewissen reinster Luxus und Wahrheit so wenig erwünscht wie Kritik. Auch Geheimdienstoffizier Leo Demidow (Tom Hardy) muss das feststellen, als er beim Vertuschen einen der Kindermorde, die die Obrigkeit beunruhigen, zu wenig Elan an den Tag legt und ins Arbeitslager verbannt wird. Wo er auf Nesterow trifft – dessen Resignation ebensogut Oldmans Resignation über das fehlende Regiekonzept sein könnte – und sich mit diesem gemeinsam ans Werk macht, dem Unhold das Handwerk zu legen.

Außer dieser Geschichte versucht Espinosa noch ungefähr hundert andere zu erzählen. Was natürlich schief geht. Mal gibt es hier ein bißchen historischen Hintergrund, dann dort ein wenig Liebesmelo, es gibt Rückblenden und Parallelhandlungen, dann wieder werden Ausflüge in den Detektivfilm, den Politthriller, das Psychodrama, die Sozialstudie unternommen. Zwischendurch darf natürlich auch ein wenig Action nicht fehlen. Es geht zu wie auf dem Basar. Oder wie im Gemischtwarenladen. Jedenfalls nicht wie in einem guten Film. Und Gary Oldman hat viel zu wenig zu tun!