La-Maternal
La Maternal, Foto: © Inicia Films

Filmfestival

Kino als Absage ans Alleinsein

| Jakob Dibold |
Ein Rückblick auf das 32. IFFI in Innsbruck, ein Fest des Films in all seinen Facetten

Das 32. International Film Festival Innsbruck erfüllte vor allem das Leokino mit Leben und spürbarer Leidenschaft für die Kunst, die auf Leinwände projiziert wird. Eben dieses, De-Facto-Festivalzentrum und Hauptspielstätte in einem, aber auch die kleine Ein-Saal-Perle Cinematograph in unmittelbarer Bahnhofnähe wurden abermals mit zahlreichen solcher Kunstwerke bespielt, die allermeisten davon waren zum ersten Mal in der Stadt zu sehen.

Angesichts des vielen frischen filmischen Winds standen die Jurys der Wettbewerbe vor teils immens schweren Entscheidungen – zumindest aus der Außenperspektive kann es nicht leicht gewesen sein, sich auf jeweils nur einen Gewinnerfilm zu einigen. So wurden im Spielfilmwettbewerb die spanische Filmemacherin Pilar Palomero und ihr zweiter Langfilm La Maternal zwar verdient ausgezeichnet. Palomeros Inszenierung von Teenie-Schwangerschaft und der dafür errichteten fürsorglichen Infrastruktur funktioniert nicht nur dank der beeindruckenden Darbietung der Jungschauspielerin Carla Quílez in der Hauptrolle, sondern überzeugt durch eine Dramaturgie, die sich nicht an klassischen Bausteinen des Genres (Familien-)Drama sowie deren Abfolgen abarbeitet. Die unverschleierte Betonung der Echtheit der gezeigten „Probleme“, der Realität der jugendlichen Mütter fügen sich darin hervorragend ein.

Gleichzeitig hätten auch andere Filme den am höchsten dotierten Preis ebenso verdient. Mato seco em chamas (R: Adirley Queirós & Joana Pimenta) mit seinen faszinierenden Bildern einer von indigenen Frauen angeeigneten verlassenen Raffinerie, ein packende Favela-Sozialstudie voll politischem Rebellionsgeist und überdies ein non-fiktionales Schwesterndrama. Los reyes del mundo (R: Laura Mora Ortega) und seine mitreißende Reise einer jungen Freundesgruppe, deren Hauptcharakter endlich Land restituiert bekommen soll, vom elternlosen Leben in Medellín gen Hoffnung. Der von Kivu Ruhorahoza als komplexe und unbequeme Dreiecksgeschichte punktgenau in Szene gesetzte Father’s Day. Und auch Family (R: Don Palathara) dessen kompromisslose Stilisierung aber vielleicht etwas übers Ziel hinausschießt oder Butterfly Vision (R: Maksym Nakonechnyi) – vor allem wegen schlauer visueller Ideen im Gedächtnis bleibend, weil thematisch ein klein wenig gar „voll“ – bereicherten die Auswahl.

Als nicht minder vielseitig und toll anzusehen offenbarten sich die Werke des Dokumentarfilmwettbewerbs. Or de vie sticht dabei aufgrund seines so gekonnten wie diversen Einsatzes der Mittel des Kinos ebenso hervor wie durch sein abenteuerliches Setting einer Goldmine in Burkina Faso, in dem sich Ahnungen von Horrorfilm in einen Film der Arbeit und des Heranwachsens einschleichen. Regisseur Boubacar Sangaré, der die Arbeit in dieser Mine selbst kennt, war zu Gast und beantwortete viele sehr interessierte Hintergrund-Fragen. Le Spectre de Boko Haram (R: Cyrielle Raingou) erzählt den Alltag von Kindern in einem kamerunischen Dorf, das wegen der nahen Bedrohung durch Boko Haram vom Militär geschützt wird und kann dabei ebenfalls nicht nur mit markerschütternder Intimität, sondern auch mit feinfühligen Kompositionen aufwarten. In nur knapp über einer Stunde Laufzeit zieht Al-Yad Al-Khadra (R: Jumana Manna) in den Bann, dank exzeptionellen Gespürs für die Atmosphäre eines Ortes und die Bedeutung im Kleinen für das Große. Während die sehr intime Begleitung des Lebens einer Gruppe Studenten an der Universität von Bangui, Zentrafrikanische Rep., im Zuge derer sowohl die Korruption der Professoren und der Leitung als auch Zukunftshoffnungen sowie Grenz-Fragen hinsichtlich Filmfiguren und Freundschaft zutage treten, Nous, Étudiants! (R: Rafiki Fariala), mit einer Lobenden Erwähnung bedacht wurde, entschied sich die Jury dafür, Theo Montoyas Anhell69 mit dem Preis auszuzeichnen. Oszillierend zwischen hypnotisch-fantasievollem Kino der Nacht und konzeptuell geradlinigen Einblicken in menschliches Innenleben, überzeugte Queerness und tödlichen Gefahren ausgesetzte Jugend, unterhält sein bereits vielfach prämierter Film unter die Haut gehend. Wie auch La Maternal stellt somit auch der Gewinnerfilm des zweiten „Haupt“-Wettbewerbs die Frage nach der Trennung von Spiel- und Dokumentarfilm in den Raum – im Rahmenprogramm des Festivals fand zu diesem Thema unter dem Titel „Die Auflösung eines Grenzsteins“ eine Diskussion statt. Montoyas Anhell69 (benannt nach einem Instagram-Account-Name) bleibt ein Film, den es sich zu entdecken lohnt, ein Film, für den man sich einen zumindest kleinen regulären Kinostart doch sehr wünschen würde (wobei dies auf viele Filme des Festivals zutrifft). Eine nächste einmalige Gelegenheit bietet sich jedenfalls in Wien am 14. Juli bei Kaleidoskop – Film und Freiluft am Karlsplatz.

Schon ab dieser Woche außerhalb von Festivals im Kino (Verleih: Stadtkino Wien) lässt sich Wolf and Dog von Cláudia Varejão bestaunen, der Siegerfilm, den die Jugendjury des IFFI #32 gekürt hat. In oft zauberhaft schönen Einstellungen lernen wir darin vor allem zwei junge Menschen kennen, die konfrontiert mit Erwartungshaltungen und Traditionen einen persönlichen Weg einschlagen, der nicht ohne Hindernisse zu Befreiungen führt. Neben nicht-heteronormativer Coming-of-Age-Story finden sich darin auch leise Anstöße, über „Paradies“-Tourismus und Lebens-Räume nachzudenken.

Im neu ins Leben gerufenen Kurzfilmwettbewerb wurde mit Nazarbazi von Maryam Tafarkory hingegen eine Arbeit prämiert, die das Leben und seine Orte im direkten Bezug zum Kino untersucht, dies einnehmend-essayistisch: Die flackernde Found-Footage-Montage untersucht die Rolle der Frau im Iran anhand ihrer Rolle im Film; Strategien der bildlichen Verbotsumgehung legen hier ebenso poetisch wie pamphletisch leidenschaftlichen Drang zur Auflehnung offen.

Und vielleicht auch, weil im Gesamtprogramm doch eher der Ernst und das Nachdenkliche dominierten, ging als beliebtester Film des Publikum-Votings mit Antonio Lukichs Luxembourg, Luxembourg ein Werk hervor, bei dem der Kinosaal teils ausgelassen, teils ungläubig lachen konnte. Wobei das keineswegs heißt, dass der Film „nur“ unglaublich lustig ist – Lukichs zweiter Langfilm, der sich um überaus ungleiche ukrainische Zwillingsbrüder dreht, deren lange ausgewanderter Vater im Sterben liegt, ist auch cineastisch ein Volltreffer. Vor allem die Ausstattung und die Freude an der Bildkomposition heben die Tragikomödie, die auch Gesellschaftssatire ist, auf ein beachtliches Level. Nicht nur für den Humor des Films, eine höchst gelungene Mischung aus visuellem Witz, Situationskomik, trockener Narration und Slapstick, nannte Lukich im ausgiebigen Q&A – in dem ebenso autobiografische Elemente und die Arbeit mit den Hauptdarstellern (in der Ukraine bekannte Rapper und tatsächlich Zwillinge) besprochen wurden – die Coen Brothers als Inspirationsquelle.

Last, not least werden nicht nur die „kompetitiven“ Sektionen von IFFI #32 in Erinnerung bleiben, im Programm fanden sich viele weitere Entdeckungen, wie etwa die überaus charmante, schräge Sommercomedy A vida são dois dias von Leonardo Mouramateus, in der sich Zufälle und Betrügereien wie Buchseiten im Luftzug abwechseln. Der Theater- und Filmemacher Jan-Christoph Gockel war mit zwei Projekten – Die Revolution frisst ihre Kinder! und Coltan Fieber: Connecting People – vertreten, jeweils eindrücklich-gewitzte Versuche eines anti-kolonialen und solidarischen Kunstschaffens. Und selbstverständlich konnte auch die Retrospektive, die sich beim IFFI immer gleichsam außerhalb der Vorführsäle visuell manifestiert und auch Festivalmotto ist, das thematisch auf alle Programmschienen durchfärbt, wieder mit Besonderem aufwarten: mit Filmen und Arbeiten an den Schnittstellen zur Bildenden Kunst und zu den Naturwissenschaften, deren Bandbreite von audiovisuellen Collagen bis zu Dokumenten künstlerischer Forschung reichte. „We are not alone“ bot ausgesprochen viel Raum für Experiment und Spekulation, einerseits viel Wissen von Menschen aus indigenen Bevölkerungsgruppen, Erfahrungen des Einklangs mit der Natur und des Verbunden-Seins von Organismen (etwa Shuku Shukuwe; Forest Mind), andererseits Tiere als Hauptakteure (etwa Pulse; Becoming Animal). Außerdem wurde der Hintergrund der menschlichen Ausbeutung eben jener Strukturen, in denen Homo Sapiens eingebettet ist, in den Fokus gerückt. Neben einigen anderen strahlten dabei die beiden Filme von Ana Vaz heraus, Olhe bem as montanhas und É noite na América. Höhlen und Zeichen der Zeiten; die Rückkehr der Tiere; Highways, die eigentlich Dschungel sind: „Unsere“ Welt wird im Kino von Ana Vaz als das Mysterium klar, das sie uns im Grunde stets bleiben wird, und das wir fortlaufend mit völlig neu gedachter Neugier ergründen sollen.