Keine Spur von Sommerloch: Juli und August bringen sowohl mit Spannung erwartete neue Blockbuster als auch zahlreiche Open-Air-Kino-Reihen, dank denen sommerliche Nächte mit zeitlosen Klassikern und aktuellen Geheimtipps verbracht werden können. Im Folgenden eine kleine, aber feine Selektion.
BARBIE
Greta Gerwig
Greta Gerwig bringt uns diesen Sommer, worauf alle puppennärrischen Menschen schon immer gewartet haben: Eine Barbie in einer existenziellen Krise. Ob wir das wirklich brauchen, bleibt dahingestellt. Sicher ist, dass sich eine solche Gelegenheit halb Hollywood nicht entgehen lassen wollte. Neben Margot Robbie als Barbie und Ryan Gosling als Ken treffen wir auch America Ferrera, Kate McKinnon, Michael Cera, Will Ferrell u.v.m. in der Barbie-Welt. Das Drehbuch, das Gerwig gemeinsam mit Noah Baumbach geschrieben hat, erzählt die Geschichte des Puppen-Icons als Komödie, in der Ken und Barbie in einem Akt der Neugier das Plastikwunderland verlassen und die vermeintliche Realität kennenlernen. Bald kommen die beiden dahinter, dass mit der neuen Wirklichkeit einige Fauxpas verbunden sind … Der Kultpuppe von Ruth Handler sollte schon seit knapp zehn Jahren ein Film gewidmet werden. Mit Barbie bekommt dieser Wunsch endlich seine knallpinke Realisierung. Mit dem Teaser, der mit viel Tamtam eine Kubrick-Hommage zeigt, beweist die amerikanische Regisseurin zumindest Humor. Was die vor Unmengen Rosa triefenden Trailer betrifft, kann man nur hoffen, dass Barbie die von Greta Gerwig bekannte feministische Handschrift verpasst bekommt. (Ania Gleich)
Kinostart: 21. Juli
C’era una volta il West
Sergio Leone
Gerade einmal sieben Filme hat Sergio Leone im Verlauf seiner Karriere gedreht, doch mit diesem Œuvre hinterließ er große Spuren in der Filmgeschichte. Mit Per un pugno di dollari (Für eine Handvoll Dollar) – und den beiden darauf folgenden Regie-arbeiten – begründete er gleichsam den Italo-Western, wobei niemand die Kombination aus (Sub)-Genrekino, Stilisierung und Meta-Ebene so zu meistern verstand wie Leone. Auch in seiner „Amerika“-Trilogie, die mit C’era una volta il West (Spiel mir das Lied vom Tod) ihren Auftakt erlebt, spielen diese Elemente eine zentrale Rolle. Doch C’era una volta il West (zu sehen bei „Kino wie noch nie“ am 17. und 18. August) ist vor allem Western als große Oper, manche Sequenzen inszenierte Leone bereits entlang fertiger Teile des von Ennio Morricone komponierten Scores. Etliche Szenen der epischen Geschichte um die – gewaltsame – Besiedelung des amerikanischen Westens haben mittlerweile ikonischen Status. Etwa wenn Henry Fonda – im Hollywood-Kino die Verkörperung des „guten“ Amerikaners – in der Rolle eines skrupellosen Revolverhelds einen kleinen Buben erschießt und dabei das Gesicht zu einem diabolischen Grinsen verzieht. (Jörg Schiffauer)
Oppenheimer
Christopher Nolan
Now I am become Death, the destroyer of worlds.“ Dieser Satz aus einer zentralen Schrift des Hinduismus kam J. Robert Oppenheimer in den Sinn, als er sich angesichts des erfolgreichen Atombombentests am 16. Juli 1945 vergegenwärtigte, welche Kräfte er und seine Kollegen da entfacht hatten. Drei Jahre zuvor war Oppenheimer, eine Koryphäe der theoretischen Physik, mit der Leitung des Manhattan-Projekts betraut worden, in dessen Rahmen die besten wissenschaftlichen Köpfe in einem Komplex in Los Alamos, New Mexico zusammengezogen wurden, um eine Nuklearwaffe für die US-Streitkräfte zu entwickeln. Angesichts der Verwüstungen, die besagte Waffe in Hiroshima und Nagasaki anrichtete, begann Oppenheimer jedoch, das atomare Rüsten kritisch zu betrachten. Der „Vater der Atombombe“ geriet damit im Amerika der McCarthy-Ära jedoch selbst ins Kreuzfeuer. Christopher Nolan, einer der spannendsten Regisseure der Gegenwart, hat sich dieser Biographie mit Oppenheimer angenommen. Die Titelrolle spielt Cillian Murphy, mit Emily Blunt, Matt Damon, Robert Downey Jr., Rami Malek und Matthew Modine verpflichtete Nolan zudem ein exzellentes Ensemble. (Jörg Schiffauer)
Kinostart: 20. Juli
Anhell69
Theo Montoya
Theo Montoya wollte in seiner Heimatstadt eigentlich eine Art Horror-B-Movie mit Vampiren drehen, doch die Lebensrealität seines jungen Casts stürzte das Projekt in eine andere Richtung. Nachdem der designierte Hauptdarsteller, den Montoya bereits in einem Kurzfilm porträtierte, einer Überdosis erlag, wandelte der Regisseur sein Vorhaben in eine experimentelle Reise ins Innere der rebellischen, queeren Jugend in Medellín um. Er porträtiert damit seine eigene Generation, die zwischen gesellschaftlicher Aussichtslosigkeit und ausgelassenen, betäubenden Räuschen in Kolumbiens zweitgrößter, von Gewalt und Drogen geplagten Stadt, immer weniger Zukunftschancen sieht. Weil die Ursprungsidee der Wirklichkeit leider nahe ist, verzweigen sich in Anhell69 intime Interviews und Einzelschicksale, die für eine größere Krise stehen, mit dem Fantastischen; Zwischenwesen mit rot leuchtenden Augen flirren durch die dunklen Straßen, der junge Filmemacher ruht im Sarg – und erweist seinem Vorbild Victor Gaviria (dem international wohl bekanntesten Regisseur Kolumbiens) mitunter direkt Reverenz. Auch das kann Dokumentarfilm sein: Hypnotisches Kino der Nacht. Zu sehen unter dem Stadthimmel Wiens, am 14. Juli bei Kaleidoskop – Film und Freiluft am Karlsplatz. (Jakob Dibold)
www.kaleidoskop.film
Mission Impossible – Dead Reckoning Part One
Christopher McQuarrie
Die Adaption der Sixties-Fernsehserie ist insofern ein Phänomen, als sie mit jedem Film besser wird. Teil 1 (1996) war trotz Brian De Palma am Regiestuhl Durchschnitt, Teil 2 (2000) trotz John Woo ein kreativer Absturz. Danach schien es, als hätte Star und Produzent Tom Cruise trotz guter Einspielergebnisse genug von seiner Rolle als Ami-Bond Ethan Hunt. Doch nach sechs Jahren Pause ging es mit Teil 3 langsam bergauf, und die Teile 4 bis 6 waren packendes Action-/Spionagekino mit tollen „set pieces“. Ein Trademark neben internationalen Schauplätzen, Agenten-Teamwork und den berühmten Masken: spektakuläre Stunts, die Cruise großteils selbst ausführte (in MI: Fallout brach er sich beim Sprung von einem Häuserdach den Fuß). In Dead Reckoning, angelegt als epischer Zweiteiler, muss Hunt nicht nur eine mörderische McGuffin-Waffe sicherstellen, sondern sich auch Geistern der Vergangenheit stellen – was durch die Rückkehr eines Kollegen/Widersachers aus Teil 1 verdeutlicht wird. Gedreht wurde u. a. in Italien, England und im Nahen Osten, Regie führt wieder Oscarpreisträger Christopher McQuarrie. Gespannt sein darf man auf einen Motorradstunt, bei dem Cruise nach dem Sprung über einen Klippe nur sechs Sekunden Zeit hatte, den Fallschirm zu öffnen. (Oliver Stangl)
Kinostart: 13. Juli
Ghost Dog: THE WAY OF THE SAMURAI
Jim Jarmusch
Jarmusch und Wu-Tang-Mastermind RZA formen eine Symphonie aus Hip-Hop und Mafia-Film: Der Auftragskiller Ghost Dog, herrlich eigenwillig verkörpert von Forest Whitaker, lebt nach den Samurai-Auslegungen des Buchs Hagakure und mit seinen Tauben auf einem der Dächer der Stadt. Nachdem er vom Jäger zum Gejagten wird, bleibt ihm keine andere Wahl, als zur Gegenoffensive überzugehen. Lediglich seinen Auftraggeber wird er stets verschonen – das gebietet der Kodex. Kultregisseur Jim Jarmusch, der Anfang dieses Jahres 70 Jahre alt wurde, inszeniert diesen Genre-Plot als kulturübergreifende Poesie des Archaischen, mit verspielten Überblendungen, Zeitlupenaction und dem für ihn typischen Interesse an charismatischen Sonderlingen. Die mächtige Mafia ist dabei eher eine Truppe rassistischer Nichtsnutze, die ihre Miete nicht zahlen kann, die Gewalt spiegelt sich in Cartoons, die Brieftaube fliegt zum Beat ihre Stadthimmelwege. Von den zahlreichen filmischen Hommagen ist jene an Melvilles Le samouraï die eindeutigste, auch eigenen Werken nickt Jarmusch freudig zu. Und seine urbanen Zufluchtsorte nahe den Wolken machen Ghost Dog natürlich zum perfekten Film für Kino am Dach, das ihn zur Feier der 20. Ausgabe nach 2004 nun wieder zeigt. (Jakob Dibold)
Insidious: The Red Door
Patrick Wilson
Ein Ehepaar und ihre drei Kinder beziehen ein neues Haus, doch schon bald muss die Familie feststellen, dass sich in dem schmucken Eigenheim mysteriöse Dinge abspielen. Als einer der Söhne ins Koma fällt, wird deutlich, dass die zunächst unerklärlichen Ereignisse zu einer gefährlichen Bedrohung für die Familie werden. James Wan, Regisseur des mittlerweile ikonischen Thrillers Saw (2004), gelang 2010 mit Insidious erneut ein veritabler Überraschungserfolg. Produziert mit dem schmalen Budget von 1,5 Millionen Dollar spielte Wans Variation des bekannten und bewährten Haunted-House-Motivs knapp 100 Millionen ein und zog bislang ein Sequel und zwei Prequels nach sich. Mit Insidious: The Red Door wird die unheimliche Saga nun fortgesetzt und erneut muss sich Familie Lambert Bedrohungen aus furchterregenden Parallelwelten stellen. Patrick Wilson verkörpert wieder die Rolle des Vaters, auch Rose Byrne als seine Ehefrau und Ty Simpkins als mittlerweile erwachsener Sohn begeben sich erneut auf einen Horrortrip. Wilson hat zudem mit dem nächsten Kapitel aus der „Insidious“-Reihe sein Debüt als Regisseur abgeliefert. (Jörg Schiffauer)
Kinostart 7. Juli
Geographies of Solitude
Jacquelyn Mills
In den siebziger Jahren besuchte die junge Zoe Lucas die rund 160 Kilometer vor der Küste der kanadischen Provinz Nova Scotia liegende Sable Island. Verlassen hat sie den sichelförmigen Landstrich im Atlantik seither kaum mehr – seit Jahrzehnten lebt und forscht sie dort, an und in einem faszinierenden kleinen Ökosystem, in dem die wilden Sable-Island-Pferde alle Flora und Fauna mitprägen. Letztere sind nur eine der wie aus der Raumzeit gefallenen Attraktionen, die Sable Island zu bieten hat: Regisseurin Jacquelyn Mills folgt der zwar eremitisch, doch keinesfalls allein lebenden Lucas auf ihren alltäglichen Wegen, die das Sammeln diverser Kleintiere ebenso beinhalten wie Probeentnahmen von – im doppelten Sinne – Pferde-Überresten und Echtzeit-Beobachtungen landschaftlicher Veränderungen. Nicht nur die Filmemacherin, die mit Reaktionen zwischen Analog-Film und Naturmaterialien experimentiert, auch die Wissenschaftlerin begleitet ihren Erkenntnisdrang künstlerisch: Lucas bestimmt und systematisiert Plastikflaschen und Ballons und verwertet sie dann u. a. zu Windspielskulpturen. All das und mehr lässt sich in diesem besonderen Stück Film über ein besonderes Stück Erde und eine besondere Frau am 12. August im Freiluftkino Frame[o]ut im MQ bestaunen. (Jakob Dibold)
