Nach vier ereignisreichen Tagen, die vorwiegend Filmen von jungen Regisseuren gewidmet waren, endete am 30. August das erste aber sicher nicht letzte Filmfestival von Kitzbühel.
Die Gamsstadt ist eher als Sportstadt (Streif, ATP Tennis, vier Golfplätze) und als bevorzugter Wohnort von reichen Russen denn als kulturelle Metropole bekannt (Hansi-Hinterseer-Wandertage klammern wir hier aus), aber die doch sehr mutige Entscheidung von einigen jungen, kinobegeisterten Kitzbühlern, ein international besetztes Filmfestival auf die Beine zu stellen, hat sich für die Organisatoren gelohnt. Das Team um Michael Reisch (Programm), Nina Hipfl–Reisch, Mike Mayr-Reisch (Organisation), Kathryn Perroti (Presse) und Josef Obermoser (Grafik, Marketing) ist in der doch recht überschaubaren österreichischen Festivalszene kaum vernetzt – umso erstaunlicher, dass mit Hilfe von Ex-Kurier-Journalist Rudolf John und Produzent Oswald von Wolkenstein ein qualitativ durchaus hochwertiges Programm mit einigen internationalen Gästen gezeigt werden konnte, darunter einige Welt- oder Europapremieren und sehr viele österreichische Erstaufführungen. Kleinere technische Pannen beim Eröffnungsfilm In God We Trust, einer durchaus spannenden Bestandsaufnahme des Bernie-Madoff-Finanzskandals aus der Sicht seiner langjährigen Sekretärin, passieren bei anderen Festivals auch. Die Q & A Organisation ist verbesserbar, aber im Großen und Ganzen war der Ablauf des gesamten Events reibungslos.
Kitzbühel ist außerhalb des Winters trotz vieler erstklassiger Hotels, die die Wanderer und Golfer mit Tiroler Spezialitäten und diversen Wellnessangeboten verwöhnen, eine kleine Gemeinde und auch das landschaftlich wunderschöne Einzugsgebiet ist nicht übermäßig dicht besiedelt. Deshalb war auch kaum zu erwarten, dass bei 28 Langfilmen (darunter eine kleine Billy-Wilder-Retrospektive) und 6 Kurzfilmprogrammen jede Vorstellung ausverkauft sein würde. Gerade tagsüber, bei strahlendem Spätsommerwetter, verirrten sich manchmal nur wenige Zuschauer in die Kinosäle, aber am Abend ließ sich ein bunt gemischtes Publikum gerne auf die fast ausschließlich in Originalfassung mit englischen Untertiteln gezeigten Werke ein. Wie bei den meisten Festivals üblich, waren das nicht unbedingt Feel Good Movies: In Hell and Back Again begleitet der renommierte Kriegsfotograf Danfung Dennis einen schwer verwundeten Veteranen des Afghanistan Feldzuges bei seiner schwierigen Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Seltene Aufnahmen eines „embedded journalist“ vom Alltag einer Eliteeinheit im Hinterland zwischen mühsamen Verhandlungen mit den einheimischen Bauern und Adrenalin geschwängerten Kampfhandlungen mit einem unsichtbaren Feind werden kontrastiert mit dem Porträt eines körperlich wie seelisch gebrochenen Mannes, der zu einem Fremden in seiner Heimat wurde und am liebsten wieder zurück in den Krieg ziehen würde. Der Regisseur ist immer ganz nahe dran bei seinem (Anti-) Helden, der behauptet, beim Einstellungsgespräch der Armee auf die Frage nach seiner Motivation geantwortet zu haben: „Ich will Leute töten“. Waffen sind auch zu Hause sein ständiger Begleiter. So gelingt ganz nebenbei die mitunter erschreckende Bestandsaufnahme einer im Kern gewalttätigen Gesellschaft und damit ist nicht die Afghanische gemeint.
Auch das turbulenten Privatleben von Roman Polanski bietet Stoff für wohl mehrere Filme. Seine Mutter wurde von den Nazis umgebracht, er musste als Kind aus dem Warschauer Ghetto fliehen, später wurde seine Frau Sharon Tate von Charles Mansons Schergen umgebracht und er des sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen angeklagt. Die mit einfachsten Mitteln gedrehte Dokumentation Roman Polanski – A film memoir ist technisch zwar nicht weiter bemerkenswert (das Werk besteht hauptsächlich aus einem intimen Interview des Meisters, der trotz aller Souveränität in etlichen Passagen starke Emotionen zeigt, mit seinem Freund, dem Produzenten Andrew Braunsberg und eher spärlichen Filmausschnitten) macht aber auf jeden Fall Lust, Filme wie Cul de sac, Rosemary´s Baby, Chinatown oder The Pianist (wieder) anzuschauen.
Von einigen jungen Regisseuren wie Claudio Giovannesi wird man sicher noch mehr hören, seinen Film Ali Blue Eyes drehte er mit äußerst talentierten Laiendarstellern, die sich selber spielen. Ein junger Italo–Ägypter und sein kleinkrimineller Freund schlagen sich mit typischen Alltagsproblemen von 17-jährigen herum, doch als bei einer Messerstecherei der rumänische Kontrahent verletzt wird, ist die Zeit der Jungenstreiche vorbei. Als Alis Mutter ihm verbietet, seine neue italienische Freundin weiter zu sehen, zieht er aus Trotz von zu Hause aus. Wofür er kämpft, nämlich seine Liebe selbst auszusuchen, gestattet er allerdings seiner Schwester nicht. Auch sein bester Freund sollte besser die Finger von ihr lassen. So ist Ali, dessen blaue Kontaktlinsen ihn nur noch auffälliger machen, zwischen den Kulturen gefangen. Dieses beinahe unauflösbare Dilemma mit der richtigen Mischung aus Empathie und Distanz zu zeigen, gelingt Claudio Giovannesi auch mit Hilfe seiner Besetzung auf beeindruckende Art und Weise.
Preise wurden auch vergeben: Man könnte sich schon die Frage stellen, ob der organisatorische Aufwand bei einem so kleinen Festival wirklich notwendig ist, aber vielleicht lockt die Aussicht auf ein bisschen Geld ja doch einige Filmemacher und Produzenten an. Bei den Spielfilmen gewann Tutti giu, eine moderne Coming of age Geschichte aus der Schweiz, die Dokumentarjury überzeugte The Bengali Detective, ein herzerwärmendes Porträt eines indischen Detektivs und seiner Helfer. Das Publikum begeisterterte sich am meisten für einen weiteren Dokumentarfilm, Smash and Grab, der sich in Thrillermanier mit der internationalen Diebesbande Pink Panther auseinandersetzt. Die hohe Qualität der ausgewählten Filme zeigt, wie viele versteckte Perlen es im internationalen Festivalbetrieb gibt, die sonst nie den Weg in ein heimisches Kino gefunden hätten. Wenn die Macher die typischen Kinderkrankheiten des ersten Jahres in den Griff kriegen, kann sich nicht nur das Tiroler Publikum über hoffentlich noch viele spannende Kitzbüheler Filmfestivals freuen.
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